Veröffentlichungen im Internet
Literaturcafé: Herr Kümmerlings Weg ins Literaturcafé
Auslesen-Online 2011: Impressionen aus Griechenland
xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx
Kurzprosa
In unserem Wohnviertel gab es schon immer diese Apotheke, zu deren Stammkundschaft ich gehörte. Als ich vor ein paar Tagen dort ein Rezept einlösen wollte, sah ich einen Zettel an der Tür kleben, darauf geschrieben stand:
„Wegen Geschäftsaufgabe ab sofort geschlossen.“
Ich erschrak und sah das Lächeln vor mir. Ich habe das nicht verstanden. Wenn ich dort hineingegangen bin, bekam ich immer Herzklopfen, war durcheinander, verlegen, denn immer, wenn ich die Apotheke betrat, flog mir ein Lächeln ins Gesicht. Einmal habe ich versehentlich einen Verkaufsständer angerempelt, sodass ein Schwung Vitamin C - Bonbons auf den Fußboden gefallen war. „Ich hebe das schon auf“, sagte ich, doch schon kam sie angelaufen und half mir dabei. Sie bückte sich. Ich auch. Ich konnte ja nichts dafür. Ich roch ihr Haar. Sie hat bestimmt ihre Haare gewaschen. Der Duft. Und dann, als wir mit den Bonbons fertig waren, und ich meine Tabletten eingesteckt hatte, sagte ich: „ Sie lächeln immer so, wenn ich komme,“ und verschwand dann ganz schnell, bevor sie etwas sagen konnte. Da letzte Mal, vor wenigen Tagen, da hatte sie mir noch erklärt, ich solle unbedingt regelmäßig meine Blutzuckerwerte messen. Währenddessen habe ich nur so herumgeschaut, in ihr Gesicht und dann wieder woanders hin. „Sie haben heute wieder so schön gelächelt.“, platzte es aus mir heraus, und damit war ihr geschulter Vortrag zu Ende. Sie lächelte schon wieder, diesmal verlegen und schaute auf den Tresen runter, als ob sie da was machen müsste. „Sagen sie endlich, sie mögen mich. Immer wenn ich hier hineinkomme, sehe ich nichts anderes als ihr Lächeln!“ Sie sagte nur „Ach,“ und versuchte freundlich zu lächeln, „wie kommen sie darauf?“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Dann gab sie mir das Insulin, ich sagte Auf Wiedersehen, streifte den blöden Lutschonbonständer, kam nach draußen und drehte mich nicht mehr um. Gedankenlos ging ich über die Straße, Jedes Auto hätte mich tot fahren können. Es war schon dunkel. Gleich hat sie Feierabend. Ich ging nach Hause und schloss mich ein, schaltete das Telefon aus und döste starr vor mich hin. Unter der Bettdecke starrte ich weiter vor mich hin und beschloss, nie wieder in diese Apotheke zu gehen.
Aber heute, als ich aufwachte, mir die Lust durch die Lenden fegte, und nachdem ich überlegt hatte, was ich mir in der Apotheke kaufen könnte, ohne dass es sonderlich auffällt, mir auch niemand nachsagen könnte, ich gehe nur wegen dieser Frau da rein, kam ich darauf, ich könnte mir ein Fieberthermometer kaufen. Allerdings wollte ich es heute besonders schön machen. Ich kaufte einen Strauß roter Rosen und schlug den Weg in Richtung Apotheke ein. Ich wollte da hinein gehen, ihr den Blumenstrauß schenken, ihr „Du mein süßes Lutschbonbon“ sagen, mich über den Tresen beugen, sie an mich ziehen, indem ich mit der Linken ihre Taille packe, sie gegen das Mobilar in meine Richtung ziehe, sodass ihr Oberkörper schon leicht über den Ladentisch wankt, ihr Ausschnitt vor meiner Nase hängt. Mit der Rechten wollte ich dann ihren Kopf von hinten ganz leicht fassen, ihr Gesicht ganz nah an das meine drücken, damit ihre Lippen sich an meinen Lippen festsaugen können. Da sie sich wehren wird, keine Ahnung warum, habe so was aber schon mal erlebt, wird ihre Kollegin hysterisch herumschreien, bis sie endlich darauf kommt, sie müsse nun mal die Bullen anrufen, hier werde ihre Kollegin verge... nein, das wäre übertrieben...sexuell belästigt. 'Dumme Kuh. Ich liebe die doch nur', werde ich denken. Natürlich wird es so sein, dass irgendein Halbstarker zufällig den Laden betritt, mir den blöden Lutschbonbonständer über mein wertes Hirn knallt, weil dieser Idiot von Scheißcasanova meine Süße beeindrucken will. Mit diesen Gedanken ging ich zur Apotheke hin. Als ich dann den Zettel las: „Wegen Geschäftsaufgabe ab sofort geschlossen,“ erschrak ich und dachte, damit hat sich das Thema erledigt.
(12. / 13. Januar 2012)
xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxx
Loreley
Gestern sind wir mit dem Schiff gefahren. Der Sommer neigte sich, der Wein dumpfte im Schädel. Herrliche Knipserei, der Fels schon abgelichtet achtzehn mal. Mariechen wurde leicht nervös, obwohl ich ewige Treue schwor. Es war ihr nicht geheuer, der Wahn mit der Digitalkamera, zumal auch der Fels etwas besonderes war, obwohl nur Gestein. Was sonst? Aber in Sorge war Mariechen. - Was soll die blöde Knipserei, lechzt nach der Nixe blonden Zopf! - Ach, Marie, da gäbe es noch viel mehr zu lechzen, warum aber machst mir seltsame Mätzchen? Ich knipse nur den ollen Stein, und du träumst dralle Schlingelein. - Oh, nee, du Mann, schmier mich nicht an. Ich weiß schon wir du funktionierst und ständig nach der Lore gierst. Verstehe bloß nicht, warum ihr Mannsbilder immer wieder auf solche Nixen hereinfällt, obwohl schon viele von euch Verstandeslosen wegen so einer ins Gras gebissen haben. Wenn sie auf dem Bild in wilder Schönheit digital, wirst du dich zu Tode winden. Ist dir das egal? Schaust du tief in Lores Augen, wird sie dir das Leben aussaugen und mich zur Witwe machen. - Romantikgesülz. Die Lore vor zehn Jahr, als sie flocht ihr goldnes Haar, da blieb ihr Kamm bis aufs Verrecken in ihren fettigen Strähnen stecken. Sie zupfte und rupfte, verlor manch' Haar, sie wütete und rutschte, der blöde Kamm, fürwahr. Sie wollte noch versuchen, gefreut hätts die Eunuchen, an einem Ast sich festzuhalten, um ihr Leben zu erhalten, doch griff sie nur ins Leere und fiel dem Fährmann in die Quere. Der hörte noch den Hexenschrei, verschwunden war die Loreley. - Wieso verschwunden?, fragte Mariechen, ich hätte eigentlich damit gerechnet, die habe, weil sie aufs Wasser aufgeschlagen, einen Dauerkopfschmerz haben müssen. Egal, ich glaub dir sowieso kein Wort. - Alles wahr, Marie. Der Fährmann lief dann völlig aufgebracht in St. Goarshausen herum und schrie, das Lorchen ist tot. Niemand aber glaubte ihm. Der spinnt, hat einen in der Krone und so. Nur der Staatsanwalt war interessiert. Bevor er aber den Fährmann des Mordes anklagen konnte, zog die Lore den Schiffer in ihr Grab, der gellende Hexenschrei ihm nie aus den Ohren gegangen war. - Jetzt ist aber Schluss, Mann. Trinken wir lieber noch was.
Und so fuhr das Schiff durch die Rheinenge.
(September 2011)
In der Buchhandlung meines Vertrauens
(Sie können sich vorstellen, dass ich auch mal in eine Buchhandlung gehe. Dort kann man alles mögliche erleben. Auch wenn mir der Protagonist hier und dort auch mal sympathisch ist, ist diese Geschichte frei erfunden. Alle Personen und Lokalitäten sind fiktiv).
Teil I
Gestern war ich ich der Buchhandlung und kaufte Heideggers „Holzwege“, und als ich an der Kasse gestanden bin, guckte mich die Verkäuferin so seltsam an, als ob ich doof wäre, und ich guckte so zurück, dass ich gar nicht beschreiben kann, wie ich zurückguckte, und das zog sich so viele Sekunden in, sodass ich nicht mehr wusste, wo ich hingucken sollte, und um die Anguckerei sinnvoll zu beenden, hatte ich einen Einfall und sagte „Äh..“, daraufhin die Verkäuferin mich anders anguckte als vorher und fragte, warum ich drei Exemplare dieses Buches kaufe. „Ich lese das dreimal, denn doppelt hält besser“, sagte ich und da guckte sie schon wieder so doof, als ob sie dachte, ich sei doof, was überhaupt nicht stimmt, denn ich bin niemals doof gewesen, nur einmal, als ich in ein parkendes Auto reinfuhr, was aber nicht der Rede wert ist, ich also noch niemals doof, sie aber dachte, ich sei doof und irgendwie wurde mir alles zu blöd. Möge sie doch endlich mal anders gucken. Dann fing sie auch noch an zu kichern, das mag ich überhaupt nicht, entweder man lacht man richtig oder lässt es bleiben, aber so ein dämliches Gekichere ist wirklich zu doof, und ich wusste nicht, was das Gekichere sollte, schließlich wollte ich mir nur ein Buch kaufen. Beinahe hätte ich 'Halt die Klappe' gesagt, da sagte sie, : „72€, bitte." 'Bitte sagen kann sie wenigstens', dachte ich, legte ihr das Geld hin und war froh, als ich draußen war. Wegen so ein bisschen Bildungwillen wird man heute ausgelacht. Schweinerei, der guck ich nicht mehr ins Gesicht! Ich bin doch nicht doof!!
(29.07.2011)
Teil II
Der geneigte Leser erinnert sich an die Verkäuferin, die mir mit ihrem Gekicher auf den Nerv ging, und doch, heute Früh beschloss ich, noch mal in diese Buchhandlung zu gehen, weil mir zu Hause klar wurde, die Verkäuferin eigentlich mehr als ganz nett aussah. Meine Frau war einkaufen, so ich die Zeit nutze wollte, um..., oh, nein, glauben Sie nicht ich bin ein Fremdgeher. Ich liebe meine Frau, aber so rumgucken darf ich doch. Na und? Außerdem ich noch ein paar Bücher wollt, und ob die Verkäuferin immer so merkwürdig wie gestern war, ich auch froh, dass ich meiner Frau nicht sagen musste, dass ich noch mal in die Buchhandlung ginge, weil sie gestern mit den Nerven am Ende war, als ich mit den Heideggers heimkam.
Ich fuhr los und betrat den Laden, guckte mich vorsichtig um, ob die irgendwo rumlief, visierte dann aber doch erst mal ein Buchregal an, an dem ich gestern nur flüchtig vorbeigehuscht, zog drei Taschenbücher heraus und ging Richtung Kasse. Da stand sie und als sie mich sah, schaute sie weg und gab einer Kollegin ein Zeichen, sie solle Kasse machen. Was hat die nur, denkt wohl, ich bin hinter ihr her oder so, was für eine Fantasie Frauen nur haben..tz.., habe ich sie gestern genervt ? Nein, kann nicht sein, die hat doof gekichert, nicht ich, ach, scheiße, hat die 'ne Figur, man(n) und schon legte ich die Bücher auf den Tresen: Die Justine, die Juliette, Die 120 Tage von Sodom. Und, die, also die andere, nicht die von gestern, die sich inzwischen irgendwohin verdrückt hatte, die andere, als sie auf die Bücher guckte, gurgelte so ähnlich wie ein Schluckauf herum, holte tief Luft, ich dachte schon, der gehts nicht gut, und fing an, nein, nicht zu kichern. Die grinste irgendwie ins Leere und seufzte, eigentlich hier nicht mehr zu unterscheiden war, ob sie seufzte oder stöhnte und plötzlich, als ob ihr gerade ein Erinnerungsfetzen durch ihren hübschen Sünabsenschädel gebraust war, prustete sie so ein befreiendes Lachen heraus, dass ihr ein paar Tränen in den Augen standen und sagte: „Ich hatte mal einen Freund, der fand das geil.“ - „Was geil.“ - „Na, den Marquis.“ - „Das ist nicht geil, gute Frau, es werden nur scheinheilige Moral-und Tugenvorstellungen an die Wand gefahren.“ Dann fing die Verkäuferin an zu lachen, und ich war wirklich davon überzeugt, sie lache mich aus. „Sie haben noch nie „Philosophie im Boudoir“ gelesen, nicht wahr? Sollten sie aber. Übrigens, sehen sie mich nie wieder. Erst kichern, dann auslachen, nicht wahr?, sagte ich mit stoischer Gelassenheit. Ich habe die Schnauze voll, werteste. Ich bestelle nur noch online! Jetzt war ich doch beleidigt und schmiss ihr Schotter vor ihre Nase. Dann verließ ich, nicht noch mal zurückguckend, das Fachgeschäft.
Epilog
Zurück zu Hause war meine Frau schon da und wollte gleich wissen, was ich getrieben hätt. Drei Bücher habe ich gekauft. „Was , bist du doof? Du hast doch den Heidegger erst!“ „Ja, aber für den brauche ich länger. Konnte gestern nur einen Absatz lesen.“ - „Nur, einen Absatz, ha“, krächzte sie halblustig hervor, „und was hast du jetzt da?“ Aus meinem Rucksack kramte ich die Bücher hervor, legte sie auf dem Wohnzimmertisch und sagte, die seien fürs Wochenende. „Schon wieder drei Bücher“, schimpfte sie und schaute genauer hin. „Was, der Marquis, der Sade, nein, bis du wahnsinnig geworden? Solche Dreckbücher kommen mir nicht ins Haus. Bin dir wohl nicht mehr attraktiv genug. Elendes Männerpack! Irgendwann musste ja so was kommen!“ - Aber, mein Lottchen, was hast du denn, ich liebe dich doch.“- „Widerlich!“, schrie sie, fing an zu weinen und ließ sich auf den Stuhl nieder. Ich reichte ihr ein Taschentuch und sagte: „Aber, Lotte, beruhige dich doch bitte. Du weißt, ich war dir immer treu, niemals habe ich an eine andere gedacht und finde dich immer noch hinreißend. So wird es auch immer bleiben. - Ich weiß, bin ein oller Bücherverrückter, aber dieser Marquis de Sade fehlte noch in meiner philosophischen Sammlung, denn du musst wissen, das sind nicht solche Bücher, wie du meinst. Du weißt schon. Na ja, so was kommt schon mal vor, ist aber völlig unwichtig. Das ist Moralphilosophie. Nichts weiter. Die Verkäuferin im Laden hat das nicht kapiert, aber ich weiß, du wirst das verstehen. Es geht um den doppelten Boden.“ Da horchte Lotte plötzlich auf. „ In der Juliette rechnet De Sade mit Moral- und Tugendvorstellungen in Frankeich ab,“ ergänzte ich klärend. „Du weißt doch, Lottchen, wir sind doch immer so gerne nach Frankreich gefahren.“ Allmählich beruhigte sich meine Frau wieder, hat wohl eingesehen, dass ich nicht zum elenden Männerpack gehöre, machte ihr auch noch einen Vorschlag, die Juliette gemeinsam zu lesen. Ich lese zwei Seiten vor, sie die nächsten zwei Seiten usw. „Das wird ein lustiges Wochenende“, versprach ich ihr. Und dann redete ich mit ihr noch über Platon, den einzigsten Philosophen, von dem sie während ihrer Schulzeit ein bisschen gehört hatte. Wir plauderten über die irdische und himmlische Aphrodite und erklärte ihr, hier gebe es keinen doppelten Boden darunter, sondern einen Himmel darüber. „Die irdische Aphrodite, dass ist das, was wir manchmal so machen, von der himmlischen Aphrodite aber hat niemand eine Ahnung, weil unsere Sinne den Blick zu ihr trüben. Wie in einer dunklen Höhle tapsen wir rum, manchmal laufen wir sogar gegen die Höhlenwand, unsere Sinne dann sogar ausgeschaltet sein können.“ - Mein Lottchen warf ein, „die tapsen gegen die Höhlenwand, weil sie tief in die Weinflasche geguckt haben, und dann ist es ja so, neulich war ich beim Friseur, und da habe ich gelesen, Alkohol mache impotent. So da haben wir das nun. Diese Männerclique da, die haben gesoffen, und konnten mit ihren Frauen nichts anfangen, darum sie ihren Trieb in Fantasien auskosten mussten, und weil sie mit den Frauen, Xanthippen usw. nichts anfangen konnten, unterstellte man ihnen eine Homoerotik. So war das, ja! Aber einer unbedeutenden Hausfrau glaubt ihr Philosophenhirne ja nicht.“ - „Das hat sich jetzt aber so angehört, als wärst du dabei gewesen“, sagte ich und nahm sie in die Arme. Wir küssten rum und weiteres mehr.
(30.07.2011)
xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx
Abschalten Neulich
bin ich durch das württembergische Land gefahren, an Günzburg
vorbei und sah aus dem Zugfenster. Zwei fette weißgetünchte Türme
ragten hinter Bäumen hervor, Qualm streckte sich zur Wolkendecke.
Ein paar Wohnhäuser duckten verstört unter den Bäumen, sonst
weites Grün bis zum Horizont. Zu Hause habe ich natürlich gegoogelt
und weiß nun, was das für ein Atomkraftwerk war. Alle reden sie vom
Abschalten, der Fernseher ist voll davon, aber keiner sagt, wie das
geht. Ich meine, ist da nun ein Knopf, auf dem einer draufdrückt und
das Atomkraftwerk ist abgeschaltet? Die stellen da also jemanden ein,
der nur auf einen Knopf aufpassen muss, damit niemand draufdrückt.
Nur wenn die Merkel das will, darf er draufdrücken. Niemand anders,
und weil dieser Beruf ein sehr ernster Beruf ist, der ständige
Konzentration erfordert, darf er im Atomkraftwerk nicht lachen. Nach
Dienstschluss kommt er aus dem Tore und kann immer noch nicht
lachen. Alle, die im Atomkraftwerk arbeiten, haben das Lachen
verlernt, denn wenn einer Mist baut, haben die den Mistgau.
Solche
lachlosen Gestalten wollte ich mir unbedingt ansehen. So setzte ich
mich Tags darauf in einen Zug. In Hagelstadt stieg eine gut
aussehende Blondine ein. Warum die sich ausgerechnet mir schräg
gegenüber hinsetzte und dort ihren Laptop aufklappte, ist mir ein
Rätsel. Ihre Schönheit machte mich trotz ihrer Ohrhörerverkabelung
verlegen. Scheu blickte ich oft hinüber, dann hob sie irgendwann
ihre Augen, sodass mein Kopf mit gespielter Unschuld zum Fenster
'rüberdrehte, sich in der vorbeifliegenden Landschaft verlor. Mit
einem unrasierten Bleichjeansträger redet die doch nie. Was soll ich
machen, wenn die andauernd ihre blöden Ohrstöpsel drin hat. Als
ich weiterhin aus dem Fenster döste, tauchten da unerwartet die
Augen einer Frau auf. Im ersten
Moment erschrak ich,
als ich genauer
hinsah, war ich
beruhigt. In der Fensterscheibe spiegelte sich nur das Gesicht der
Frau, die ihm gegenüber saß.* Ihre
Augen wiegten mich in
den Schlaf. Ich hörte noch eine innere Stimme brummen: „Können
sie nicht ihren blöden Laptop abschalten?“ - Dann standen wir, du
und ich, ganz allein vor Isar I, und waren glücklich, Hand in Hand,
und ich ärgerte mich nicht mehr über meine Naivität, zu glauben,
hier einen Abschalter antreffen zu können, denn der Herr müsste
beruflich schon längst erledigt sein. Er hatte schon draufgedrückt.
Heute an diesem herrlichen Sonnentag waren wir im Glück allein und
sahen die Türme friedlich zum Himmel ragen. Sie schmiegte zärtlich
ihre Backe an die meine und flüsterte: „Du, hast du mal ein
Taschentuch für mich?“ Sie hatte mich tatsächlich angefasst,
denn jäh aus dem Traum gerissen, bekam ich noch mit, wie sie meinen
Arm losließ. Wachgerüttelt hat sie mich...“Was ist denn los?“
fragte ich verträumt und sah in ihr knuddeliges Knutschgesicht.
Nicht zu fassen, sie hatte mich tatsächlich berührt. Das wäre mir,
auch wenn ich immer noch ihre Backe an meiner Backe spürte, niemals
im Traum eingefallen. Hand in Hand vor dem Atomkraftwerk.
Sommerhitze. Ein unstillbares Verlangen überfiel mich. Ich konnte
mich nicht mehr beherr...nein, das kannste nicht bringen, total
bescheuert. Doch plötzlich, was für eine Freude, sie hat ja keine
Stöpsel mehr in den Ohren. Ich muss wohl gelächelt haben, sie sah
mich so lieblich an. Aus ihrem Honigmund floss ihre warme Stimme, die
mich hoffnungslos weichkochte. „Entschuldigen sie, ich habe sie
geweckt, tut mir wirklich Leid, aber, es ist mir wirklich peinlich,
ich habe meine Taschentücher zu Hause liegen gelassen. Wissen sie,
zu Hause habe ich nämlich noch meine Kopfhörer gesucht, musste dann
schnell zum Bahnhof und habe vergessen, Taschentücher einzustecken.
Und jetzt läuft meine Nase so fürchterlich, sie läuft, läuft und
läuft.“ - „Laufen sie bitte nicht weg“, flog es aus meinem
Mund, „sie sind ja so.. so,...äh“, dabei wühlte ich schon in
meiner Hosentasche und zog eine Packung heraus. „Hier, nehmen sie
bitte.“ Sie war hocherfreut und schneuzte sich. - „Hoffentlich
haben sie nicht auch ihre Fahrkarte vergessen.“ Diese bezaubernde
junge Dame erschrak so fürchterlich, dass es mir unendlich Leid tat.
Verzweifelt wühlte sie in ihren Sachen. Irgendwie musste ich sie
doch beruhigen. „Ich habe auch keine.“ - „Wie?“, erwiderte
sie. - „Keine Fahrkarte“. Sie sah mich verstört an. Um sie bei
Laune zu halten erklärte ich: „Auf dieser Strecke habe ich es
oft erlebt, dass kein Schaffner vorbeigekommen ist.“ Da fing sie an
zu kichern. Wir begannen, unbeschwert zu plaudern, und irgendwie war
es so, als wären wir die besten Freunde. Sie schaltete sogar ihren
Laptop aus und verbarg die Ohrenstöpsel in der Handtasche. In
Landshut stieg ich nicht aus. Ich war der glücklichste Mensch auf
Erden. Zufällig kam es ans Licht, dass sie wohl doch einen Freund
hatte. Ich schob das aber in den Hinterkopf. So unterhielten wir uns
bis München und amüsierten uns köstlich auf dem Bahnsteig, weil
der Schaffner ausgeblieben war. Doch schließlich kam es so, sie
verabschiedete sich schneller, als es mir lieb war, und verschwand im
Bahnhofgetümmel. Eine Träne floss über die Backe, an die sie sich
einmal gelehnt hatte. xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxxx
Chips Schuhe
klatschten in die Bordsteinpfütze. Der Regen spie auf das
Pechvogelhaupt, welches zu den Fenstern im dritten Stock aufsah. Dort
brannte kein Licht, nur der Schein einer Straßenlaterne
versuchte, durch die Gardinen zu schleichen. Triefnass stand die
Gestalt zu später Stunde vor dem Haus, und wenn zu dieser Zeit
noch jemand anders auf der Straße geschlichen wäre, dann
sicher nicht freiwillig. Alles schlief, nur Herr Vladis Smirsolcz
fand keine Ruhe. Er wusste, dort oben wohnt sie. Am Vormittag sah er
sie auf dem Markt zum ersten Mal. Dann schlurfte sie noch mit
gefüllten Taschen zum Bäcker Janowicz und verließ den
Laden mit einem dicken Laib Brot unterm Arm. Herr Smirsolcz
verfolgte sie bis in ihr Haus, oben im Treppenhaus verschwand sie
hinter einer Tür. Seitdem ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf,
und Vladis brach in dieser Nacht in das Haus ein. Schließlich
wollte er sich nur holen, was er brauchte. Mit Brechstange, Keil und
Meißel verschaffte er sich Zugang in die Wohnung. So stürzte
der arme Herr Smirsolcz mit leerem Magen in die fremde Küche.
Gierig riss Vladis die Kühlschranktür auf und ein großer
Traum flog ihm in die Hände: Kräuterleberwurst, Butter,
Champignonkäse, Radieschen, Endivien, Tomaten... Kurz gesagt
alles, was sein Magen begehrte. Auf dem Küchentisch lag der
große Laib Brot, den er vor vielen Stunden schon einmal gesehen
hatte. Nur eine kleine Ecke war abgeschnitten und im Magen der Dame
gelandet, die nebenan friedlich schlief.
Vladis Smirsolcz war
kein Verbrecher, nur einmal in seinem Leben wollte er menschenwürdig
speisen. Doch nun, als sein Magen gefüllt war, nahm seine Gier
über Hand. Er schlich den Flur entlang auf die Tür hinzu,
hinter der er das Schlafzimmer vermutete. Vladis war von Hoffnung
erfüllt, im Nachtkästchen der Dame noch etwas Begehrenswertes zu finden; vielleicht ein Stück Schokolade, und
schon drückte er bedacht die Klinke herunter. Vladis war
erleichtert, keine knarrendes Geräusch zu vernehmen, als die Tür
sich öffnete, nur leichte Schnarchgeräusche füllten
den Raum. Als Vladis aber den Schattenriss erblickte, der sich mit
ausgebreiteten Armen vor dem Zimmerfenster aufbäumte,
schlotterten seine Knie und sein gefüllter Magen wog so schwer
wie seine Brechstange. Schon bereute Vladis, sein Gewissen lastete
schwer. Der finstere Schatten erwies sich zwar als ein Ficus, und
Lust auf Schokolade war ihm vergangen, doch ein Zurück gab es
nicht mehr. Mit Vorsicht ging er an dem Gewächs vorbei. Das Bett
umrundet, ein scheuer Blick auf die Schlafende, ruckelte er nervös
an der Schublade des Nachtkästchens, sodass die alte Dame aus
ihrem Träumen gerissen wurde. Ihr ward es nicht mehr gegönnt,
jemandem den letzten Traum ihres Lebens zu erzählen. Gerade
hatte sie geträumt, ihr schusseliger Ehemann suche wieder mal
seinen Hausschlüssel in irgendeiner Schublade. Als sie nun
erwachte, ihren Kopf leicht vom Kissen erhob, glaubte sie, den Geist
ihres verstorbenen Gatten zu sehen. „Hallo Macin“, rief sie
erfreut. Vladis drehte sich erschrocken zur Seite. Als die gerade
noch Träumende in das entsetzte Gesicht des unbekannten Mannes
sah, verstummte sie auf ewig und fiel ins Kissen zurück. Vladis
erklärte noch, er sei der Vladis und nicht der Macin, doch seine
Worte verloren sich in der Stille. Er habe niemanden Schaden wollen,
beteuerte er später vor Gericht. Er wollte nur mal was
essen.
Vladis kam in die angesehene Besserungsanstalt des
Neurochirurgen Pawel Gorcyzka, der im Herzen von Masuren die
Forschungen von Dr. Joseph Dellbridge/USA über
Gehirn-Bio-Chipimplantate zum sensationellen Durchbruch verhalf. Dr.
Gorcyzka war überzeugt, aus Verbrechern anständige Menschen
zu machen. Vladis galt als voller Erfolg. Der Gehirnchirurg
verpflanzte ihm einen Bio-Chip in den Frotallappen, dann wurde Vladis
als geheilt entlassen. Wenn die Chips aber gelegentlich mal so aus
Vergnügen machten was sie wollten, raubte Vladis wieder alte
Damen aus. Auf gerichtlicher Verfügung ließ er sich noch
einmal operieren. Heute verkauft er im Kino
Kartoffelchips.
xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx
Yvonne
Der Barhocker ist gerade freigeworden und schon hockt ein anderer praller Hintern. Der Aschenbecher verbiegt die Nase. Yvonne träumt aus dem Lautsprecher, schwelgen dahin, wenn nicht das Gelächter, das Gequassel wär, einfach zu voll, angerempelt von hinten, ach, Entschuldigung, und weiter, gar nicht hinhören, Catterfeld schon, und da, die Laufmasche, an der geheftet ein Blick, ging bis übers Knie, die schwarzen Strümpfe verloren sich im Kaufhausgewühl. Die Bedienung schiebt ein Bierglas vor die Nase, Aschenbecher verschwunden, Goldkette über das gebeulte schwarze shirt, keine Laufmasche, blaue Jeans tragen die lechzenden Brüste und Yvonnes Haare wedeln zwischen Gläser und Zapfhahn, eine Hand umfasst den schmalen Hals, das wellige Haar liegt auf der Zunge, in der Hose wallt es, jemand schlägt auf den Rücken, Bierschaum tröpfelt von den Lippen, hallo Matthias, ach so, Kevin ist‘s mit seiner Flamme, wie die lächelt, man, der hat‘s gut. Scheiße. Bis morgen dann (und ab), nur deswegen der Schlag auf‘s Kreuz, Affe. Durch den Monsun albert in der Luft, kein Bock drauf, verstörte Blicke, Yvonne..... über den Tresen gefleht, wie bitte? Ca...Catterfeld (würg und roter Kopf), sie lächelt und schwupp die Disc im Player.....
xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
Sterntaler
Herr Thaler arbeitet schon sehr lange nicht mehr und hat seinen Beruf vergessen. Er schlendert im Licht weihnachtlicher Beleuchtung, sieht Glühweintrinker und fröhliche Kinder, die in Süßigkeiten beißen. Herr Thaler wollte so gerne gebrannte Mandeln kaufen, verkneift es sich aber, weil er seiner Schwester ein Paket schicken möchte. Er setzt seinen Spaziergang in anderer Richtung fort.
Die Lichter des Weihnachtsmarktes sind längst erloschen, da kehrt Herr Thaler zurück und geht an den verschlossenen Verkaufsbuden vorbei. Plötzlich ein Knartsch unter seinem Schuh. Er bückt sich und blickt auf eine zertretene Mandel. Seine Finger tasten auf die platte Köstlichkeit. Ein paar Krümel legt er auf seine Zunge. Mehr kann er sowieso nicht essen, hat er doch gerade ein neues Gebiss durchgefochten. Er begnügt sich mit weicherer Kost. Nun ist er mitten auf dem Weihnachtsmarkt eingeschlafen und Sterntaler regnen vom Himmel.
xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx
Polizeieinsatz
Am liebsten sitze ich in meinem Stammcafé im Herzen der Altstadt, genauer gesagt davor, denn in der Sommerzeit steht genug Gestühl auch auf den Pflastersteinen. Da gehen viele Menschen vorüber, Mütter mit ihren Kindern, Fahrräder rollen hinun her, Touristen fotografieren den Brunnen und kein Auto. Ist ja Fußgängerzone. Ach doch, kommt schon vor, dass ein Polizeiauto vorüberfährt. Polizisten dürfen nämlich nicht mehr zu Fuß gehen, weil sie ihre Energie für körperliche Einsätze aufsparen müssen. Jedenfalls verbringe ich dort gerne freie Nachmittage. Da war's einmal so:
Ein Besoffener schlief am Brunnen. Er war
besoffen, ja, denn ein paar leere Flaschen lagen dort herum, ebenso
ein zotteliger Hund. Keiner achtete auf den Mann, alle liefen vorbei,
und als ich ihn sah, wie er am Brunnen lag, dachte ich, er sei
vielleicht tot. Da kam ich in arge Bedrängnis, denn, ich traute
mich nicht, zu dem Besoffenen hinüberzugehen; hörte
schon die Bedienung schreien, ich müsse erst den Kaffee bezahlen
oder schlimmer noch, man würde mich gleich als Zechpreller
beschuldigen. Das wär mir so unangenehm und peinlich gewesen, dass
ich wie gelähmt am Stuhl festkleben blieb. Den Karotispuls würde
ich schon finden, dachte ich, aber was, wenn ich ihn doch nicht
finde, bzw. nichts fühle, keinen Puls? Was dann? Die übliche Leier
aus dem Erste-Hilfe-Lehrgang. Scheiße. Grübelte, wie oft ich die
Pumpe massieren müsse, und wieviel Atemzüge durch's Nasenlöchl
oder Mund. War mir nicht mehr so sicher.
Musste plötzlich auf's Klo. Der Kaffee. Stand also auf, und als ich zurückkam, sah ich beim Brunnen ein Polizeiauto stehen. Ein Polizist lag am Boden. Was war passiert? Ich erkundigte mich bei der Bedienung. Mir wurde gesagt, der Hund habe zugebissen.
xxxxx xxxxx xxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxx xxxxxx xxxxxx xxxxx
Versenkung
Das Café "Kränzchen" liegt in einer
ruhigen Gasse. Gestern, die Kaffeetasse war gelehrt, nahm ich mein
Buch über "Die vier edlen Wahrheiten"
zur Hand und genoss die Stille des Nachmittages. Ich war schon so
richtig weggetreten, mein Geist trieb in höheren Spären, da
blickte ich doch irgendwann einmal verträumt auf. Ein
Frauenrücken stach mir ins Geäug. Sie saß am Tisch
vor mir. Das veranlasste mich zu der Überlegung, sollte ich mich
wieder in die Lehren des Buddha versenken oder an dem Damenrücken
hängenbleiben. Unbedingt sei hinzugefügt, den Rücken
konnte ich sowieso nicht sehen, denn ihr schwarzes Haar verdeckte die
halbe Wirbelsäule, die sie unter ihrem roten Pullover versteckt
hielt. Verwirrt, was zu tun sei, der Welt zu entsagen oder den
Pullover hochzuziehen, versuchte ich, mich doch wieder den Lehren
zuzuwenden. Das gelang mir ganz gut. Als ich wieder aufsah, war das
Mädchen verschwunden.
xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx xxxxx
xxxxx xxxxx
xxxxx
Eine
Ostergeschichte
Männer und Ostereier, das ist so eine Sache.
Letztes Jahr, genau vor einem Jahr, also Ostern, Frau Salmusl hatte auf dem Donaumarkt ganz frische Eier gekauft vom Lande und zwar für ihren Mann. Frau Salmusl aß ja nur Schokoladeneier, denn das Gelbe vom Ei verdaue viel zu lange im Gedärm, dass sie befürchten musste, ihr werde zu Mittag die Übelkeit bis zum Kopf steigen, wenn sie auf dem Osterlamm kaue.
Herr und Frau Salmusl aßen also zum Frühstück Osterbrot mit Schokoschmiere, der Herr zwei Eier dazu. Kurze Zeit später war Herr Salmusl im Krankenhaus wegen Salmonellenvergiftung und ist leider daran verstorben. Da half auch nicht mehr der Zwetschgenschnaps, den seine Frau ihm über die Zunge goss, bevor die Sanitäter eintrudelten. Das war vor einem Jahr.
Frau Salmusl wuchs der Kummerspeck. Erst dachte sie, sie sei noch geschwängert in der Karfreitagsnacht, doch es lag an ihrer Schokoladenesserei. Sie fraß den Kummer in sich hinein und verweigerte freudianische Sitzungen auf dem Couchgestühl.
Neuerdings fluppst ihr die Magensäure desöfteren bis zum Zungengrund und klagt über Übelkeit. Ach so, denkt sie manchmal, hätt' ich doch damals in das Hühnerei gebissen.
xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx
Kuhgässl
(eine Altstadtidyll)
Markus war Geschichtsstudent und fuhr nebenbei Taxi. Das Kuhgässl kannte er aber nur vom Hören. Und so schwang er sich eines schönen Sommertages auf seinen Drahtesel und radelte in die Innenstadt, schlängelte sich zwischen Kinderwagen und Arbeitslosen und bog in falscher Fahrtrichtung in die Ludwigstraße. Das konnte er riskieren, denn plötzlich verschwand er und holperte über das Kopfsteinpflaster einer Seitengasse. Er glaubte sich am Ziel, als er durch einen sehr schmalen Durchgang schlingerte, die Einkaufstasche einer jungen Dame sich in den Speichen seines Fahrrades verfing und beide sich verschreckt in die Augen sahen.
-Oh, das tut mir Leid. Da läuft etwas aus ihrer Tasche.
-Der Joghurt...
-das ist mir wirklich peinlich, wissen sie....( er schaute auf ihren schlanken Hals, dann wieder in ihr Gesicht)..ist das hier das Kuhgässl?
-Was?
-Das Kuhgässl.
-Ach so, das Kuhgässl,
zwitscherte ihre helle Stimme aus dem Lippenrot und bekam einen Lachanfall. Markus bekam einen Einblick auf ihr Gaumenzäpfchen.
Markus bückte sich, um die Tasche aus den Speichen zu entwirren. Sein Kopf hing auf der Höhe ihrer Knie, die vom roten Kleid nicht bedeckt waren. Er riss sich zusammen, schielte nur kurz auf die nackte Haut, zupfte ungeschickt an der Tasche, als wolle er Zeit schinden und noch einmal einen riskanten Blick wagen. Endlich richtete sich Markus wieder auf und übergab ihr die Tasche.
-Ich stehe in ihrer Schuld und möchte ihnen gerne Joghurts kaufen, wir können uns aber auch in das Bistro da vorne hinhocken. Ich lade sie natürlich ein.
Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Uhr.
-Warum nicht...
und sie gingen ins Allora . Bevor Markus in den Hof eintrat, blickte er zurück und sagte:
-Dort passt wirklich keine Kuh durch...
-Ist aber nicht das Kuhgässl, junger Mann.
-Ich heiße übrigens Markus.
-Sabine..
Sie reichte ihm die Hand. Ein verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Da lag nun ihre Hand in seiner.
-äh...bitte setzten sie sich doch
und bot ihr einen Stuhl an. Er wusste nicht was er sagen sollte....
-Ich war mal in Knossos und fotografierte den Zentralhof. Und raten sie mal, wer auf dem Hof stand. Eine junge Frau mit rotem Kleid. Das könnten sie gewesen sein.(Inzwischen saß er ihr gegenüber).
Nun lachten beide.
Er sieht gut aus, dachte sie, seine dunklen Augen.... Markus fuhr mit einer Hand über die Backe, es war ihm nicht anzusehen, dass er sich über seinen Dreitagebart jetzt ärgerte.
-Ganz schön heiß in so einer Jeans, sagte Sabine, um etwas zu sagen.
-Ich habe nichts anderes...(Scheiße, was rede ich).
-Naja, hier weht glücklicherweise ein frisches Lüftchen.
Gott sei Dank kam der Kellner und rettete Markus von dem blöden Thema.
-Die haben hier einen leckeren Salat mit T.G.P., Karotten und Champions
- T iramisu, G ummibärchen und p otatoes?
-Nee, T omaten, G urken und P aprika
-Hört sich gut an. Probieren wir's.
So saßen sie allein im schattigen Hof und tasteten sich mit Blicken ab. Die lange Jeans und der Dreitagebart waren längst vergessen und sie kamen ins plaudern. Der Salat war schon halb verspeist und Markus kam nicht mehr von ihren Augen, von ihrem Mund, und ihren Haarlocken los, und Sabine amüsierte sich, dass jemand in der Bullenhitze auf die Idee kommt, in die Stadt zu radeln, um das Kuhgässl zu suchen.
-Entschuldige, ich muss mal telefonieren, sagte Sabine nach einer Weile und kramte ihr Handy hervor.
-Du hast ein Taxi bestellt?, sagte er, als ihr Handy wieder verschwand. Wir sehen uns hoffentlich wieder.
-Ich weiß nicht.
-Ich möchte sie so gerne....
-küssen?
-k..k..kennenlernen(sein Kopf lief rot an).
-Es war sehr nett von ihnen, mich einzuladen.
-Ja, es war sehr schön m..mit dir.
Sabine stand auf, rückte ihren Stuhl an den Tisch.
-Mach's gut, Markus, ich muss jetzt gehen.
Sie reichte ihm die Hand. Da lag nun wieder ihre Hand in seiner. Mit der anderen Hand kraulte Markus in Sabines Haar. Markus schaute traumverloren herab in ihr Gesicht. Sie schaute entschlossen herauf in seine dunklen Augen.
-Es tut mir leid, ich gehe jetzt. (Sie verließ den Hof).
-Wo willst du denn hin?, schrie Markus durch die Hausfluchten.
Sie ging schon diese Nichtkuhgasse hinunter und er hinterher.
-Nun, warte doch. Du kannst doch nicht einfach so...
Sie hatte es nicht mehr weit bis zur Straße und drehte sich herum:
-Verstehe mich nicht falsch, es war ja sehr nett mit dir, aber ich muss...
-Halt, sie haben noch nicht bezahlt, rief der Wirt in scheinbarer Verzweiflung hinter ihnen her.
-Ich komme gleich, schrie Markus zurück.
Sabine war schon weiter bis zur Straße und ein Taxi hielt. Die Autotür öffnete sich, Markus lief auf sie zu und faselte völlig außer sich von seiner Telefonnummer, die er ihr geben müsse. Sie schaute besorgt zurück, setzte sich ins Auto, die Tür fiel zu. Er sah noch, wie sie sich zu dem Taxifahrer hinüberlehnte. Es schien so, als küsste sie ihn, und der Wagen für die Straße hinab. Markus, inzwischen erbleicht, bekam trotzdem mit, dass ein Buss den Straßenverkehr zur Langsamkeit zwang. In seiner Verzweiflung durchschoss ihm eine Idee, eine letzte Chance, seinem Glück nachzujagen. Der Wirt führte immer noch im Schatten der Gasse einen Affentanz auf, Markus rannte durch die Gasse, drückte dem Wirt einen 20er in die Hand -(die hagere Gestalt hinterließ dem Kellner einen unheimlichen Eindruck. Niemand, nur der Kellner hat die Qualen in Markus' blutarmen Antlitz gesehen)- schwang sich aufs Fahrrad und bog in die Engelburgergasse ein. Auf der Keplerstraße wollte er das Taxi abfangen. Auf halber Strecke legte er aber reflexartig eine Vollbremsung hin. Er sah, wie ihm ein rotes Sommerkleid entgegenkam. Leichtfüßig, fröhlich, von einer Sommerbrise geküsst, immer näher, immer näher......
cxxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx
Schöner
Urlaub
Kreta im Mai. Der Wind fegt über das Schluchtgefälle,
er gräbt sich fauchend in mein Gesicht. An einem Steinbrocken
krallt sich meine Hand, sodass ich niemals absturzen werde. Frank
hält die Kamera in Position. Mein Gedanke, 'Drück endlich
auf den Auslöser'. Die psychische Komponente: Ich habe doch
Angst, der Wind könnte mich rückwärts die Schlucht
hinunterstoßen. Keine Zeit, die Angst bei einem Therapeuten
loszuwerden, starre ich auf den Auslöser der Kamera. Nein, der
ist verdeckt. Aus drei Meter Entfernung eine Fingerkuppe beobachten,
warten bis mit einem Klick der Auslöser ausgelöst wird, und
ich von der Angst erlöst werde. Wenn ich rückwärts
falle, bleibe ich bestenfalls mit Knochenbrüchen auf einem
Felsvorsprung liegen. Vielleicht neben einer Ziege, die zufällig
dort herumklettert. Dann wäre ich wenigstens nicht allein. Oder
ich bleibe vor einer Höhle liegen, einer minoischen Grabkammer.
Gestern unten in der Schlucht, umgeben vom Oreganoduft, blickte ich
die Steilwand hinauf, sah die Höhleneingänge und staunte.
Die Minoer mussten gangsicher wie schwarze Ziegen gewesen sein. Jetzt
höre ich die Ziegen nicht, sehe nur, wie hinter meiner Kamera
Franks Gesicht erscheint.
Monate später, die Bäume
waren schon kahgeschoren, Geschirr stapelt sich im Waschbecken, sitze
ich auf meinem Holzstuhl. Die Zeitung blättert über dem
Brotkorb. Meine Augen wandern wieder mal über Heiratsannoncen.
Sie, soundso alt, noch nicht liiert (na so was) sucht ihn (wen denn
sonst), interessiert sich für Musik und Natur (jetzt muss das
Interesse flackern, sonst Schwamm darüber)...Was für Musik
hört sie denn? Beethoven oder Jo Cocker? Nun gut, wenn sie
Klassik mag,lege ich beim ersten Treffen eine Violinromanze auf, wenn
nicht, dann hole ich Joe Cocker vom CD-Ständer, "You are so
beautiful", natürlich die Lifeaufname. Aber, woher soll ich
wissen , was sie mag? - egal, diesmal muss es klappen. Zügig ein
Brief verfasst, das Foto nicht vergessen, und ab in den Briefkasten.
Chiffrenummer - dauert länger bis ich Antwort bekomme und gerade
ist Freitag.
Samstag...Sonntag....Montag....., ach ja, am Samstag schrubbte ich den Fußboden mit kaltem Wasser. Die Geschäfte hatten schon zu, darum konnte ich keinen Bodenreiniger gesorgen. Am Sonntag langweilte ich mich und gestern ins Irish Pub, als ob ich den Abschied meines sexuellen Notstandes betrinken wollte; am Dienstag aß ich Schokoriegel, am Mittwoch lag tatsächlich ein Brief im Kasten: Klassentreffen nächste Woche; abends einen Nizzasalat mit viel Weißbrot in der Ostentorkneipe. Nachts dachte ich noch an die schöne Bedienung und wälzte mich in dem zu schmalen Bett.
Donnerstag. Ich reiße hastig einen Brief auf, unvorsichtig, denn das darin liegende Foto bekam auch einen Riss ab. Der Riss durchfährt die Sommerfrisur und teilt den Kopf. Ich halte die Hälften zusammen: Natürlich, das bin ich: Niedergebeugt an einen Stein festgekrallt, mein Gesicht 30° in die Höhe gerichtet, Augen aber zugekniffen und Mund halboffen. Ich schaue genauer hin: Einige Haare stehen zu Berge. Das war der Wind, genau. Kreta war schön.
xxxx xxxxx xxxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxxx xxxx