![]() | Tomas Tranströmer - Literaturnobelpreis 2011Tomas Tranströmer stand schon lange auf der Liste der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Warum ich aber erst jetzt seine Gedichte lese, nachdem es durch die Welt ging, er bekomme diese Auszeichnung, weiß ich nicht. Immerhin habe ich den inzwischen vergriffenen Gedichtband „Der Mond und die Eiszeit“ aus der Reihe „Serie Piper“ zwei Tage vor der Bekanntgabe des Nobelpreises antiquarisch geordert. Also, gelesen hätte ich diese Gedichte sowieso, und jetzt lese ich sie und bin froh, obwohl, bange hätte ich werden können, denn da gibt es ein Gedicht über Schreibhemmung. Überdrüssig aller Wörter, denn sie können nicht eins zu eins die reale Welt darstellen, von der der Schreibende in dem Gedicht doch erzählen will, und weil er keine Worte findet, zeichnet Tranströmer in Bildern, erzählt, wie das literarische Ich auf eine schneebedeckte Insel fährt. „Das Wilde hat keine Wörter.“, heißt es, ja, diese Insel ist von natürlicher Wildnis, aber sie vom Schnee umhüllt ist, bleibt verborgen. Der Schreiber findet keine Worte. Nur die Sprache ist da, Rehhufen im Schnee – eines ist hier entlanggelaufen erzählt die Sprache der Natur. |
Mein erster Eindruck der Gedichte des Frischgekürten: Er erzählt in eindrucksvollen Bildern, die gedeutet werden müssen. Lyrik muss man sich selbst erarbeiten, ich kann hier nur meine subjektiven nicht allgemeingültigen Eindrücke schildern. Ein Gedicht habe ich auf Anhieb lieb gewonnen: „Skizze im Oktober“. Ein klappriger rostiger Schleppdampfer, schrottreif, ist wie „eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.“ Er nähert sich der Erde, dem Land, indem er vom Meer in einen Fluss einfährt. Die wilden Farben der Blätter künden den Tod an. In der zweiten Strophe kommt der Mensch ins Spiel. Tintenpilze, die durch Grasnarben schießen, sind wie hilfesuchende Finger von jemanden, der nun unter der Erde liegt. Wir werden eins mit der Erde, will das Gedicht uns sagen. Mich haben diese Bilder, wie Tranströmer sie lakonisch, aber trotzdem wuchtig malt, sehr beeindruckt. Dieses Gedicht zählt von Anbeginn schon zu meinen liebsten. In einem anderen Gedicht heißt es über den Tod: „ Doch im stillen wird der Anzug genäht.“
Ein jeder kennt das Gedicht „Ein Gleiches“: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh.“ In diesem Gedicht geht der Spannungsbogen vom Himmel bis unter die Erde: „Warte nur, balde / Ruhest du auch“. In dem Gedicht „Atempause Juli“ von Tomas Tranströmer liegt jemand unter hohen Bäumen und schaut in die hohen Zweige. Er fühlt, er sitze „ in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.“ In der zweiten Strophe ist das Gedicht inhaltlich zur Erde geschwenkt, auf einem Bootssteg, der schneller altert als der Mensch. Und dann, man merkt vielleicht, dass Tranströmer Schwede ist, immer wieder Wasser, das Meer, die Kälte, in der dritten Strophe also die Vorstellung, wenn jemand mit einem Boot „über die glitzernden Buchten fährt“, dann wird derjenige „in einer blauen Lampe einschlummern“, und, im letzten Vers so eine typische bildhafte Fantasie Tranströmers: “..während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.“ Geniales Bild. Wie sollen wir das aber entschlüsseln? Es geht hier wohl auch um den Tod. Die blaue Lampe könnte der kalte Tod sein, das Meer der Sarg unter den Schwingen des Nachtfalters. Alles muss man nicht verstehen, dass Entscheidende ist, Tranströmers Bilder bringen unsere Fantasie in Bewegung. Wir begegnen auch den Blick von ganz unten bis in die weiten des Kosmos: „Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflussgitter.“
In diesem Band sind auch einige kurze Prosastücke enthalten, die wie seine Lyrik ebenso von knapper Verdichtung und assoziativwirkenden Bildern geprägt sind. Es sind wunderbare Bilder. Oder wundersame? In einem Gedicht schauen „Satelitenaugen“ auf den rauhen Boden der Erde, der kein Spiegelbild zulässt. „Nur die gröbsten Geister“, so heißt es, „spiegeln sich drauf: der Mond und die Eiszeit.“
Max Frisch zum 100. Geburtstag am 15.05.. 2011
"BIn oder Die Reise nach Peking" (Erzählung)
Der Ich-Erzähler, dessen Name sich erst am Schluss der Erzählung lüftet, wohnt mit
seiner Frau Rapunzel in einem Haus mit Garten. Sie erwarten ein Baby. Eigentlich könnte er ja zufrieden sein, aber er wird von einer unbändigen inneren Sehnsucht getrieben. Er sinniert in seiner Fantasie eine Stadt, die er Peking nennt, aber es sich hier nicht um die Hauptstadt Pekings handeln kann, da diese Stadt am Meer liegen soll. Dorthin treibt treibt es ihn. Peking steht hier wohl auch für ein friedvolles Land, da in dem Land, in dem der Erzähler wohnt, sich im Krieg befindet. Diese Erzählung entstand 1944. Er bricht also auf, wandert durch Landschaft und erreicht die Chinesische Mauer. Dort wartet schon Bin auf ihn, an der Mauer gelehnt, eine Zigarre rauchend. Bin ist ein Geist, es scheint ein Doppelgänger des Protagonisten zu sein, mit dem dieser kommuniziert, ihn auf seiner Reise begleitet.
Es handelt sich hier um eine Fantasiereise, die sich nur im Kopf des Erzählers abspielt, sie dauert Monate, Jahre, dabei fällt es auf, die Erzählung teilt sich in drei Jahreszeiten auf: Frühling , Sommer und Herbst. Ob diese Fantasiereise wirklich Jahre dauert ist zweifelhaft. Es heißt:
"Die Zeit ist ein sonderbar Ding, es gibt sie und gibt sie auch wieder nicht."
Auf
seiner Traumreise begegnet er Menschen, denen er in der Vergangenheit
schon einmal begegnet war. Eine wichtige Begegnung ist Maja, die ihn in
seiner Jugend, im Frühling seines Lebens, verlassen hatte. Im Traum
tanzt er noch mal mit
"Maja, hieß sie, ein liebes Mädchen. Lange ist's her! Aber es hört nicht auf, daß ich sie verloren habe."
Er kann sich von seiner Vergangenheit nicht lösen, er schleppt die Lasten seines Lebens bis in den Herbst seines Lebens hinein. Er kann sich nicht befreien, auch nicht von seiner Rolle, die er auf seiner Reise nach Peking mitschleppt, auf dieser Rolle offenbar sein bisheriges Leben verzeichnet ist. Erinnerungen sind Gegenwart, heißt es, es verwirre, denn die Zeit wird ausgehebelt, und der Erzähler wissen dann auch nicht, wo er sich gerade in seinem Leben befinde. Hier sind wohl auch die Wurzeln der Sehnsucht zu suchen, von der der Erzähler getrieben wird. So halte ich folgenden Satz für den Höhepunkt der Geschichte:
"Unsere Seele gleicht einem Schneeschaufler, sie schiebt einen immer wachsenden, immer größeren und mühsameren Haufen von ungestilltem Leben vor sich her, macht sich müde und alt, das Ergebnis besteht darin, daß man dagewesen ist, und dennoch setzen wir alles daran, daß wir möglichst lange nicht sterben."
Als ich die Lektüre zu lesen begann, erschien mir der Text befremdend. Eine Traum- und Fantasiereise habe ich auch nicht erwartet. Übrigens habe ich die Geschichte zweimal gelesen. Beim zweiten Mal machte ich noch schöne Entdeckungen. Der Text verlangt sorgfältiges Lesen, auf diese Weise hat er sich mir eröffnet. Ganz spontan gefiel mir die Prosa, die mit besonders schönen Naturbeschreibungen aufwartet.
"Wie liebe ich den Herbst! Eines Morgens hängt er wie Rauch vor den Bäumen,... "Luise Rinserzum 100. Geburtstag am 30.04. 2011
"Septembertag"(Erzählung)
Eine Erzählung in Form eines Tagebucheintrags. Ein Herbsttag in Rom. Natürlich frage ich mich inwieweit diese Erzählung autobiografisch ist, inwieweit fiktiv. Wahrscheinlich trifft beides zu. Der Fischer Verlag kommentiert, Septembertag sei „ein Teil des wichtigen autobiografischen Werks der großen Nachkriegsautorin“. Natürlich könnte es sein, dass sie als Kind im Chiemsee wirklich beinahe ertrunken wäre, wie von der Ich-Erzählerin mitteilt wird, doch wissen können wir es nicht. Trotzdem, typisch ist doch, dass wir in diesem Büchlein nicht an der Theologie vorbeikommen, auch wenn sie hier nur zaghaft, und das zum Wohle dieser Erzählung, angetastet wird. Die Autorin schrieb Romane über Maria Magdalena, Petrus Abaelardus und eine Fiktion nach dem Leben des Heiligen Franziskus. In ihrem zweiten Nina-Roman „Abenteuer der Tugend“ soll man nachspüren können, dass die Autorin kurz davor zum Katholizismus übergetreten war. Dieser Roman war nicht so erfolgreich wie der erste Nina-Roman „Mitte des Lebens“. 1999 schrieb sie eine Legende über das Leben Jesu und Mirjam aus der Sicht eines Hundes (über diese Romanidee, als ich das gestern gelesen hatte, spontan geschmunzelt habe, – was sich Autoren nicht alles so ausdenken
). Ihr letzter Roman „Aeterna“,
gemeinsam geschrieben mit Hans Christian Meiser, ist sehr
mystisch/spirituell. Wie man sieht, hat sich die Autorin ziemlich oft
mit religiösen Themen auseinandergesetzt. Ich weiß wirklich nicht, ob man die gerade genannten Bücher zur religiösen Erbauungsliteratur rechnen darf. Ein wenig Erbauung finden wir im Septembertag. In dieser Hinsicht gefiel mir ein spirituelles Zitat am besten, welches sich nicht an eine bestimmte Religion krallt:
Zitat von Luise Rinser
Und eines Tages vielleicht werde ich es können: schweigend trösten, schweigend das Tor auftun, durch das groß der echte Trost eintritt, der nicht von mir kommt, den sie begreift.
Dieser Satz ist weise, obwohl nichts neues unter der Sonne. Wenn das Leid eines Menschen sehr groß ist, helfen manchmal tröstende Worte kaum. Hand halten und schweigendes Mitgefühl kann sehr tröstend sein. „Septembertag“, das deutet an, die Hälfte des Lebens ist überschritten, die Tage werden kürzer. Die Ich-Erzählerin empfängt Briefe, in denen Menschen von ihrem Leid erzählen, Krankheit und Enttäuschungen. Sie begegnet Menschen in Rom, alte Bekannte und Fremde, die sich in einer Ehekrise befinden oder auch eine Familie, die den bevorstehenden erwartenden Tod des Vaters verdrängen möchte. Sie atmet Herbstluft ein: „dürres Geäst, welkes Laub; und es riecht nach dunkel geröstetem bitterem Kaffee.“
Luise Rinser ist auf jeden Fall keine Sprachästhetin. Der Text, in dem nichts spektakuläres oder aufregendes passiert, schenkt dem Leser sicher beruhigende Lesestunden und manch angenehme Gedanken. Allerdings fängt der Text kein Lokalkolorit der Stadt Rom ein – kein Autolärm, kein Café, keine Bettler, keine römische Gassenatmosphäre. Straßennamen helfen da wenig. Der Septembertag könnte genauso gut in London oder Paris spielen. Wenn in einem belletristischen Werk kaum Handlung zu finden ist, dann muss das insbesondere durch Atmosphäre oder tiefgreifend philosophische Gedankengänge ausgeglichen werden, damit wirklich Saft in die Erzählung kommt. Trotzdem wäre es meiner Ansicht nach unfair, dieses Büchlein unter Verrisse zu degradieren. Die Lektüre bleibt, wenn auch nicht die ganz große Literatur, durchaus noch im Bereich des Lesbaren. Der Schluss der Erzählung ist allerdings eine Katastrophe, die ich allefdings mit einem sympathischen Lächeln ertragen habe: Solch religiöse Passagen können nur gut wirken und gänzlich vom Verdacht des Kitsches befreit sein, wenn ein grandioser Sprachästhet am Werke ist.
Nikolai Leskow - 180. Geburtag am 4.jul./ 16. Februar 1831greg
"Am Ende der Welt" (Erzählung)
An das Ende der Welt, nach Sibirien, dort wo es wimmelt von Schamanen und Buddhisten , dorthin in die heidnische Ecke des sonst so orthodoxen Russlands, muss das christliche Licht noch hingetragen werden. Dunkle Seelen müssen erhellt werden. Missionieren, koste es was es wolle, schließlich müssen alles Seelen errettet weden. Gerade erst, am 25 11. meldetet die katholische internationale Preseagentur: „Mission bleibt zentrale Aufgabe der Kirche“ (Benedikt XVI) und dann der Hinweis, es gäbe ja noch immer Völker, die die christliche Botschaft noch nicht empfangen hätten (vgl. hier). Da die kath. Kirche dem Missionsauftrag der Bibel folgt - „Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16,15.16) - wird die Kirche erst zufrieden sein, wenn sie alle Seelen aus der Verdammung geholt hat. Nikolai Leskow, der seine Stellung im Kultusministerium wegen Kritik an Staat und Kirche verlor, kritisiert in seiner Erzählung „Am Ende der Welt“ den unbeugsamen Missionsdrang der orthodoxen Kirche.
Ein junger Geistlicher, der zum Bischof einer fernen sibirischen Eparchie ernannt worden ist, beklagt sich über die missliche Lage der Missionsarbeit. Ein großer Teil der Bekehrungen ist nur auf dem Papier. Viele Getaufte, die dem Lamaismus und Schamanismus angehörten, kehrten wieder zu ihrer Religion zurück. Es entfaltete sich auch ein „grotesker Mischmasch“:
"Sie beteten zu Christus und zu den Aposteln, zu Buddha mit seinen Bodhisattvas und Dämonen sowie den Filzbeuteln mit den Schamanenfetischen."
Es ist zwar so, dass Buddhisten nicht beten (sondern meditieren), aber in der Religionsgeschichte sind Religionsvermischungen durchaus bekannt. In der Spätantike verwechselten viele gläubige Christen ihren Christus mit dem römischen Sonnengott Jupiter.
Der frisch ernannte Bischof in unserer Erzählung will in einem Kloster eine Schule für Fremdstämmige gründen und trifft dort auf den Pater Kiriak an, der als einziger Mönch dort die jakutische Sprache, eine der nördöstlichen (sibirischen) Turksprachen, beherrscht, die in der Ortschaft gesprochen wird. Dieser Mönch weigert sich, die Fremdstämmigen zu misionieren.
"Eines Tages hat er irgendein Erlebnis gehabt; da ist er aus der Steppe zurückgekehrt, hat Myrrenbehälter und Hostiengefäß zum Altar gebracht und gesagt: >>Ich stelle sie weg und nehme sie nicht wieder, als bis die Stunde gekommen ist.<<"
Niemand wusste, was ihn dazu bewog, niemand wusste, welche Stunde er gemeint hat.
Bemerkenswert ist, seine Eminenz der Bischof, ist in dieser Erzählung derjenige, der lernen muss, oder sagen wir anders, der nicht von Weisheit beschlagen ist. Pater Kiriak versucht dem Bischof klar zu machen, die Taufe bringe nichts, wenn die Getauften nicht vom Geiste Christi erfüllt werden. Anhand einer Heiligenlegende lehrt er, dass Missionseifer Unfrieden bringen kann, die Sprache der Jakuten nicht geeignet ist, komplizierte theologische Sachverhalte auszudrücken, die Gegenüberstellung von Gläubigen und Ungläubigen sowieso kränkelt, weil Gott, so Kiriak, alle erschaffen habe. Es ist schon toll, wie der Bischof hier zum Adepten wird, seine Eminenz natürlich für die ganze Kirche steht. Missionierung aller Ungläubigen ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Das muss dann schließlich selbst von dem Bischof erkannt werden, der von einem heidnischen Wilden aus einem Schneesturm gerettet wird und eine innere Wandlung erfährt.
Anhand des Bischofs wird die orthodoxe Kirche Russlands ziemlich geschwächt dargestellt, ja, ziemlich hilflos und verloren. Die schönste Figur der Erzählung bleibt für mich der weise Pater Kiriak, der als Verkörperung von Weisheit die Austrahlung eines Heiligen verfügt. Vielleicht eine Ausdünstung meiner Fantasie oder es entspricht der Wahrheit, dass dieser Pater eine Wunschvorstellung Leskows war, wie er sich die Vertreter der orthodoxen Kirche erträumte. Wie krass ist doch der Unterschied zwischen dem aus Herzen agierenden Kiriak und dem von theologischen Dogmen gebeutelten Bischof. Die Botschaft von Leskows Erzählung ist eindeutig. Die Fremdstämmigen, die sog. „Wilden“, haben eine großartige Kultur, dorthin Kleriker mit dem Herzen („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“) schauen mögen. Mit Respekt.
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Der peruanische Romancier Mario Vargas Llosa erhielt am 10. Dezember 2011 den Literaturnobelpreis. Aus diesem Anlass habe ich seinen Roman "Der Geschichtenerzähler" gelesen.
Mit diesem Roman hat Mario Vargas Llosa den Indios im Amazonasgebiet ein Denkmal geschaffen Erzählt wird von den Machiguenga, einem Naturvolk, welches abseits der zivilisierten Welt im peruanischen Urwald lebt.
Der Ich- Erzähler befindet sich in Florenz, will sich einige Monate Dante und Machiavelli widmen, und der Renaissancemalerei. Doch sein Vorhaben gerät ins Schleudern, weil er in einer Galerie Fotografien entdeckt, die ihn geistig in den heimatlichen Urwald zurückwerfen. Fotos halbnackter Menschen, Kanus, auf Pfählen erbaute Hütten. Was für ein Zufall, dass er hier in Florenz Fotografien über die Machiguenga entdeckt, diesen Indios, für die er sich schon sehr lange interessiert, seitdem er sich mit seinem Studienfreund, einen angehenden Ethnologen, über sie ausgetauscht hat. Das war 1958. Inzwischen gilt der Studienfreund Saúl Zuratas als verschollen. 1981 begibt sich der Erzähler des Romans auf Reisen in den peruanischen Urwald, dem Geheimnis des machiguengischen Geschichtenerzählers auf der Spur zu kommen.
Mario Vargas Llosa lässt lange auf sich warten, bis er dem Geschichtenerzähler der Machiguenga auf der Spur kommt. Und das ist gut so. In dem Roman wird zu zu einer geheimnisumwitternden Gestalt, der Leser sich ständig fragen muss, ob er überhaupt existent oder vielleicht eine Gestalt indianischer Mythen ist. Für mich als Leser bleibt übrigens offen, ob der Geschichtenerzähler an sich eine Erfindung von Mario Vargas Llosa ist. Sicher ist nur, die Machiguenga haben eine Sprache entwickelt und haben ihre eigenen Mythen, von denen der Roman reichlich Zeugnis ablegt. Der Autor hat Mythen und Lieder der Machiguenga gelesen, die Padre Joaquin Barriales gesammelt hat. So wird dem Leser die Möglichkeit gegeben, in die Gedankenwelt und Vorstellungen dieses Volkes einzutauchen. Selbstverständlich ist das ziemlich ungewohnt, wenn wir zivilisierte Leser Mythen primitiver Völker lesen, da unser Denken nicht vergleichbar mit diesen, doch hier können wir mal ethnologisch schnuppern. Raffiniert ist Vargas Llosa, wenn er einer Mythe christlichen Einflluss gibt, haben doch eifrige Christen der Mühen nicht gescheut, im Urwald zu missionieren. „Es war die Wahrheit, Sohn von Trasurinchi ist er, der Atemhauch von Trasurunchi wird er sein, er ist Trasurinchi selbst. Alle drei Dinge zusammen, also.“
Das große Thema des Romans ist der Aufprall der Zivilisation auf die Naturvölker im Amazonasgebiet. Die Zivilisation bedroht die Primitiven. Sollte man diese Völker nicht einfach so leben lassen, wie sie immer gelebt haben, oder soll ihn den Segen, bzw. Fluch und Segen der Zivilisation bringen, d.h., sie aus der Natur herausholen? Dieses große Thema Perus wird zwischen Saúl Zuratas und dem Ich-Erzähler durchdiskutiert.
"Sollten sechzehn Millionen Peruaner auf die natürlichen Ressourcen von drei Vierteln ihres Territoriums verzichten, damit die sechzig- oder achzigtausend Amazonas-Indianer einander seelenruhig weiterhin mit Pfeilen abschießen, Schrumpfköpfe herstellen und die Boa constrictor anbeten konnten?"
Schon dieses Zitat macht deutlich, wie tief dieses Thema auf den Nerv von Peruanern trifft. Dieser Roman gilt als der peruanischste von Varguritas' Romanen. Wir, die wir schon immer in der Zivilisation weit weg vom Urwald leben, tragen solche Problematiken nicht im Bewusstsein. Für mich war es sehr faszinierend, in die Welt der Machiguenga einzutauchen. Solch ein Roman schärft das Bewusstsein für fremde Kulturen.
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Leo N. Tolstoi - 100. Todestag am 20.11. 2010
"Hadschi Murat" - Tolstoi über den Krieg im Kaukasus
Leo N. Tolstois Erzählung „Hadschi Murat“ beruht zum großen Teil auf wahre Begebenheiten.
Imam Schamil (1797- 1871) baute in den kaukasischen Bergen einen islamisch geprägten theokratischen Staat auf. In den Muridenkriegen (1834-1859) leisteten die Bergvölker des Kaukasus heftigen Widerstand gegenüber die Kolonialziele Russlands. Die Theokratie Schamils beinhaltete auch, dass die Gesetze der Scharia galten. Die Völker des Kaukasus sahen in dem Islam eine wirksame Waffe gegen Russland, sodass die kriegerischen Auseinandersetzungen u.a. auch religiös motiviert waren, auch damals im neunzehnten Jahrhundert im Kaukasus der Begriff des Dschihad gefallen ist, dieser Begriff offenbar damals schon sinnentfremdet als „Heiliger Krieg“ benutzt worden war (Hintergund Ende).
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Imam Schamil vor wichtigen erst mal die Augen schloß und verstummte.
Auf russischer Seite fällt im Krieg ein junger Mann. Von einem Regimentsschreiber erhält der Vater einen Brief, darin geschrieben, „daß Peter für seinen Kaiser, sein Vaterland und den rechten christlichen Glauben gefallen sei.“
In Tolstois Erzählung stoßen wir auf die Problematik, dass sich Religion in die Politik einmischt. Das hat der Menschheitsgeschichte noch nie was gutes eingebracht. Als Karl der Große gegen die Sachsen loszog, musste er sich auch eingebildet haben, er habe einen, bzw. den rechten Glauben, sonst wäre er nicht so brutal Gegen die Sachsen hergezogen, denn u.a. oder vor allem war dieser Krieg dazu bestimmt, den germanischen Götterglauben auszumerzen, Widukind schließlich, sich um des Friedenswillen habe taufen lassen müssen. Das war ein Kreuzzugsgemetzel vor den Kreuzzügen. Und Peter, von dem gerade die Rede war, gefallen im Kaukasuskrieg, hatte keine Kinder.
Für den Expansionswahnsinn eines Landes ist er unsinnig gestorben. Tolstoi beleuchtet den Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln, so ist der Wahnsinn genauso groß, wenn die Toten eines Krieges verdrängt werden.
Auch wenn Hadschi Murat, der Stellvertreter Schamils, der sich mit dem Theokraten in einer Blutfehde befand, seine unter Gefangenschaft gehaltene Familie aus den Händen des Imam befreien wollte, dieser Hadschi Murat, der sich schon in vielen Schlachten als Kriegsheld bewährt hatte, wird nicht, und das ist das Entscheidene, nicht als Kriegsheld verklärt. Dass er einmal „sechsundzwanzig Kriegsgefangene hatte niedermachen lassen“ wird damit entschuldigt, es sei ja Krieg. Tolstoi zitiert bewusst das französische Sprichwort
à la guerre comme à la guerre - Im Krieg ist es einmal nicht anders
und unterstreicht damit die Banalität, wie regelrechter Mord im Krieg gerechtfertigt wird, auf diese Weise Hadschi Murats Heldentum einen deftigen Knacks bekommt. Tolstoi hinterfragt die Auswüchse des Krieges und landet beim Wahnsinn, darum ich diese Erzählung besonders zu schätzen weiß.
Tolstoi hat Sympathie für die kaukasischen Bergvölker und lässt russische Fürsten und militärische Befehlshaber vergreist, dumm, abgenutzt oder auch Intrigant auftreten. So lesen wir von einem dummen georgischen Fürsten, der meint, wenn Hadschi Murat „in Europa geboren wäre, so hätte er ein Napoleon werden können.“ Dieser Dummheit, die von einem westlichen Überlegenheitsgefühl herrührt, wird noch eins drauf gesetzt. Leo N. Tolstoi zeichnet in dieser späten Erzählung den Hauptverantwortlichen der kaukasischen Auseinandersetzung, den Zaren Nikolaus I., als einen politischen Menschen, der aus üblen Launen heraus wichtige politische Entscheidungen fällt und in ehebrecherischer Weise Frauen verführt, um sein Unrecht zu lindern, sich damit beruhigte, „was für ein großer Mann er sei.“
Die Tschetschenischen Kriege unter Boris Jelzin und Wladimir Putin waren genauso brutal wie der Krieg damals unter dem Zaren. Besonders leiden musste, wie auch in anderen Kriegen, die Zivilbevölkerung. Der kaukasische Aul, in dem sich Hadschi Murat versteckt hielt, bevor er zu den Russen überlief, wurde von den Zarentruppen zermalmt.
Ich assoziiere die Beweinung Christi am Grabe, unterm Kreuz. Was für eine Assoziation auf moslemischem Territorium.
Weiterführende Literatur:
Anna Politkowskaja : Die Wahrheit über den Krieg
Manfred Quiring : Pulverfass Kaukasus
Karl Seeger: Imam Schamil – Prophet und Feldherr, 1937
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Der portugiesische Schriftsteller José Saramago ist am 18. Juni 2010 verstorben. Lesen sie seine Romane, auch seinen frühen Roman "Hoffnung im Alentejo", der ihm zum Schriftsteller machte:
Im Dorf Azinhaga gibt es ein kleines Museum und ein Denkmal, denn hier ist José Saramago am 16. November 1922 geboren. Das Gymnasium musste er abbrechen, weil seine Eltern, obwohl Saramagos Vater Polizist war, dieses nicht mehr finanzieren konnten. So ist es doch die Armut, die José Saramagos Lebensweg eine andere Richtung vorgegeben hat. Er wird Maschinenschlosser.
Mit den Romanen "Hoffnung im Alentejo" und "Das Memorial" erlangte er seinen schriftstellerischen Durchbruch. In "Hoffnung im Alentejo" entfaltet sich erstmals die Kunstsprache, die seine kommenden Romanwerk durchwebt. Saramago war Atheist, Blogger und Attac-Mitglied. Den Roman " Das Evangelium nach Jesus Christus" hielt die katholische Kirche für blasphemisch, wegen diesem Roman die portugiesische Regierung dem Autor den europäischen Kulturpreis versagte.
In "Hoffnung im Alentejo" erzählt Saramago die Geschichte einer Tagelöhnerfamilie über vier Generationen, begonnen um 1900 bis zur Nelkenrevolution. Die Landbevölkerung ist geprägt von unsäglicher Armut. Unter Großgrundbesitzern leisten sie Fronarbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Domingos Mau-Tempo, der erste Spross der Familie, zieht mit Esel. Karren, Frau und Kind über das Land. Es regnet fürchterlich. Man könnte leicht denken, ganz Portugal weine in Strömen, denn Domingos, der Schuster, wird in seinem Leben nichts erreichen, nur, er ist ein Säufer, der eine Nachkommenschaft leerer Mägen hinterlässt.
"...was soll ein Mann sonst tun, wenn er Frau und Kind hat - diese Gesichter mit vor Hunger großen Augen - die ihr Kinn über den kärglich gedeckten Tisch recken und die mit angefeuchtetem Zeigefinger die Krümel jagen, als wären es Ameisen."
Also Streik. Es soll nur das gefordert werden, was den Arbeitern zusteht, doch wird der Aufstand von der Guarda, den Handlangern der Diktatur niedergeschlagen.
"...sie halten die Gewehre im Anschlag, ohne sie fühlen sie sich nicht als Menschen."
Es folgt Gefängnis, Folter, manche finden den Tod.
"Die Ameisen erschrecken sich, als diese große Masse plötzlich von oben herabfällt, aber sie werden nicht getroffen, nicht einmal gestreift. In der Zeit, in der sie ihn liegenlassen, hält sich eine Ameise an seiner Kleidung fest, sie will ihn von nahem sehen, dumm ist sie, denn sie wird zuerst sterben. Genau dort, wo sie gerade ist, fällt der erste Knüppelschlag herab, den zweiten spürt sie bereits nicht mehr...."
"Jedes Jahr zur gleichen Zeit ruft die Heimat ihre Söhne." Jeder weiß, Krieg bringt Verderben, Kriegswaffen sind Erzeugnisse von Unmenschlichkeit. Saramago braucht dieses gar nicht so direkt sagen sondern zielt bewusst auf die Wirkung des Textes ab. Genau so entsteht gute Literatur. Saramago lässt eine Stimme sprechen, die immer lauter und eindringlicher zu werden scheint, als ob diese Stimme mit voller Wucht die Schädeldecke des Lesers durchdringen will, sich im Schädel festnageln will. Meine Zusammenfassung der ersten paar Zeilen dieser Passage wirkt sehr lächerlich, wenn ich sie den Worten Saramagos gegenüberhalte. Schließlich gehe ich teilweise doch in Saramagos Text über, weil ich es nicht lassen kann. António Mau-Tempo soll den Dienst an der Waffe antreten. "Die Heimat ruft ihre Söhne." Bisher waren sie ja nichts wert gewesen. An der Tür des Gemeindehauses hängt ein Zettel auf dem Namen geschrieben stehen. Da António nicht lesen kann, tippt einer "mit dem Zeigefinger auf die Linie, die sich wellt wie ein schwarzer Regenwurm, das bist du, dieser Regenwurm ist dein Name, den der Schreiber des Rekrutierbezirks geschrieben hat..."
José Saramago hat ein Roman über das Leiden Portugals geschrieben, nicht nur über geflossenes Blut des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern dieses Blut schließt das geflossene Blut der Jahrhunderte davor mit ein. Es ist auch kein Zufall, dass die Sippschaft von Domingos Mau-Tempo der Frucht eines vergewaltigten Mutterschoßes aus dem fünfzehnten Jahrhundert entstammt.
Über weiteste Strecken des Romans könnte der Leser den Eindruck gewinnen, Saramago hätte seinen Roman lieber Hoffnungslos im Alentejo nennen können, doch glaubte der Autor an die Möglichkeit einer besseren Welt. Einzigartige Kunstsprache, authentisch. José Saramago war ein großer Kenner der Geschichte seines Landes.
Zum 100. Todestag von Mark Twain am 21. 04. 2010 stelle ich seinen Roman
"Knallkopf Wilson"vor.
Lobenshymne auf einen Knallkopf
Mark Twains im Jahre 1894 erstmals erschienender Roman „Knallkopf Wilson“, in Vergessenheit geraten, ist zum 100. Todestag wieder erschienen, und wir gucken gleich mal hin, wie der Roman auf amerikanisch heißt, ah...“Pudd'nhead Wilson", so üngefähr heißt das „Matschbirne“, wäre ja noch lustiger gewesen als „Knallkopf“, aber belassen wir es bei Knallkopf, der als David Wilson um das Jahr 1830, als er noch keine Matschbirne gewesen war, an den Mississippi ins kleine Kaff Dawson's Landing kam und durch eine verschrobene seltsame Äußerung beim Volk nur noch als Knallkopf durchging, die Betitelung Zeit seines Lebens behalten hätte, wäre er nicht durch einen Prozess, Sherlock Holmes wäre tief beeindruckt gewesen, zum Helden geworden, und Sherlock Holmes sowieso im Neide erblasst gewesen wäre, weil Knallkopf Wilson schon die Technik des Fingerabdrucks beherrscht hatte, die noch offiziell nicht erfunden war, erst „in Francis Galtons „Fingerabdrücke“ (Finger Prints, London 1892) der Öffentlichkeit vorgestellt“, wie uns das Nachwort von Manfred Pfister aufklärt, den Leuten von Dawson's Landing dies alles aber schnurzegal, hiellten sie doch Wilsons Sammeln von Fingerabdrücken für kindisch und närrisch, bis sie halt ungefähr zwanzig Jahre später, als Rechtsanwalt David Knallkopf Wilson seinen genialen Prozess geführt hatte, danach es so eben ausgeschaut hat, David Wilson an sich niemals ein Knallkopf gewesen war, sondern die Matschbirnen eher im Volke herumliefen, Mark Twain sich über solch eine Spekulation, wie sie mir gerade im Hirn dämmerte,aber repektvoll verschwieg, da man David Wilson ja irgendwie doch durchaus respektiert hatte, nur seine Karriere als Rechtsanwal lange Zeit verspielt gewesen war, und es musste erst ein Wunder geschehen, bis alle Vorurteile gegenüber dem angeblichen Knallkopf zermatscht waren.
Was sonst noch los ist
„Dawsons's Landing war eine Sklavenhalterstadt“, die Mulattin Roxana dort im Hause eines Weißen versklavt, zwei Babies aufzuziehen hatte: Tom hieß das ihre, Chambers das ihres Herrn und nun kommt eben der Clou des ganzen: Roxana galt als Negerin, obwohl sie phänotypisch Weiß aussah, ihr Kind blondgelockt und blauäugig, also der Tom so weiß aussah wie Chambers, und ihre Herrschaft, weil sie die Kinder sowieso nicht genau anschauten, Roxana deswegen die Kinder leicht vertausche konnte, weil ihr Tom, der als Neger galt, später nicht an die Südstaaten verkauft werden sollte, die Südstaaten nämlich Roxana ein fürchterliches Unbehagen bereiteten, da dort die Sklavenhaltung wesentlich brutaler war, dieses Schicksal ihrem Sohn ersparen wollte, Roxana den Babies also nur die Kleider tauschen brauchte, auf diese Weise Tom zu Chambers wurde und Chambers zu Tom, deswegen das Kind der Herrschaft in die Sklaverei geschickt wurde, Roxanas weißhäutiges Negerkind als freier Mensch leben durfte, was allerdingst nicht ohne Probleme von Statten ging, weil Chambers, der nun Tom hieß, von Roxana sehr verzärtelt und verwöhnt wurde, als Erwachsener ein ruppiger, rücksichtsloser Mensch wurde, sich gegenüber seinem Bruder, der doch der Weiße war, herrisch aufführte, im Leben sonst dieser Tom liederlich war und sich verschuldete.
Auf Grundlage des Babytausches windet sich eine Handlung zusammen, die hanebüchen, einfach unfassbar ist, in der Mark Twain, und das verdeutlicht auch nochmal der Plot der Geschichte, ausdrücken möchte, dass nicht die Herkunft eines Menschen für dessen Entwicklung entscheidend ist, sondern die Sozialisation, wie ein Mensch aufwächst. Mit dem Babytausch führt Twain den Rassismus und die Sklavenhaltung ins ad absurdum, auch deswegen, weil Roxana und ihr Baby weiß aussehen
Epilog
"Eigentlich war Roxy so weiß, wie man nur sein konnte."
Es ist nun unmöglich auszumachen, ob Knallkopf Wilson, oder Roxana und Tom die Hauptpersonen sind. Alle sind gleichbedeutend für den Roman, allerdings Wilson, und das finde ich merkwürdig, über längere Zeit aus dem Roman herausgleitet, und später dann wieder auftaucht. Auch wenn die Romanhandlung bis in die letztenWinkel logisch aufbauend ist, deshalb auch kein Verriss zu erwarten ist, ist der Aufbau des Romans doch zu hinterfragen. Er ist eher szenisch gesetzt, der Faden zwar nicht aus dem Auge gelassen wird, weil die Szenen sich aufeinander aufbauen, mir aber der Eindruck hinterlassen wird, der Roman sei zu zerstückelt. Das andere, und ich weiß nicht, ob Mark Twain dass immer so macht, entscheidene Handlungen werden sehr kurzbündig erzählt, die Spannung erst zum Schluss hin angetrieben wird, der Roman deshalb einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt, trotzdem Zwiespalt, bzw. Doppelgängerei bei Mark Twain allerdings nichts Ungewöhnliches ist, und sich ohne weiteres eine Gestalt vom Knallkopf zum Helden dehnen kann, aus Weiß Schwarz werden soll und umgekehrt. Der Wilson, der ja nicht gerade eine gematschte Birne hat, schreibt an einem Almanach/Kalender, dessen Kostproben der Leser vergnüglich lesen kann. Darunter auch Zwiespältiges:
"Warum freuen wir uns bei einer Geburt und trauern bei einem Begräbnis? Weil wir nicht die Person sind, um die es geht.
Knallkopf Wilsons Kalender"
Zum 50. Todestag von Albert Camus am 04 .01 2 010 stelle ich den
Essayband
"Hochzeit des Lichts" vor:
Himmel über Algerien. Albert Camus schreibt über seine Heimat. Sehnsucht nach Heimat überfällt den Menschen, aber ist das ein Ort „wo das Herz seinen Frieden findet“ oder vielmehr eine Sehnsucht, die Heimat seiner Seele zu finden? Paradox, dass wir „diese Vereinigung, die Plotin ersehnte, hier auf Erden finden..“..wollen. Albert Camus sagt von sich: „Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Hinfließen der Tage....Die anderen „idealen“ Wahrheiten zu begreifen, fehlt es mir an Seele...Ich weiß nur dies: dass der Himmel länger dauern wird als ich.“
In seinen Aufsätzen über Algier und Oran wird ein Kontrast zum Leben in Europa deutlich. Man heiratet sehr jung, beginnt in jungen Jahren bis zur Erschöpfung hin zu arbeiten und ist mit dreißig Jahren schon ausgelaugt, kann sich dann schon auf das Sterben vorbereiten. Das „Glück war kurz und heftig“, verdunstet im Wüstenstaub; an anderer Stelle heißt es, die Welt erneuere sich hier täglich. Oran ist „die staubigste Stadt aller Städte“, eine Stadt aus Staub und toten Gestein, hier offenbar nichts gibt, was den menschlichen Geist bewegen und inspirieren kann. Eine Wüstenstadt am Meer. Gassen verlaufen wie in einem minotaurischem Labyrinth, man wird gefressen von dem Stier, von der leeren Langeweile. Und das am Mittelmeer. Man staunt und liest.
Besonders poetische Kostbarkeiten sind die beiden im Jahre 1936 (oder 1937) entstandenen Aufsätze „Hochzeit in Tipasa“ und „Der Wind in Djemila“, ein Besuch römischer und frühchristlicher Ruinen. Frühling in Tipasa, Camus war in seinen jungen Jahren dort oft gewesen, dort findet die Hochzeit statt, die Vereinigung von Mensch und Natur. Verschwenderisch in Farben und Düften, Blumen und Sträucher, umgarnt vom Duft der Wermutbüsche.. Hier flammt die Liebe zum Leben auf, das intensive Glück des Daseins, die Verschmelzung mit der Natur. „Glücklich der Sterbliche auf Erden, der diese Dinge sah“ heißt es in einem alten Spruch der Demeter.“ Ging es bei den Mysterien von Eleusis um eine Innenschau, so will der Adept hier so nahe wie nur irgendmöglich „an die Dinge der Welt herankommen“, sich der Natur völlig hingeben. Ruinenlandschaften die Seelenzustände widerspiegeln, in Tipasa das glückliche Dasein, in Djemila der Tod. Albert Camus schrieb diese beiden Texte im Alter von etwa 23 Jahren, sie bezeugen eine außerordentliche geistige Reife und großes erzählerisches Talent. Ja, man staune und lese.
Die 14 Texte des Bandes können einführend zu Camus' Werk gelesen werden.
Zum 80. Geburtstag von Imre Kertész am 09.11. 2009
stelle ich den
"Roman eines Schicksallosen" vor:
Im "Galeerentagebuch" verrät uns Kertész über den „Roman eines Schicksallosen“:
„Das Autiobiographischste in meiner Biographie ist, daß es in "Schicksalslosigkeit" nichts Autobiographisches gibt. Autobiographisch ist, wie ich darin um der großen Wahrhaftigkeit willen alles Autobiographische weggelassen habe“ (Galeerentagebuch Seite 185, Rowohlt Berlin 1993), demzufolge ich den Roman als Roman zu lesen habe, auch wenn ich weiß, das Imre Kertész in den Konzentrationslagern war.
Da sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen werden soll, hat der fünfzehnjährige Gyurka Schulfrei bekommen. Der Roman wird aus der Sicht von Gyurka erzählt, der noch keinen Einblick in die Erwachsenenwelt hat, sich nicht darüber im klaren ist, dass er womöglich den letzten Tag mit seinem Vater verbringt. Von den Gefahren, denen Juden in dieser schrecklichen Zeit ausgesetzt sind, ist der Junge ahnungslos, vielleicht auch noch zu naiv, um zu begereifen , obwohl er den Judenhass eines Bäckers zu spüren bekommen hatte. Allerdings ist der Junge ziemlich aufgeweckt, weil er die Absurdität des Rassenhasses darlegen kann. Wenn wir den Roman allerdings weiterverfolgen, erscheint mir diese Aufgewecktheit allerdings unglaubwürdig. Denn obwohl Gyurkas Vater und Onkel Lajos die Gefahren des Nationalsozialismus erahnen oder wissen, bleibt der Junge ahnungslos und hinterfragt nicht. Natürlich habe ich mich gefragt, ob diese Ahnungslosigkeit nur aus heutiger Sicht naiv ist. Das Horthy-Regime war zwar antisemitisch und erließ diskriminierende Judengesetze, man ließ die Juden aber noch am Leben (siehe hier ). Erst als die Nazis 1944 Ungarn besetzten, in der Zeit, in der unser Roman spielt, wurden Hunderttausende in Konzentrationslager gebracht. Spätestens dann muss sich das in Ungarn herumgesprochen haben. Trotzdem, in seiner Unwissenheit ist Gyurka nicht allein. Gyurka, der „nicht einfach nur so dahinlebe, sondern in der Industrie kriegsgewichtige Arbeit leiste“, wird eines Tages auf dem Weg zur Arbeit aus dem Autobus geholt. Ein Polizist sammelt an diesem Morgen Juden aus den Autobussen heraus und bringt sie vorerst in ein Zollhaus. Für die Jungen, die sich von der Fabrik her kannten, war dieses Zusammentreffen belustigend, für die Erwachsenen, die auch im Zollhaus festgehalten wurden, war es eine Verunsicherung.
„...alles Männer. Aber wie ich sah, haben sie den Polizisten schon mehr Mühe gemacht: sie verstanden die Sache nicht, schüttelten den Kopf, erklärten fortwährend etwas, holten immer wieder ihre Papiere hervor, belästigten ihn mit Fragen.“
Gyurkas Naivität erweist sich als treffendes Mittel, dem Leser die Grausamkeit der Lager näher zu bringen. Hierin verwirklicht sich offenbar Kertész Aussage
„Das Konzentrationslager ist
ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht.“
(Galeerentagebuch, Seite 253).
So assoziiert der Junge die
Schornsteine von Auschwitz mit dem Schornstein einer Lederfabrik, den
er mal gesehen hat, der auch Gestank verbreitet hatte. Auch die
Bemerkung
„...und der Ort, wo sie vergast wurden, sei sehr hübsch gelegen, zwischen Rasenplätzen, Wäldchen und Blumenbeeten: deshalb hatte ich schließlich den Eindruck, es sei eine Art Schabernack....“
schockiert, macht das Grauen erahnbar. Ich gebe gerne zu, mich selten so gegraut zu haben wie bei Kertész. Dagegen ist H.P. Lovecraft ein Klinkerlitzchen, der mich, weil sich andauernd Motive wiederholen, irgendwann dann auch gelangweilt hat. Nicht so bei Kertész. Naive Feststellungen, im KZ erfahren zu haben, dass Zigeuner Verbrecher seien, brennen sich in Gehirnwindungen. Durch Weglassungen bestimmte Wirkungen auf den Leser zu projezieren, ist eine große Kunst, und diese Kunst beherrscht Kertész. Der Leser ist der Wissende, Gyurka, was übrigens eine Verniedlichung von György ist, ist der Unwisende. Auch wenn Gyurka beim Anblick rauchender Schornsteine wie ein Wunder hinterfragt, "ob die Epidemie wohl solche Ausmaße habe, daß es so viele Tote gab.", bleibt Gyurka der kleine Gyurika, der die Läuse beobachtet, die in seinem Fleisch saßen und sich von seiner Wunde nährten. Erschaudernd, wie er vom Ekel faulendendem Fleisches, von Krätze, erzählt, von scheußlichen Entdeckungen am eigenen Körper, sodass sich Gyurka nicht mehr waschen möchte. Und dann...
...Und dann musste ich grübeln, was György mit dem „Glück der Konzentrationslager“ meint. Glück an diesem Ort des Grauens? Wie absurd erscheint das, dabei ist das Überleben auch schon Glück, oder wenn man sich nach schinderischer Arbeit schlafen legen kann oder seine letzten Lebenskräfte aufspürt. Trotzdem erscheint es unglaublich, was der kleine Gyuri als Glück empfindet. Fesselnd und eindringlich sind die Erlebnisse in den Konzentrationslagern beschrieben.
„Mit einer solchen Last kann man kein neues Leben beginnen“, und da hatte er bis zu einem gewissen Grad recht, das mußte ich zugeben. Nur verstand ich nicht ganz, wie sie etwas verlangen konnten, was unmöglich ist,....
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Die deutsche Schriftstellerin Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis 2009
Ihren Prosaerstling "Niederungen" aus dem Jahre 1982/1984 stelle ich hier vor:
Claudio Magris erwähnt in seinem 1986 erschienenden Buch „Donau“ Herta Müllers ersten Prosaband „Niederungen“
der 1982 in zensierter Fassung in Bukarest erschien, 1984 in
vollständiger Fassung im Rotbuch-Verlag, Berlin. Aufgrund des enormen
politischen Druckes auf die deutsche Minderheit in Rumänien, „ist auch
Herta Müller gegenwärtig zum Schweigen verurteilt“, schreibt Magris. Im
Jahre 1987 verließ Müller Rumänien und ließ sich in Berlin nieder. Sie
verließ den Banat, weil ihre Literatur zensiert wurde, und sie mit dem
rumänischen Geheimdienst Securitate nicht zusammenarbeiten wollte.
Karl-Peter Schwarz schrieb am 08.10. 2009 in der FAZ einen
hochinteresssanten Artikel über Herta Müller, in dem er darstellte, wie
die Autorin noch in Deutschland vom rumänischen Geheimdienst verfolgt
und verleumdet wurde."Herta Müller und der lange Arm der Securitate" heißt der Artikel, auf den ich hiermit ausdrücklich verweise. Karl-Peter Schwarz bezieht sich auf Herta Müllers Essay " Die Securitate ist noch im Dienst", erschienen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ am 23.07.2009.
Der Prosaband „Niederungen“
enthält mehrere Prosatexte, die meisten sind sehr kurz, der Text, der
dem Buch seinen Namen gibt, ist der längste Text. Aus der Sicht eines
heranwachsenden Mädchens schreibt Herta Müller von ihrem Dorf im Banat,
wo sie geboren ist. Dieses Dorf steht auch für die anderen Banater
Dörfer, denn die Welt der Donauschaben ist eng verflochten. Das Leben
in dem einen Dorf ist so, wie in den Nachbardörfern. Da nämlich viele
aus dem Dorf auswandern, das Dorf kleiner wird entfaltet sich eine
Kuriosität. Es fehlt an Menschen, darum „beteiligen sich an allen Kerweihfesten dieselben Paare, dieselben Zuschauer und dieselbe Musikkapelle.“,
man feiert also an einem Sonntag in diesem Dorf, am nächsten Sonntag in
einem anderen usw. Daraus folgt, dass die Jugend sich im Banat
untereinander gut kennt, deshalb es oft zu zwischendörflichen Ehen
kommt. Und hier stoßen wir auf dörfliche Eigenheiten. Denn am liebsten
wäre es den Eltern, ihr Junge heiratet eine von ihrem Dorf, und wenn
sie es gestatten, dass er eine Dorfschönheit aus dem Nachbardorfe
heiratet, sagen sie, wenigstens ist es eine Deutsche. Man will also
unter sich bleiben; dieses unter sich bleiben wollen führt letzlich zu
inzestiösen Verbindungen, so wie sich die ganze Familie in demselben
Badewasser badet.
In diesem inzestiösem Dumpf findet die Autorin noch Humor, wenn sie zwei vorpubertäre Kinder dialogisieren lässt:
Laß sein, morgen schneiden wir sie ab.
Ich habe Angst, daß ich ein Kind kriege von dir. Ich glaube, das darf man nicht, wir haben in denselben Topf gepißt.
Laß sein, dann heiraten wie eben.
Aber du bis doch mein Cousin."
Doch Humor lässt sich in den Prosastücken eher selten finden. Das heranwachsende Mädchen wächst in einer drückenden Athmosphäre von Angst auf. Schon in der ersten Geschichte „Die Grabrede“, die das Mädchen träumt, wacht sie am Sarg ihres Vaters. Die Sargträger sind „kleine wankelnde Männchen“, die über den Vater Dinge sagen, die sie wachen Leben vielleicht nur unterschwellig erahnen konnte. Im Traum wird ihr vor die Nase gehalten, ihr Vater habe eine Auszeichnung erhalten, weil er im Krieg fünfundzwanzig Menschen umgebracht hat, im Rübenfeld habe er eine Frau vergewaltigt. Der Vater fuhr auch Rinder zum Schlachthaus.
Tot und Verderben in ihrem Umfeld. Das Schlachten von Enten wird beschrieben.
oder
oder man hört das Knirschen im Gebiss eines Katers, wenn er gelangweilt den Mausekopf zerquetscht. Grausam auch, das Mädchen darf dem Vater die Haare schneiden, machte sie aber einen harmlosen Fehler, faßt ihrem Vater ins Gesicht, er stößt sie weg, sodass sie hinfällt. Weinen darf das Mädchen nicht ohne wirklichen Grund, so fließen Tränen heimlich auf dem Klo, aber wenn die Mutter sie schlägt, hat sie endlich einen wirklichen Grund zu weinen. Auf diese Weise wird psychische Gewalt auf das Kind ausgeübt, und Vater und Mutter merken vielleicht gar nicht, dass sie sich in ihrer Macht über das Kind laben, und ihnen wird nicht bewusst sein, dass sie dem Mädchen Schuldgefühle aufgebürden.
Das besondere an dieser Prosa ist, sie gleitet von realistischen Erzählweisen in traumhaft surrealistische Bilder über, so stöhnt der Schnitt mit dem Messer an der Kehle durch das Zimmer, oder es gleiten nackt und glänzend Fensterscheiben von einem Haus ins andere. Die Seelenängste eines Kindes werden abgeschritten. Die Autorin schreibt in lyrischer Prosa sehr eindringlich und hat jeglichen Anflug von Dorfromantik im Würgegriff.
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Am 31. Juli 2009 gedachten wir den 90. Geburtstag von Primo Levi
Seinen Bericht über ein Jahr in Auschwitz habe ich gelesen:
"Ist das ein Mensch?"
Als Mitglied
einer Partisanengruppe und weil er Jude war, wurde Primo Levi am 13.
Dezember 1943 von der faschistischen Miliz festgenommen. Er kam „nach
Fossoli bei Modena, wo ... Menschengattungen zusammengezogen wurden,
die der neukonstituierten faschistisch-republikanischen Regierung nicht
genehm waren.“
Am 21. Februar 1944 erfuhr man, dass tags darauf alle Juden fortkommen
würden, man müsse sich auf eine vierzehntägige Zugfahrt einrichten. Von
polnischen und kroatischen Flüchtlingen erfuhr man, was solch eine
Zugfahrt bedeutete. In der Nacht nahm jeder Abschied vom Leben. Keiner
der Wachen „traute sich anzusehen, was Menschen tun, die wissen, daß sie zu sterben haben.“
Und dann die Entmenschlichung beim Appell: „Wieviel Stück?“....sechshundertfünfzig „Stück“. Im Lager Buna (Auschwitz III Monowitz) wird aus Primo Levi Häftling174517; das tätowierte Mal fürs Leben eingebrannt. Brot und Suppe bekommt man nur, wenn man die Nummer vorzeigt.
Im Vernichtungslager entwickeln sich Überlebensstrategien, wie sie sich warscheinlich nur hinter solch furchbarem Stacheldraht entwickeln können. Da lassen sich Häftlinge Goldkronen herausnehmen und verkaufen sie in Buna für Brot oder Tabak. Eine brenzlige Sache, da alles Gold im Lager Lagereigentum ist. Das Gold in den Zähnen gehört der SS, sei es von den Lebenden oder von den Toten. Andere verkaufen ihr Hemd, welches ebenso dem Lager gehört.Wenn der Kapo merkt, dass jemand kein Hemd hat, gibt es eine Befragung. Das Hemd habe man im Waschraum verloren, heißt es dann und damit kommt man durch, obwohl jeder weiß, dass sie es aus Hunger verkauft haben. Vom Kapo kassieren sie eine Tracht Prügel und bekommen ein neues Hemd zugeteilt, mit dem man wieder ein Tauschgeschäft tätigen kann. Pfleger des Krankenbaus bringen „Kleidung und Schuhe der Toten oder der nackt nach Birkenau geschafften Selektionierten wieder billig in den Handel.“ Die Pfleger machen auch große Geschäfte aus dem Handel mit Löffel. Jeder Neuankömmling bekommt keinen Löffel, obwohl die Suppe nur mit solchem Besteck gegessen werden kann. Häftlinge, Schlosser und Blechschmiede, stellen nebenher im Buna-Werk heimlich Löffel her, die dann an Neuankömmlinge des Krankenbaus verkauft werden (ein Löffel kostet eine halbe Brotration ein Löffelmesser eine dreiviertel Brotration). Wenn die Genesenen aus dem Krankenbau entlassen werden, wird ihnen der Löffel wieder abgenommen und in den Verkauf gestellt.
Was ist im Stacheldraht von menschlicher Moral übriggeblieben, da Unterscheidungen zwischen gut und böse zerfließen? Hier existieren ganz andere Gesetze, als in der Welt da draußen. Das Leben im Vernichtungslager war eine Auflösung jedweger Vorstellung menschlicher Gesellschaftsnorm, und das besondere an Primo Levis Bericht ist, dass er sich mit der Sozialisation des Lagers beschäftigt.
Überleben kann nur, wer „Organisator, Kombinator, Prominenter“ wird.
„Durch Intrigen und verbissenen Kampf“ gelang es einigen Juden „Prominente“ zu werden, d.h., sie wurden Lagerfunktionäre (Kapos, Köche, Pfleger, Nachtwächter usw.).
In „Die Atempause“ (Primo Levis Bericht über seine neunmonatige Odyssee von Auschwitz nach Turin) erzählt Levi von einem ehemaligen Kapo:
Dem Tod geweiht sind meistens die, die sich an die Lagerdiziplin halten, alles machen was befohlen, nur ihre Ration essen, die für sie bestimmt sind. Das hält nur in Ausnahmefällen jemand länger als drei Monate aus, so Levi.
Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Präzision und Sachlichkeit Primo Levi vom Vernichtungslager spricht, ohne Zorn und Eifer, er, der diese Barbarei erleben musste, .
Joseph Roth - Wir gedenken am 27.05.2009 seinen 70. Todestag
"Die Legende vom heiligen Trinker" (1939)
Ist Honoré de
Balzac an Überanstrengung und an exzessivem Kaffetrinken gestorben, so
war es bei Joseph Roth der Alkohol, der ihm einen frühen Tod bescherte.
Es ist schon sonderbar, dass Roths letztes Werk von einem Trinker
handelt, dem auch ein früher Tod ereilt. Aber Joseph Roth erzählt in
dieser Geschichte von wundersamen Dingen, sodass man wirklich von einer
Legende sprechen kann.
Es
geht um den Clochard Andreas, der in Paris unter Seinebrücken nächtigt,
sich dabei mit einer Zeitung zudeckt, die ihn wärmt, so wie es alle
Obdachlose machen. Nun begegnet Andreas einen Herrn gesetzten Alters,
der ihm 200 Francs schenkt. Andreas wolle aber, auch wenn er unter den
Brücken wohne, ihm das Geld irgendwann zurückbezahlen. Er habe aber
kein Bankkonto. Wie nun solle er das Geld zurückbezahlen. Der alte
unbekannte Herr aber sagt, er habe ebenfalls keine Bank, und da er
Christ geworden sei, und die Geschichte der kleinen heiligen Therese
von Lisieux gelesen habe, verehre insbesondere jene kleine Statue der
Heiligen, die sich in der Kapelle Ste Marie de Batignolles befinde.
"Wenn Sie es überhaupt jemanden schulden, so ist es die kleine Therese.."
Darauf sagt "der verwahrloste" Andreas:
"Ich
sehe, daß Sie mich und meine Ehrenhaftigkeit vollkommen begriffen
haben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mein Wort halten werde..."
Was
seine Ehrenhaftigkeit betrifft, so behält er sie, denn er ist versucht,
das Geld der heiligen Therese zu geben. Doch es kommt immer wieder
etwas dazwischen. Da versäuft er das Geld mit Pernod, und wenn ihm auf
wundersame Weise eine prallgefüllte Brieftasche in die Hände gerät,
dauert es nicht lange, und die Francs minimieren sich - wie das Leben
so spielt. So erzählt Joseph Roth die Legende sehr liebevoll weiter,
das Herz immer auf der Seite des Obdachlosen. Das Innere des Menschen
zählt hier noch mehr als die äußere Verwahrlosung des Andreas, und weil
es eben eine Legende ist, endet die Geschichte sehr wunderlich. Mit
dieser herzlichen Geschichte hat sich Joseph Roth von der Welt
verabschiedet.
Am 26.03. 2009 gedenken wir den 40. Todestag des Schriftstellers B. Traven
Seinen frühen Roman "Die Baumwollpflücker" stelle ich Ihnen hier vor.
„Ich fühle mich als Arbeiter, namenlos, ruhmlos wie jeder Arbeiter.", schrieb B. Traven einmal, der seine Person als Pseudonym tarnte, ein Geheimnis, das inzwischen aber als gelüftet gilt (siehe hier) 1923 kam er nach Mexiko und schrieb abenteuerliche, sozialkritische Romane. Traven schrieb immer aus der Perspektive der Verarmten und Unterdrückten. Wegen ihrer humanitären Aussage halte ich sein Werk für bedeutsam. Aus Tucholskys Munde entsprangen die Worte, B. Traven sei ein episches Talent größten Ausmaßes. „Die Baumwollpflücker“ sind autobiografisch orientiert. Genauso wie sein Held Gales trieb Traven vagabundierend als Gelegenheitsarbeiter in Mexiko umher: Er hat auf Ölfeldern gearbeitet, als Baumwollpflücker, in einer Bäckerei und als Viehtreiber....
Durch B. Traven's Roman erfahren wir sehr viel über die soziale Situation der Arbeiter in Mexiko in der 20er und 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Bemerkenswert oder doch eher erschreckend ist, das wir Parallelen zu unserer Gesellschaft wiederfinden.
„...der Trick, den sie mit den Arbeitslosen spielen. Überall wird angeworben, weil sie nicht wissen wer kommt und wer nicht kommt...der Farmer hat dann die Auswahl, sich die Billigsten auszusuchen und den Pflückerlohn zu pressen, weil der arme Teufel nicht mehr fortkann; er muss flücken, und wenn ihm nur drei Centavos für das Kilo geboten werden“.
Er konnte nicht mehr wegfahren, weil er seine letzten Pesos für die Hinfahrt zum Landwirt ausgegeben hat. Die Entgeltpresserei erleben wir auch heute, wenn z.B. in einem Altenheim lieber eine polnische Mitarbeiterin angesellt wird, die sich mit 5€ /h zufrieden gibt, als eine teure Fachkraft. Die Arbeitsaufträge, die Gales bekam, waren alle nur vorrübergehend, denn wenn z.B. die Zeit des Baumwollpflückens vorbei war, dann war auch der Job weg. Es ist ähnlich so, wie man heute von einem befristeten Arbeitsvertrag in den nächsten befristeten Vertrag rutscht. Das Szenario geht weiter: Als Baumwollpflücker verdiente Gales pro Kilo acht Centavos, weil er ein Weißer ist, das sind zwei Centavos mehr, als die Schwarzen bekommen. Wen man es mit heutigen Zuständen vergleichen will, so komme ich auf den Gedanken, dass Mitarbeiter von einer Zeitarbeitsfirma weniger verdienen, als diejenigen, die beim Betrieb fest angestellt sind. Überhaupt, die Gelegenheitsarbeiter, die in Mexiko von einer befristeten Arbeit zu einer nächsten geschritten sind, erinnern ebenso an diverse Einsätze von heutigen Leiharbeitern (was für ein diskriminierendes Wort).
„Für ein Kilogramm Baumwolle pflücken bekamen wie sechs Centavos, ich ausnahmsweise acht. Und ein Kilo Baumwolle ist beinahe ein kleiner Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen Tropensonne zweihundert bis fünfhundert Knollen ausrupfen muss.“
Dazu gab es eine äußerst bescheidene Ernährung: Im Wechsel „den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer“ und dann wieder von vorne. Dazu gab es selbstgebackenens Weizen-oder Maismehlbrot, was entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt war..usw. Alles trotz harter Arbeit äußerst karg. Dabei hatten die Leute Kleidung, die man eher als Flickfetzen bezeichnen konnte. Im Grunde genommen arbeiteten die Menschen auf den Baumwollfeldern unter dem Niveau einer Grundsicherung, wie wir es in Deutschland zu pflegen sagen. In dem damaligen Mexiko gab es keine zusätzlichen staatlichen Hilfen. Wie es dort heute ist, weiß ich nicht. Ich denke aber, inzwischen müsste es dort besser gehen, denn schon in Travens Roman wird eine Streikwelle der Bäcker ins Leben gerufen, um bessere Rechte der Bäcker durchzusetzen, dass eben nicht all der Gewinn in die Taschen des Chefs landet, sondern Mitarbeiter gerecht entlohnt werden. Es ist schon bezeichnend, wie Señor Doux, der Konditormeister, herumknausert, seinen Mitarbeitern mehr Rechte zu gönnen.
Bemerkenswert finde ich das Plädoyer für Huren. Traven verliert nie den Blick auf die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehend für ihr Dasein kämpfen müssen, sei es ein arbeitender Indianer oder eine Prostituierte. Dieses macht den Roman und allgemein gesprochen Travens Werk so humanitär. Seine Romane haben uns, wie wir am Beispiel der Baumwollpflücker gesehen haben, immer noch etwas zu sagen – gerade in unserer wirtschaftlichen Krisenzeit.
Am 27. Januar 2009 ist der US-amerikanische Schriftsteller John Updike gestorben.
"Ehepaare", ein früher Roman Updikes aus dem Jahre 1968 ("Couples"), spielt in der fiktiven Ortschaft Tarbox nicht weit von Boston zur Zeit der Regierung John F. Kennedys. Hier treffen sich Ehepaare, Wohlstandsbürger im vierten Lebensjahrzehnts, zu Dinerpartys, sportlichen Aktivitäten usw. Auf den Treffs wird geflirtet, gescherzt und nicht lange dauert es, da liegt der eine mit der Ehefrau des anderen im Bett; Ausflüchte aus ihrem sinnentleerten Leben.
Im Mittelpunkt des Romans steht der Bauunternehmer Piet Hannemar. Erst schläft er mit Georgene, der Frau des Zahnarztes, dann mit Foxy, der Frau eines Biochemikers und schließlich mit Bea, die im Bett langweilig ist, keine Kinder bekommen kann, aber später mit einer Adoption glücklich wird. Zwischendurch schläft Piet noch mit Janet Appleby. Die Applebys und die Klein-Smiths tauschen sich übrigens untereinander aus.
Nancy, die Tochter von Piet und Angela, denkt immer an den Tod. Sie hat in der Schule dieses Thema aufgeschnappt. Piet gefällt das nicht, aber mit dem Tod von Nancys Hamster ist der Tod in die Familie gekehrt.
"Zu dumm", sagte sie, "daß von uns allen ausgerechnet Nancy dabei sein mußte, als es passierte. Jetzt möchte sie, daß ich sie in den Himmel bringe, weil sie nachsehen will, ob sie da auch noch Platz hat und ob es wirklich ein kleines Rad dort gibt. Ich frage mich ehrlich, Piet, ob die Religion nicht alles noch komplizierter macht, als es ohnehin schon ist. Nancy merkt doch, daß ich selber nicht daran glaube."
In ihrer Ehe rumort es schon lange. Ausschnitt eines Dialoges, beginnend mit Piet:
"Angenommen, es gäbe eine Skala von eins bis zehn - wo würdest du uns einstufen?"
"Bei zwei."
"Nun hör aber auf, so schlimm ist es doch wirklich nicht. Du kannst phantastisch sein."
" Aber wie selten. Und nie benutze ich meine Hände oder meinen Mund oder sonstwas. Ich bin krank. Ich brauche Hilfe. Piet. Ich mache aus dir ein Großmaul und ein Blender und aus mir eine alte Jungfer, von der jeder sagt, ihr glaubt nicht, wie schön die mal war."
Als Foxy und Piet ihr Techtlmechtl begannen, krieselt es schon längst in beider Ehen, und über die Beziehung zwischen den Applebys und Klein-Smiths heißt es:
"Ich bin ehrlich. Jeder, der ein bißchen Ahnung von der Psychologie hat, muß sehen, daß ich recht habe. Überleg mal. Frank und Harold. Einer vögelt die Frau des andern, weil sie zu versnobt sind, sich gegenseitig zu vögeln. Janet wittert das, sie ist nichts weiter als ein Vorwand für sie."
Ausgehend vom sinnlosen Tod von Piet's Eltern und von Nancys Goldhamster zieht sich das Thema des Todes durch den ganzen Roman. Beziehungen gehen kaput, ein Zustand wie viele kleine Tode. Angela liest Sigmund Freuds "Jenseits des Lustprinzips".
"Ich liebe dieses Buch. Es ist sehr streng und elegant. Er sagt, daß wir, und überhaupt alle Lebewesen, unseren Tod in uns tragen - daß alles Organische zum Zustand des Anorganischen zurückkehren will. Es möchte ausruhen."
John Updike schenkt der Welt einen meisterhaften Roman in realistischer Prosa. Er zeichnet so einzigartig die Charaktere, ihr Verhalten, blickt so tief in die Psyche der Beteiligten, dass sie real erscheinen, als springen sie aus dem Buch ins organische Leben.
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Dem österreichischen Schriftsteller Josef Winkler wird der Georg-Büchner-Preis 2008 zugesprochen.
Josef Winkler: Der Leibeigene, (1987)
Mit der Romantrilogie „Das wilde Kärnten“ (Menschenkind 1979, Der Ackermann 1980, Muttersprache 1982) tritt Josef Winkler erstmals in die Öffentlichkeit und gewinnt 1979 mit „Menschenkind“ den zweiten Platz ders Ingeborg-Bachmann- Preises. Im Roman „Der Leibeigene“(1987) wird diese Thematik fortgeführt. Winkler schreibt von einem patriachalisch unterdrücktem Leben in Kamering, einem Dorf in Kärnten, gleichzeitig der Geburtsort Josef Winklers. Er schreibt und windet sich gegen den Erzkatholizismus, gegen Hetze und Vorurteilen gegenüber Homosexualität (nicht zufällig sind seine literarischen Vorbilder Jean Genet und Hans Henny Jahnn). In dieser bedrückenden Atmosphäre fühlt sich der Erzähler vom Tod magisch angezogen. In geradezu expressionistischen Visionen nähert sich Winkler dem Morbiden und richtet sich gegen den strengkatholischen Wahn, der das Leben an sich zunichte macht. Neben expressionistischen Blicken führt auch eine realistische Schau der Dinge zu erstaunlichen Erkenntnissen:
„Wie auf einer Bergspitze ist auf der höchsten Erhebung des Friedhofsabfallhaufens ein Kruzifix angebracht. Wenn die Klausnerliese die Kirche ausgekehrt hat und wenn am Kirchausgang ein Häufchen Sand, Staub, Ackererde und verdorrte Blütenblätter liegen bleibt und die Kehrichtschaufel an der Kirchenmauer lehnt, taucht sie ein Putztuch in einem mit Waschmittel und Weihwasser gefüllten Blecheimer. Mit Weihwasser wischt sie den Kirchenboden auf.“
Ausgehend von Winklers Schreiben steht der Selbstmord zwei homosexueller Jugendlicher:
„Robert erhängte sich gemeinsam mit Jakob an einem dreimeterlangen Kalbstrick im Pfarrhofstadl. Zehn Zentimeter über dem Erdboden hängend, ineinander verkrallt, mit steifen Ruten, reckten die Erhängten den Dorfbewohnern ihre Zunge.“
Mir gefällt es eben außerordentlich, wie Winkler hier beim Anblick der Toten noch eine sozialkritische Komponente einflechtet. Wunderbar sind auch die Szenen, wenn der Erzähler auf dem Friedhof streift.
„Ich ging auf Jakobs beschneiten Grabhügel zu und hörte jemanden schnaufen. Vielleicht steht ein Toter hinter einem rostigen beschneiten Eisenkruzifix und holt tief Atem?...Ich stellte mir vor, wie jemand mit einem Messer auf zuschreitet, mich tötet und ich über Jakobs beschneiten Grabhügel falle. Blut rinnt aus meinem Mund und sickert in den Schnee, in die Erde hinein, fällt auf Jakobs Sarg und rinnt in seine Nasenlöcher hinein. Jakob schlägt die Augen auf. Er hebt seinen Kopf und wirft den Deckel seines Sarges zur Seite. Er steigt aus seinem Grab und trinkt das restliche, noch warme Blut aus meinem Körper.“
Diese schon vampirmäßige Fantasie geht so weiter, dass Jakob dem Erzähler seine Totenmaske modelliert. Denkt der Leser zuerst, das literarische Ich wünscht, der sinnlose Tod Jakobs solle rückgängig gemacht werden, so wird der Erzähler aber von der magischen Anziehungskraft des Todes angesogen. Außerdem weist das Trinken des Blutes auf eine geschlechtliche Vereinigung hin.
Die Verbindung von Leben und Tod liegt auch im Kalbstrick selbst. Durch Strangulation mit dem Strick werden junge Menschen in den Tod geführt, bei der Geburt eines Kalbes verhilft der Strang aber zum Leben, in dem der Strick um die Waden des jungen Kalbes gespannt und das junge Tier anschließend aus der Mutterleibshöhle einer Kuh gezogen wird. Wenn der achtzigjährige Ackermann Kälber gebiert, trägt er „eine goldene Monstranz auf seinen kahlen Kopf.“ Auf der geweihten Hostie ist „nicht der Leib Christi, sondern der Wassserzeichenkopf seines leiblichen Vaters eingepreßt.“
„Die Stalltiere sind sein Heiligtum und der seit über zwanzig Jahren in der Friedhofserde modernde Leib seines Vaters ist sein Allerheiligstes.“ Hierauf gründet sich sein Famillienpatriachat. Der Patriarch, ürsprünglich der Führer eines Volkes, ist hier der erste Mann im Stall. Nach der Stallarbeit nimmt er eine Oblate, hält sie in seinen Händen und spricht ein Gebet, dann legt er das Geweihte auf seine Zunge.
„Der Leibeigene“ ist kein Roman mit einer Handlung, die zum Plot führt. Stattdessen umkreist Winkler seine Themen. Er kommt immer wieder auf die Hauptthemen zurück, die dann variiert werden. Hierin hat erÄhnlichkeit mit Thomas Bernhard. Im Grunde genommen schreibt Winkler sein Leben lang an einem Buch. Die Themen zirkeln im Gesamtwerk Winklers. Es ist die große Kunst, immer wieder anders von einem und demselben zu erzählen. Das ist keineswegs langweilig, weil Josef Winkler mit einer sehr bildhaften dichterischen Sprache erzählt, die einzigartig ist. Wer bei Winkler doch nach einem Plot sucht, dem sei seine wunderbare Novelle „Natura Morta“ empfohlen, welche als Einführung in das Werk Josef Winklers sehr zu empfehlen ist.
Rezensionen zu Winklers "Natura Morta" und "Das Zöglingsheft des Jean Genet" hier
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NOBELPREIS 2008 für Jean-Marie Gustave Le Clézio
Mein Beitrag zu
"Revolutionen":
"Revolutionen"
gilt als Le Clézios persönlichstes Werk. Seine Eltern haben in
Mauritius ihre Vorfahren, wie auch die Vorfahren von Jean Marro, der
Protagonist des Romans ebenfalles von dorther kommt. Jean Marro ist wie
der Autor selbst 1940 geboren. Le Clézio sympathisiert in seinen
Romanen mit Völkern, die außerhalb unserer modernen Zivilisation leben.
So verbrachte er in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine
Zeit bei Indianern in Panama, was ihn sehr geprägt hat. Er fordert das
gleichberechtigte Leben der Völker untereinander und übt
Zivilisationskritik Kritik am Materialismus unserer Zeit u.a. Seine
Romane spielen an Orten, die für uns Exotik ausstrahlen: Mexico,
Afrika, Indischer Ozean (Mauritius), aber natürlich auch Frankreich,
Paris.
In dem Roman „Revolutionen“
allerdings, wird die Famillie Marro aus dem exotischen Paradies, hier
Mauritius“, vertrieben. Im Jahre 1910 müssen sie von dort wieder
auswandern und lassen sich in einer Stadt an Frankreichs
Mittelmeerküste (vermutl. Marseille, Le Clézio stammt aus Nizza)
nieder. Dort wächst Jean Marro heran. Als Kind und als junger Mann
lässt er sich von seiner erblindeten Tante Catherine erzählen, wie
schön das Leben auf Mauritius war. Catherine ist die einzig lebende
Zeugin, die hierüber zu erzählen bereit ist. So schwärmt sie in
Gegenwart Jean Marros von ihrer Jugendzeit im Paradies:
„Du
kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön s war, wenn Regen und Sturm
aufhörten. Alles glänzte, als wäre jedes Blatt mit Lack überzogen.
Samstag kamen die Jungen aus dem Internat zurück, und wie gingen alle
an den Affouche, um dort zu baden. Wir gingen ein Stück flussaufwärts,
um sauberes Waser zu haben, denn in der Nähe der Straße waren immer
Frauen, die ihre Wäsche wuschen, die ihre Wäschew wuschen, und
Maultire, die dort tranken. Wir gingen ziemlich weit die Schlucht
hinauf, bis an der Stelle, wo der Wald anfängt. Es war wie im Paradies.“
Jean
träumt davon, nach Malaysia zu fahren, diese herrliche Gegend, den
großen Garten von Ébéne zu sehen, von dem die Tante erzählt. Jean fühlt
sich einsam und leer in der unruhigen Stadt. Le Clézio lässt sein alter
ego ziemlich bindungslos durch seine Stadt, bzw. durch die Welt
streifen. Er hat unverbindliche Beziehungen zu diversen Frauen und
verlässt Frankreich, um nicht als Soldat in Algerien kämpfen zu müssen.
Er ist ein passiver Wiederständler, kein Aktivist. Von der
schrecklichen Gewalt des Algerischen Krieges hört er, nie ist er direkt
beteiligt. Von den Umbrüchen („Revolutionen“) in der Welt erfährt Jean
nur als Außenstehender.
"Der
Krieg schleicht herum. Er ist da, liegt überall auf der Lauer, und
manchmal sieht man seine Wolfsaugen glitzern. Als der Sommer naht,
spürt Jean eine unbestimmbare Beklemmung, die alles in einen Nebel der
Wesenlosigkeit hüllt. Zugleich sieht er, wie Dämonen und bedrohungen
aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen."
Sein
Urahn, Jean Eudes, zieht 1792 noch mit viel Idealismus in den Krieg,
wird aber aufgrund seiner Kriegserfahrung eines besseren belehrt und
verlässt wie später Jean Marro Frankreich. Hautnah erzählt Le Clézio
vom Krieg aus der Sicht des Soldaten Jean Eudes. „Irgendetwas schnürt mir das Herz zusammen“, denkt der tapfere Soldat einmal.
Von
einer paradiesischen Exotik kann man in diesem Roman nicht sprechen.
Sein Vorfahre, Jean Eudes Marro, der 1798 nach Mauritius auswandert
(franz. Kolonie), gründet dort zwar in einer paradiesischen Landschaft
den Wohnsitz der Marros, doch seit die Briten 1810 die Herrschaft
übernehmen, überschlagen sich Brutalitäten gegen die Sklaven:
„Im
Morgengrauen ging der Marabu in seinem langen weißen Gewand zwischen
den Schlafenden umher und schlug sie mit seinem langen Rohrstock. Alle,
die nicht aufstanden, wurden losgebunden und zum Fraß für die wilden
Tiere zurückgelassen. Wir sind so lange gelaufen, dass ich nicht mehr
wusste, was es hieß, sich nicht mehr zu rühren.“
Der Roman erhebt seine Stimme gegen die brutalen Auswüchse von Kolonialherrschaften und der Gewalt des Krieges:
"Damals
in Rozilis begann der Arbeitstag sehr früh, bei Morgengrauen,
vermutlich gegen fünf, aber wir wussten es nicht so genau, weil wir
keine Uhr hatten. Es wurde kein Signal gegeben, keine Glocke geläutet,
um die Landarbeiter aus dem Schlaf zu holen, Großvater Charles hasste
das. Er hasste alles, was an die Zeit der Sklaverei erinnerte, die
Trillerpfeiden, die Sirdas, die Vorarbeiter, den Apell, den mit Namen
und Foto versehenden Personalausweis, den jeder indische Arbeiter haben
musste, das alles hatten die Englänger eingeführt."
Über
Jean Marro wird verständlicherweise sehr distanziert erzählt, denn er
hat mit der westlichen Zivilisation abgeschlossen und fühlt sich
verloren in der Welt. Das Kriegsgrauen, wie es an ihm herangetragen
wird, ist unerträglich. Er befindet sich auf der Suche nach seiner
Heimat. Die zweite Ebene des Romans wird aus der Ich-Perspektive von
Jean Eudes erzählt, er lebt das Grauen direkt und entzieht sich
schließlich diesem. Die dritte Ebene des Romans wird von den
Ureinwohnern selbst vorgetragen. Der Sklavenaufstand aus ihrer Sicht.
Jean-Marie
Gustave Le Clézio ist für mich literarisches Neuland. Der Autor kann
erzählen, sei es vom Paradies oder vom Grauen der Gewalt. Für mich
eröffnet sich literarisch gesehen eine neue Welt. Während der
Beschäftigung mit diesem Roman stieß ich auf Uwe Timm. Er schrieb „Morenga“.
Der Roman erzählt vom Kolonialkrieg in Südwestafrika, den das Deutsche
Kaisserreich anführte. So kommt man von einem Buch ins andere.
Am 12. September 2008 verstarb der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace. Hier meine Gedanken zu den stories "Kleines Mädchen mit komischen Haaren":
Durch den niedlichen Titel „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ solle man sich lieber nicht aufs Glatteis führen lassen, eher vergesse man, was man bisher gelesen hat und taucht ohne Ballast in diese stories ein. Es lohnt sich, denn hier begegnen wir etwas völlig Neues, was wir in der Literatur vielleicht nirgendwoanders gelesen haben. Man könnte auch sagen, wir erleben eine neue Literaturtaufe. David Foster Wallace gehort zu den Literaten der Postmoderne (was auch immer das so genau bedeuten soll, denn eine Definition dieses Begriffes ist schwierig).
Ein spezieller sprachlicher Stil lässt sich nicht ausmachen. Wallace scheint in diesen frühen stories experimentiert zu haben. In jeder Geschichte entwirft der Autor einen neuen Stil, der zum Personal und zum Geschehen passt.
Die Geschichte, die dem Erzählband seinen Namen gibt, spielt in der Pukerszene. Ein Anwalt, der sich unter Punkern wohl fühlt, aber wegen seiner Herkunft sich keinen Irokesenschnitt oder ähnliches antuen will, wird hier Sick Puppy genannt, denn unter Punkern legt man sich einen neuen Namen zu. So zieht er mit Gimlet, Big und Mr. Wonderful in die Irvine Cocert Hall, um ein Konzert mit Keith Jarret zu hören. Sick Puppy, der das nötige Geld für die Karten besorgt, leidet, seitdem sein Vater mit einem Feuerzeug ihm seinen Penis versengt hat, weil er mit acht Jahren seine Schwester verspielt zum Geschlechtsverkehr führte, an pyromanischen Ideen, Körperteile anderen Menschen zu versengen. Die komischen Haare eines kleinen Mädchens, die in eine der vorderen Reihen sitz, locken seine Fantasien hervor. Bisher ist nur Gimlet bereit, sich von Sick Puppy versengen zu lassen. Wo Punks sind, ist LSD nicht weit, so ist die Geschichte auch eine Geschichte über psychodelische Halluzinationen, und weil die Sprache so herrlich im Punkersound melodiert, war es ein Lesegenuss.
Wallace schreibt über die Zeit unserer Tage, genauer die um1990 herum, als der Storyband erstmals in Amerika erschien, d.h. über eine Welt, die (zumindest in den USA) täglich sechs Stunden vor dem Fernseher verbringt und sich mit Werbung vollgedröhnen lässt. Auch in der Geschichte des kleinen Mädchens hellt der Einfluss von Fernsehwerbung für einen kurzen Moment auf. Und es ist wirklich so, das Sehen an sich wird in den stories oftgenug thematisiert, dabei formt sich das Gesehene nie so wie es uns erscheint. Da gibt es die (ausnahmsweise) sehr linear konventionell erzählte story von einer Schauspielerin, die in die Late Night Show von David Lettermann zum Interview eingeladen wird. Schon in den ersten Sätzen spielt der Autor anhand von einer Schauspielerin damit, wie sie sich selber sieht, und wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird:
„Ich bin eine Frau, die am 27. März 1989 in der Late Night Show von David Lettermann aufgetreten ist.
Oder wie mein Mann Rudy sagt: Ich bin eine Frau, die zwar der überwiegenden Mehrheit der statistisch erfassbaren amerikanischen Bevölkerung bekannt ist, einfach weil ihr Name in aller Munde und ihr Gesicht schon so häufig auf den Titelseiten der Zeitschriften und den Bildschirmen der Leute draußen im Lande zu sehen war, deren tiefstes Inneres aber unerreichbar im Verborgenen liegt. Weswegen mein Mann Rudy auch der Meinung war, der Auftritt könne mir letztlich nichts anhaben.“
Rudy will seiner Frau während des Interviews über ein geheimes Mikrofon Anweisungen geben, damit alles glatt über die Bühne geht. „Keinen interessiert, ob du wirklich schlagfertig oder locker bist, es muss nur so aussehen.“. Um Differenzen zwischen Schein und Sein geht es.
Sehr beeindruckend ist „Tiere sehen dich an“. Eine Frau gewinnt über 700 Mal in einem Fernsehratespiel, eine Sensation, so etwas ist noch nie vorgekommen. Die Einschaltquoten sprudeln in die Höhe. Warum Julie Smith aber so ein einzigartiges Wissen hat, hat einen tragischen Hintergrund, der verständlicher Weise hier nicht vorab verraten werden soll. Nur soviel, Julie spendet ihren Gewinn für einen guten Zweck, die Fernsehleute wollen diese Sache „PR-mäßig ausschlachten.“.
Die Story „John Billy“ ist sehr mysteriös, gleitet teilweise ins Surreale und ist in einem einzigartigem Slang gschrieben. Das ist auch der Grund, warum ich sie erst beim zweiten Durchgang genießen konnte. Es geht um den ungewöhnlichen „Chuck Nunn – der Mann, der alles kann“. Schon bei seiner Geburt hatte er
„..ich sag mal kolossale Übergröße, die hat Momma Moma May innerlich so zerrissen, dass sie bis heute ohne Heizdecke und Opernmusik, laute Opernmusik, gar nicht mehr einschlafen kann, deshalb ist sie ja auch in dieser Anstalt.“
Auf die abgedrehte Idee muss man erst einmal kommen, wie nämlich Chuck Nunn eine Ölquelle entdeckte. Ein Twister riss seine Fernsehantenne vom Dach und flog wie ein Speer hinfort, bohrte sich irgendwo in das
„Nunn Land...wie beim Messerwerfen und es sage und schreibe aus diesem von Chuck Nunn Junior ex officio ererbten und TV-gesprießten Grund und Boden plötzlich zu sprudeln anfing, nämlich Rohöl, schwartes Gold, Texas Tea.“
Auf diese Weise wird Chuck Nunn reich. Wieder ist das Fernsehen an allem Schuld und Chuck Nunns Reichtum führt zu einer erbitterten Auseinandersetzung mit dem Schafmogul T.Rex Minogue, der „diverse Anstrengungen unternahm, Chuck Nunn Junior seine Schafzucht abzukaufen beziehungsweise mit Gewalt sich feindlich einzuverleiben...“ Kurios, bei einem Unfall fallen Chuck beide Augen heraus, die an zwei Nervenenden herumbaumeln. Auch künftig fallen die Augen in verschiedenen Gelegenheiten heraus , wenn er niesen muss oder ihm jemand auf die Schulter klopft. Da bekommt man schon recht Furcht, was mit dem Sehorgan alles passieren kann.
Der Band enthält fünf stories, die aufgeschlossenen Lesern sehr bereichern und zum Nachdenken bringen können.
(Unterstrichenes im Original kursiv)
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Zum Gedenken des 125. Todestages von Iwan Turgenjew möchte ich zwei seiner Novellen vorstellen:
Ein König Lear aus dem Steppenland
In der nach Motiven aus Shakespeares Drama „König Lear“ konzipierten Geschichte, erfahren wir vom Gutsbesitzer Martyn Petrowitsch Charlow, der auf seinem Gut Jeßkowo uneingeschränkt herrscht. Seine Befehle werden ungewohnt schnell ausgeführt. „Er braucht nur zu sagen: Mein Wort ist heilig! - das ist dann so...“ Turgenjew zeichnet den ungebildeten Charlow sehr ironisch, in dem er den Gutsbesitzer Charlow um seine angeblich bedeutende adlige Herkunft irren lässt, Spott ertagen muss und beschreibt ihn als eher tierisch als menschlich mit herkulischen Kräften. Es ist klar, Turgenjew will allgemein gegen den Gutsadel schreiben. Vor Charlows Gestalt würde ich in Angst erstarren: Optisch schon fast ein Calibantypus. Ein ungeheurer Koloss, auf dem ohne Hals schräg der Kopf mit einem ganzen „Heuhaufen wirren gelbgrauen Haares ragte“, eine Knollnase, kleine hochmütig anmutende Augen, kleiner Mund, aus dem sich eine heisere jedoch „ungewöhnlich stark“ tragende Stimme quillt. „Ihr Klang erinnerte an das Klirren von Eisenplatten, die auf einem Wagen über eine schlecht gepflasterte Straße gefahren werden -" , heißt es. Vor diesem Koloss duckt jeder auf dem Gut, zwei Töchter, ein Schwiegersohn und die Bediensteten.
Es ist halt schön, wenn Turgenjew die Schwächen solcher Machthaber bloßlegt. Da hilft Martyn Petrowitsch Charlows Stellung auch nichts mehr. So hat der gigantische Gutsbesitzer Stunden der Melancholie und sein bisheriges Weltbild bricht zusammen, als er wegen eines Traumes, seinen Tod herannahen sieht. PLötzlich erkennt er, sein Leben hat irgendwann auch einmal ein Ende. Im Glauben seines herannahenden Todes verfasst er ein Testament, wodurch sich die Machtverhältnisse in Jeßkowo ändern. Schließlich ist es nun Charlow, der von den neuen Machthabern gedemütigt wird. Er rächt sich mit unerbittlicher Wut. Wenn in der Shakespeare's Tragödie einer nach dem anderen stirbt und am Ende die Zukunft in völlig Ungewissenem liegt, bekommt wir bei Turgenjew noch einen Ausblick nach der Katastrophe.
Turgenjew zeichnet die Figuren mit feinem Strich. Besonders gefallen hat mir, wie die Boshaftigkeit hinter der Fassade von Charlows Gegnern aufblinkt (besonders denke ich an die Szene mit Charlows Schwiegersohn Wolodja, Tochter Jewlampia und dem Sohn der Nikolajewna).
Eine Erzählung, in der es um Macht und Bosheit geht. Mit zwinkerndem Auge kann festgestellt werden, auf Macht sollten sich Machthaber nichts einbilden. Sie kann schnell zu Ende gehen. Turgenjew persifliert die Macht russischer Gutsbesitzer.
Erste Liebe
Im Zentrum der Novelle stehen die Gefühle des sechzenjährigen Wladimir Petrowitsch, der sich zum ersten Mal verliebt. Diese Novelle, in der anstatt einer „unerhörten Begebenheit“ ein Gefühl umkreist wird, ist durchaus vergleichbar mit einigen Novellen Stefan Zweigs, bei denen es sich auch so verhält.
Wladimir wohnt mit seinen Eltern in einer gemieteten Villa, gegenüber desNekutschnyi Parks in Moskau nicht weit vom Kalugaer Tor. Es dürfte sich um eine Außenviertel von Moskau handeln. Wladimir, ein sehr sensibler, Junge, der von der Liebe noch nichts weiß als „schamhafte Vorahnung von etwas Neuem, unsäglich Süßem und Weiblichen...“, was immer er darüber dachte, die Ahnungen durchdrangen sein ganzes Wesen, er wartete nur noch darauf, dass diese Vorahnungen in Erfüllung gehen. In dieser Zeit zog eine verarmte Gräfin mit ihrer Tochter Sinaida in einen Flügel des Hauses ein. So kam es, Wladimir sah Sinaida im Garten und es war um ihn geschehen. Turgenjew beginnt nun, von den Gefühlen des Jungen zu erzählen, wie er sie mit den Augen verzehrt, die erste persönliche verhaltene Begegnung. Es spinnt sich eine einseitige Beziehung an, d.h. Wladimir ist verzückt von der Zweiundzwanzigjährigen, Sinaida scheint ihn zwar zu mögen, doch erfahren wir aus dem Text eine Distanziertheit dem Jungen gegenüber. Sicher, sie sind gerne zusammen und sie mag sich geschmeichelt fühlen. Eines Tages besucht Wladimir sie wieder, und er macht betroffen die Erkenntnis, dass sich noch andere Männer für die Junge Frau interessieren.
Turgenjew lässt den Leser in unaufdringlicher Weise in die Gefühlswelt des Jungen eintauchen. ohne dass es zu einer Annäherung Kitsch kommt. Eine Achterbahnfahrt von zwischen liebesseligen Gefühlen Eifersucht und Enttäuschung. Da mag man ja denken, Sinaida fühle sich geschmeichelt, aber „sie amüsierte sich über meine Leidenschaft, sie neckte mich, sie verwöhnte mich und quälte mich recht.“ In dieser Art hält sie auch andere Männer hin, die ihr zu Füßen liegen. Freud und Leid liegen nah beieinander:
„Es ist so süß, die einzige Quelle, der selbstherrliche und verantwotungslose Grund der größten Freuden und des tiefsten Leides eines anderen zu sein – und so war ich in Sinaidas Händen wie weiches Wachs.“
Alle, die sie liebten hielt sie „an der Kandare“, sie ließ die Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Das ist schon ein Ausdruck von Lebensüberdruss, langer Weile oder Unreife. Die Geschichte enwickelt sich in dramatischer Weise, als Wladimir merkt, Sinnaida Liebe jemand ganz anderen. Turgenjew will darauf hinaus, uns sagen, dass eine unerfüllte Leidenschaft Gefahren birgt. Irgendwann ist es zu spät und mann kann sich nicht mehr von ihr befreien.
Lesen Sie auch meine Rezension zu Turgenjws Roman Väter und Söhne
FINE
![]() | 125. Geburtstag |
Franz Kafka: Der Verschollene
Der
fünfzehnjährige Karl Roßman wird von seinen Eltern
nach Amerika geschickt, weil er von einem Dienstmädchen
vergewaltigt worden ist, die nun geschwängert war. Nicht nur
geschickt, nein, er soll verbannt werden, von seinen Eltern auf immer
und ewig getrennt, nicht weil Karl die Schuld der Vergewaltigung
trägt, sondern um die Schande an sich von der Familie
fernzuhalten. Der Verlust des Reisekoffers mit Erinnerungen an Vater
und Mutter, Speise für unterwegs und Kleidung unterstreicht
symbolisch die Trennung von seiner Familie. Auch wenn der Koffer
später wieder auftaucht, das Foto seiner Eltern bleibt
verloren.
Jetzt
ist er verschollen in Amerika. Verschollen in dieser Hinsicht, dass
er es nicht mehr zustande bringt, sich Personen zugehörig zu
fühlen. Er ist allein, ein Getriebener, er irrt umher. Dieses
Umherirren wird sehr bildhaft erzählt, als er sich in den Gängen
des Schiffes verläuft, später im Hause des Herrn Pollunder
herumirrt:
"...Es
war ein langsames Vorwärtskommen und der Weg schien dadurch
doppelt lang. Karl war schon an großen Strecken der Wände
vorübergekommen, die gänzlich ohne Türen waren, man
konnte sich nicht vorstellen, was dahinter war...Plötzlich hörte
die Wand an der einen Gangseite auf und ein eiskaltes mamornes
Geländer trat an ihre Stelle. Karl stellte die Kerze neben sich
und beugte sich vorsichtig hinüber. Dunkle Leere wehte ihm
entgegen...."
Alptraumhaft,
was für ein Schauder. Ich gerate leicht in Versuchung, diese
Traumbilder freudianisch zu deuten. Sigmund Freud sagt: „Türe
und Tor werden wiederum zu Symbolen der Genitalöffnung.“(Vorlesungen
zur Einführung in die Psychoanalyse, X. Die Symbolik im
Traum).
Klara
erklärt Karl, wo ihre Tür zu finden ist.
„Ich
werde nicht gerade auf Dich warten, aber wenn du kommen willst so
komm.“
Diese
Aussage hat ohne Zweifel etwas erotisches, auch wenn im Text (nur)
gesagt wird, Karl habe ihr versprochen, auf dem Klavier vorzuspielen.
Nur Klavier spielen, und das nachts?
Die
Türe, sind im Kafkazitat alle verschlossen. Karl sagt
sogar:
„Ich
werde nicht mehr in mein Zimmer zurückgehn.“
Der
sexuelle Wunsch wird unterdrückt. Interesssant ist aber, dass
Herr Green Karl darum bittet, zu Klara zu gehen, und ironisch
bemerkt: „Das dürfte Ihnen sicher Vergnügen machen“ .
Ist es ein Eingeständnis von Impotenz, wenn Karl Roßmann
Klara eröffnet:
„Ich
bin, wenn ich ehrlich sein soll, froh, daß für das Spiel
schon zu spät ist, denn ich kann noch gar nichts...“
Zu
guter Letzt entwirft Kafka ein fantastisches Traumbild, Karl öffnet
eine Tür und erblickt Klaras Verlobten in einem Himmelbett. Wenn
wir das in Anbedacht meiner Interpretation sehen, vollzieht sich hier
eine Demütigung gegenüber Roßmann. Zu Beginn, bevor
Roßmann in den Gängen des Hauses herumirrt, lässt er
seine Zimmertür offen, d.h. er hat sexuelle Wünsche, die
aber, wie wir gesehen haben nicht erfüllt werden. Zwischen Klara
und dem Dienstmädchen aus Prag, die Roßmann vergewaltigt
hatte, gibt es eine Verbindung: Beide tun ihm Gewalt an.
Die
Bedeutung dieses Romans liegt u.a. darin, dass Kafka zu Beginn des 20
Jahrhunderts erschreckend in eine hochtechnisierte Welt sah, die den
einzelnen Menschen, das Individium, unbedeutend erscheinen ließ.
Der einzelne Mensch wird entmenschlicht. Es wird aber erwartet, der
Mensch müsse in der hochtechnisierten Welt funktionieren, eben
nur funktionieren. Das verrät uns ein Blick in den Betrieb von
Roßmanns Onkel:
„Der
Onkel öffnete die nächste dieser Türen und man sah
dort im sprühenden elektrischen Licht einen Angestellten
gleichgültig gegen jedes Geräusch der Türe, den Kopf
eingespannt in ein Stahlband, das ihm die Hörmuscheln an die
Ohren drückte. Der rechte Arm lag auf einem Tischchen, als wäre
er besonders schwer und nur die Finger, welche den Bleistift hielten,
zuckten unmenschlich gleichmäßig und rasch...Mitten durch
den Saal war ein beständiger Verkehr von hin und her gejagten
Leuten. Keiner grüßte, das Grüßen war
abgeschafft, jeder schloß sich den Schritten des ihm
vorübergehenden an, und sah auf den Boden auf dem er möglichst
rasch vorwärtskommen wollte oder fieng mit den Blicken wohl nur
einzelne Worte oder Zahlen von Papieren ab, die er in der Hand hielt
und die bei seinem Laufschritt flatterten.“
Wie
ein wohlfunktionierter Ameisenhaufen in dem gähnend gefühllos
die Leere haust.
Die
Arbeit als Liftjunge im „Hotel
occidental“
ist nichts anderes als Ausbeutung:
„Da
ist unser kleiner Junge z.B., er ist auch erst vor einem halben Jahr
mit seinen Eltern hier angekommen, er ist ein Italiener. Jetzt sieht
es aus, als könne er die Arbeit unmöglich aushalten, hat
schon kein Fleisch im Gesicht, schläft im Dienst
ein....“
„Überhaupt
war es ein einförmiger Dienst und wegen der zwölfstundigen
Arbeitszeit, abwechselnd bei Tag und Nacht, so anstrengend, daß
er nach Giacomos Angaben überhaupt nicht auszuhalten war, wenn
man nicht minutenweise im Stehen schlafen konnte. Karl sagte hierzu
nichts, aber er begriff wohl, daß gerade diese Kunst Giacomo
die Stelle gekostet hatte.“
Das
das Individium nichts zählt, zeigt auch das Verhalten von Karls
Vorgesetzten, dem Oberkellner als Karl sich bei ihm erstmals
vorstellen wollte:
„Er
hatte keine Zeit sich auch nur auf das geringste Gespräch
einzulassen und läutete bloß einen Liftjungen herbei,
zufällig gerade jenen, den Karl gestern gesehen hatte.“
Auch
die Anschuldigungen, die zu Karls Rausschmiss führen, erweisen
sich doch als ungerechtfertigt. Roßmann man wird zum Spielball
autoritärer Gewalten. Die ungerechte Schikane, die ein fleißiger
Arbeitnehmer ertragen muss, gipfelt meiner Ansicht nach in folgender
Schilderung:
„Karl
sah ein, daß er eigentlich seinen Posten schon verloren hatte,
denn der Oberkellner hatte es bereits ausgesprochen, der Oberportier
als fertige Tatsache wiederholt und wegen eines Liftjungen dürfte
wohl die Bestätigung der Entlassung seitens der Hoteldirektion
nicht nötig sein. Es war allerdings schneller gegangen, als er
gedacht hatte, denn schließlich hatte er doch zwei Monate
gedient so gut er konnte und gewiß besser als macher andere
Junge. Aber auf solche Dinge wird eben im entscheidenden Augenblick
offenbar in keinem Weltteil, weder in Europa, noch in Amerika
Rüchsicht genommen, sondern es wird so entschieden, wie einem in
der ersten Wut das Urteil aus dem Munde fährt.“
Karl
Roßmann muss wieder eine Demütigung erfahren. Sein
niederer Berufsstand wird gedemütigt, weil die Hoteldirektion
wegen der Kündigung nicht hinzugezogen werden muss, zweitens
wird Karls Fleiß nicht berücksichtig. Schließlich
wird er gezwungen, der fetten Brunelda ein Diener zu sein. Als er
fliehen will, wird er brutal zusammengeschlagen.
„Der
Verschollene“
weist bis in unsere Zeit. Wenn jemand im Getriebe des Arbeitslebens
nicht funktioniert, verliert er seine Anstellung. Die
Motivwiederholungen im Roman deute ich als ein großes
Zahnradgetriebe, welches sich im Kreise dreht. Das Individium, Karl
Roßmann“ ist ein kleines Zahnrädchen im großen
Getriebe. Wenn das kleine Zahnrädchen verschleißt, wird es
hinausgeworfen und ersetzt. Im letzten Kapitel, Fragment II, scheint
sich alles zum Guten zu wenden. Im Theater von Oklahoma (Kafka
schrieb: „Teater
von Oklahama“)
findet jeder Arbeit. Das mutet geradezu paradiesisch an, wird man
doch von Engeln mit Flügeln empfangen, die auf Postamenten
stehen, den Arbeitssuchenden mit Trompetenschall empfangen.
Wenn
ich aus Politikermündern Vollbeschäftigung höre,
so wirft mir gerades dieses einen bitter ironischen Blick auf Kafkas
letztes Romankapitel.
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Der irische Autor William Trevor begeht am 24. Mai 2008 seinen 80. Geburtstag. Seinen Roman "Turgenjews Schatten" stelle ich hier sehr gerne vor:
William
Trevor erzählt von Marie Louise Dallon, die mit dem
Textilhändler Elmer Quarry eine Vernunftehe eingeht, um dem
kargen Leben auf dem Bauernhof zu entfliehen . Ihr lockt das Leben in
der Stadt, und Elmer, der übrigens 14 Jahre älter ist als
das Bauernmädchen, heiratet sie aus Berechnung. Ihm geht es
darum, die Fortführung seines Textilunternehmens zu
gewährleisten. Die Ehe steht unter einem schlechten Stern. Schon
körperlich passen sie nicht zusammen. Sie, ein zierliches
Bauermädchen, er, ein dickleibiger kleinewüchsiger Herr im
Anzug. Sie leben in zwar in einem Hause, aber getrennt. Elmers
Schwestern Rose und Matilde mögen sie nicht, und haben ihn vor
der Ehe mit ihr gewarnt. Sie wirken eher wie Hexen, die nur böses
in Mary Louise sehen, aber auch Letty, Mary Louises Schwester, ist
enttäuscht über diese Verbindung.
Ein typisch
irisches Extra, der Konflikt der Konfessionen, wird im Roman
gelegentlich angedeutet:
Unter den Hochzeitsgeschenken
zu Lettys Hochzeit befindet sich „ein
gerahmtes Bild der Jungfrau Maria mit einer Herz-Jesu Darstellung.
Letzteres kränkte Mrs. Dallon. Es stammte entweder von jemandem,
der nichts von Lettys Glauben wußte, oder aber von jemandem,
der das Bildnis in dem Hausstand, der gegründet wurde, für
unverzichtbar hielt. Letty würde es nicht aufhängen, sie
würde es bestrimmt beiseite legen.“
In
erster Linie erzählt Trevor von der unerfüllten Liebe zu
ihrem Cousin Robert. Schon in ihrer Schulzeit war sie in ihn verliebt
gewesen. Als sie ihn Jahre später wieder trifft, stellt sich
heraus, dass Robert ihre Zuneigung erwiedert. Er liest ihr auf einem
Friedhof aus Turgenjew vor. Nach ein wenig Recherche bin ich darauf
gekommen, das Robert ihr aus dem Roman „Vorabend“
vorgelesen hat. Bei Trevor heißt es über Turgenjews Roman:
„Jelena
Nikolajewna liebte Insarow, ohne es zu wissen.“
So war ja Mary Louises Liebe zu Robert einige Jahre
verschüttet gewesen. Auch Roberts Schicksal ähnelt dem
Schicksal Insarows.
William Trevors Prosa erzählt
von Liebesschmerz, Tod, Einsamkeit und Wahn, und wie er es erzählt,
erinnert an Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Sehr nachvollziehbar
ist das Zitat des Hessischen Rundfunks auf dem Klappentext.
„>Turgenjews
Schatten> wirkt, als hätte William Trevor die Geschichte
einer Madame Bovary aktualisiert und dadurch für die Leser das
Erzählen traditionellen Stils in unsere Zeit
hinübergerettet.<“
Um
nochmal auf Turgenjews Roman „Vorabend“
zurückzukommen: Auch Jelena war brünnet wie Mary Louise.
Das Jelena „ ein
schwieriges Wesen hatte“,
wie Trevor erzählt, gilt auch für Mary Louise.
Den
Roman empfehle ich gerne weiter, nur rätsele ich darüber,
warum bloß hat Mary Louise den Textilhändler geheiratet.
Wohl aus "kindlicher
Unschuld".
Am 18. Februar 2008 verstarbAlain Robbe-Grillet im Alter von 85 Jahren
„Der Augenzeuge“
Erst
als am 18. Februar 2008 die Nachricht umging, Alain Robbe-Grillet sei
im Alter von 85 Jahren gestorben, drang der Autor in mein
Bewusstsein. So habe ich mir den Roman „Der Augenzeuge“ besorgt,
ein wichtiges Werk des „Nouveau Roman“, zu deren Hauptvertretern
Robbe-Grillet gezählt wird. Im „Nouveau
Roman“
geht es nicht um Psychologisierung der Figuren, sondern es werden
Ereignisse sehr bildhaft und bis ins Detail genau erzählt, unter
Verwendung von Metaphern.
In dem Roman „Der
Augenzeuge“
tauchen immer wieder Möwen auf, die sozusagen auch zu Zeugen des
Geschehens auf der Insel werden. Auch der Mord um den es geht, wird
von einem Augenzeuge beobachtet. Allerdings handelt es sich hier
weniger um einen Kriminalroman, auch wenn auf dem Umschlag dafür
geworben wird. Im letzten Teil des Romans steigt die Spannung,
wenn es um die Alibis verdächtiger Personen geht.
Die
Handlung an sich scheint aber sekundär zu sein, zumal inhaltlich
auch sehr wenig passiert: Da fährt jemand auf eine Insel,
verkauft dort mehr oder weniger erfolgreich Uhren, die er in seinem
Köfferchen mit sich trägt. Als Transportmittel leiht er
sich ein Fahrrad, weil die Kette kaputt geht, erreicht er nicht mehr
sein Schiff zurück. Und der Mord noch.
Warum sollte man
das lesen?
Der Roman ist ein gutes Beispiel dafür, das
Sprache wichtiger sein kann, als der Inhalt. Sprachliche Höhepunkte
m.M.n., wenn er von den Möwen und dem Meeresrauschen erzählt,
und wenn es um das Alibi geht. Die Bildhaftigkeit der Dinge hat sich
in meinem Kopf so eingepägt, als ob ich selber auf der Insel
gewesen wäre. Im Grunde genommen ist der Leser auch ein
Augenzeuge, weil der Leser mit Bildern umrauscht wird. Eine
Sprachorgie.
Textbeispiel:
„Das
Wetter war sehr ruhig, ohne ein Windchen. Es fiel ein leiser, feiner,
unaufhörlicher sanfter Regen, der zwar den Horizont verhängte,
aber nicht ausreichte, um die Sicht in geringere Entfernungen zu
trüben. Es sah im Gegenteil so aus, als würde den ganz in
der Nähe liegenden Dingen in dieser gewaschenen Luft ein
zusätzlicher Glanz zuteil – besonders wenn ihre Farbe hell war
wie die Möwe. Er hatte nicht nur die Umrisse ihres Körpers
abgebildet, die graue eingezogene Schwinge, den einzigen Fuß
(der den anderen grau verdeckte) und den weißen Kopf mit seinem
runden Auge, sondern auch die geschlängelte Randlinie des
Schnabels mit der herabgebogenen Spitze, die einzelnen Federn am
Schwanz sowie am Schwingenrand und sogar die wie Schiefer
übereinandergefügten Schuppen längs des
Fußes.“
Kleine
Minikritik: Nicht immer leicht zu lesen. Scharfgeschnittene
Konzentration. Man wird aber belohnt dafür.
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Simone de Beauvoir wäre am 09.01.2007 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass folgt eine Besprechung ihres Romans "Alle Menschen sind sterblich"
Der Roman kann wie eine Einführung zum französischen Existentialismus gelesen werden.
Regine
ist eine talentierte Schauspielerin, die kurz vor dem Start ihrer
Karriere steht. Sie möchte berühmt und erfolgreich
sein.
"Ich
existiere, ich habe Talent, ich werde eine große Schauspielerin
werden. Und sie sind einfach blind."
Das
sagt Regine zu Raymond Fosca, der im 14. Jahrhundert einen
geheimnisvollen Trunk zu sich nahm, der ihn unsterblich machte. Seit
600 Jahren geistert er in der Weltgeschichte umher. Menschen krallen
sich an ihr Leben, glauben an ihren Erfolg, glauben, sie seien etwas
besonderes, dabei geht ihr Leben nur im Flug vorbei, an sich
bedeutungslos. Ja Fosca, der Unsterbliche, hat eine ganz andere
Sichtweise auf unser sterbliches Leben:
"Ich
sah das Blut und fing zu lachen an. Dann trat ich an das Fenster und
atmete tief ein...meine Frau war tot, tot ihr Sohn, ihre Enkel. Alle
meine Gefährten tot. Ich lebte, und es gab keinen meinesgleichen
mehr. Die Vergangenheit war von mir gefallen; nichts hemmte mich nun
mehr. Keine Erinnerung, keine Liebe und keine Pflicht, ich war ohne
Gesetz, ich war mein eigener Herr; ich konnte nach Belieben schalten
mit diesen armen Leben der Menschen, die alle dem Tode verfallen
waren. Unter dem Himmel ohne Gesicht reckte ich mich auf, lebendig,
frei und für immer allein."
Als
Unsterblicher hat sich Fosca selber vom Leben entfernt. Nichts hat
für ihn noch Bedeutung.
Zu Regine sagt er:
"Wenn
Sie spielen...glauben Sie so leidenschaftlich an Ihre Existenz! Ich
habe das bei zwei oder drei Frauen in der Anstalt gesehen; aber sie
glaubten nur an sich. Für Sie sind auch die anderen da, und
manchmal ist es Ihnen sogar geglückt, mich selber zum Existieren
zu bringen."
Wenn
wir Regine und Fosca aus der Sicht des Existentialismus betrachten
sieht es folgendermaßen aus: Regine ist die Existenz, Fosca
existiert nicht, weil er nicht am Leben teilnimmt (er möchte
durch Regine wieder in die Existenz zurückkommen, ob das
schließlich gelingt, steht noch offen, wohl eher nicht, nehme
ich an.).
In der „Geschichte
der Philosophie“
von Johannes Hirschberger können wir im Kapitel über den
französischen Existentialismus nachlesen, dass Jean Paul Sartre
die Existenz vor der Essenz vorausgehen lässt.
"Der
Mensch tritt an die Stelle Gottes und gestaltet sein eigenes Wesen
selbst“, heißt es. Der erste Grundsatz des Existentialismus:
„der
Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht (L'homme n'est
rien d'autre que ce qu il se fait)."
Raymond
Fosca macht aus sich nichts mehr etwas:
"Ich
lebe und habe kein Leben...Wenn man wenigstenz wirklich ein absolutes
Nichts sein könnte! Aber es gibt immer wieder andere Menschen
auf Erden, die einen sehen. Sie sprechen, und man muß sie
hören, man muß ihnen Antwort geben, man muß wieder
zu leben beginnen, wenn man auch weiß, daß man nicht
existiert. Und das hört niemals auf."
Wie
wir gesehen haben, ist ein Gott im Existentialismus nicht notwendig.
So hatte auch Regine in unserem Roman aufgehört, an Gott zu
Glauben.
"Ich
bleibe mir selber treu, ich lasse mich selbst nicht im Stich. Ich
werde sie zwingen, mich so leidenschaftlich zu bewundern, daß
jede meiner Gesten ihnen heilig ist. Eines Tages werde ich um meine
Stirn einen Glorienschein spüren."
Im Roman wird man mit historischen Fakten konfrontiert. Zu anfangs ist Fosca Fürst von Carmona (Italien) und steht in kriegerischem Fuß mit Genua. Wenn ich nur den Blick auf die Historie schaue, wurde es für mich am interessantesten, als Fosca Berater von Karl V. (1500-1558) war, denn Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dürfte auch so manchem an seinen Geschichtsunterricht erinnern. So erleben wir im Roman Auseinandersetzungen mit der Bewegung des Dr. Martin Luther und auch mit den Täufern, die von Lutheranern polemisch als "Wiedertäufer" bezeichnet wurden.
Karl V. über Luther:
„Ein einzelner Mönch, der sich auf sein eigenes Urteil stützt, hat sich jenem Glauben widersetzt, dem die Christenheit anhängt seit mehr als tausend Jahren.“
Damit wird der Zeitgeist getroffen. Nur die katholische Kirche durfte sagen was ist und was nicht.
Im Existentialismus heißt es aber:
„Aber wenn wirklich die Existenz der Essenz vorausgeht, so ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist“ (J.P. Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus? ).
„Wenn wir uns auf die Lutheraner stützten, um den Papst zu bekriegen und mit Hilfe der Katholiken die protestantische Union, so betrieben wir ein Schaukelspiel, das uns nicht weiterbrachte. Solange wir nicht überall gärende Zwietracht der Geister besiegt hatten, war unser politischer Einheitstraum nicht zu verwirklichen...Durch die Verfolgungen steigerten wir nur den Eigensinn der Ketzer...“
Raymond Fosca vertritt die Ansicht „Die Menschen müssen eins werden“. Als Antwort darauf bekommt er zu hören: „Es gibt nur ein Gutes...nach seinem Gewissen handeln“. Ob nun dadurch immer gutes Handeln entsteht, ist keineswegs gesagt, denn Fosca erlebt in seinem Erleben durch die Jahrhunderte nur die Pest, Gewalt und Krieg. Der Mensch kann nicht glücklich werden. Er baut alles auf, dann geht alles zunichte, und er baut es wieder auf.
"ein Leben, tausend Leben sind nicht gewichtiger als ein Flug Eintagsfliegen;"
Einer der „Wiedertäufer“ spricht zu Fosca:
>>Wenn es wirklich erstände und die Menschen glücklich wären, was bliebe ihnen dann auf Erden zu tun?...Die Welt lastet so schwer auf uns. Es gibt nur ein Heil: vernichten, was geschaffen worden ist.“
„Welch seltsames Heil“ sagte ich.>>
Es
bleibt dabei. Fosca bleibt die tragischste Figur unter den Menschen,
denn er kann nicht am Leben der Menschen teilnehmen.
„ein Leben, tausend Leben sind nicht gewichtiger als ein Flug Eintagsfliegen.“
Der
Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist,
sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir
Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu
nutzen. Was nützt dem
Unsterblichen eine Liebesbeziehung?
Ein paar Tage, ein paar Jahre lang. Dann liegt sie da auf dem Bett mit dem geschrumpften Gesicht...“
Fosca, der als Unsterblicher eher zu den Toten als zu den Lebenden gehört, ist zu einem sinnlosen Dasein verdammt.
FINE
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Leo Perutz, seinen 50. Todestag gedenken wir am 25.08.2007. Aus diesen Anlass eine Rezension zu seinem 1923 geschriebenen Roman "Turlupin"
1923
schrieb Perutz den Roman „Turlupin“. Darin beschäftigt sich
der Autor, warum die Französische Revolution nicht schon 1642
über die Bühne gelaufen ist, als Kardinal Richelieu am 11.
November, am St. Martins Tag, Köpfe des verhassten Adels rollen
lassen wollte. Um diese Verschwörungstheorie wissenschaftlich zu
untermauern, lässt Perutz einen Historiker zu Wort kommen, der
uns historische Quellen öffnet und die Gewissenhaftigkeit dieser
Pläne dem Leser ausbreitet. So lesen wir, Frankreich sei schon
1642 für die Revolution reif gewesen, ja, gewisse
gesellschaftliche Parallelen zwischen 1789 und 1642 werden erörtert,
sogar für die großen Protagonisten von 1789 gibt es schon
1642 gewisse Prototypen. Doch zu Vicomte von Saint-Chéron, dem
"Mirabeau des Jahres 1642“, lässt uns der Historiker
keine belegbare Quelle zu Gesicht kommen, denn der Vicomte lässt
sich natürlich nicht historisch belegen, weil schon hier die
Fantasien eines Perutz am Werke sind.
"Am
11. November, am Tag des heiligen Martin, sollte der Vicomte von
Saint-Chéron die Menge gegen das Hotel Lavan führen, in
dem sich die Feinde des Kardinals zu geheimen Beratungen zu
versammeln pflegten. Das Hotel Lavan sollte gestürmt und
niedergebrannt und damit das Signal zur Niedermetzelung des Adels in
ganz Frankreich und zum Sturz des Königtums gegeben
werden."
Dass
es dazu nicht kommt, verdanken wir dem Perückenmacher Tancrède
Turlupin, ausgerechnet der, ein Narr. So bedenke man doch, ein
Turlupin war im „französischen
Theater des 17. Jahrhunderts die feststehende Komödienfigur des
Possenreißers, Narren, Hanswurst",(Nachwort
v. Hans-Harald Müller).
Unser Turlupin ist ein
Findelkind, sein Pflegevater stirbt 1632, als ein Großbrand das
Stadtviertel Saint-Antoine zerstörte. Mit sechzehn Jahren
bekommt er Gelegenheit, sich zum Perückenmacher und Barbier
ausbilden zu lassen und findet Arbeit in der Barbierstube der Witwe
Jacqueline Sabot.
Doch Turlupin
„war ein Träumer und voll Wunderlichkeiten. Dem Brauch der Zeit entgegen verschmähte er es, eine Perücke zu tragen, auch ging er immer ohne Mütze über die Gasse.“
Ihm hängt eine weiße Haarsträhne über der Stirn, sein Erkennungszeichen. Er träumt, dass irgendwann einmal sein leiblicher Vater ihn daran erkennen würde. Und als er unter seltsamen Umständen auf eine Beerdigung in der Trinitanerkirche gerät, glaubt er, der Verstorbene sei sein Vater, denn die Witwe, sieht ihn aus der Ferne an, und Turlupin meint, sie erkenne ihren Sohn wieder. Der Verstorbene ist der Herzog von Lavan, und nun glaubtTurlupin, er sei adliger Herkunft, sein Leben würde sich nun schlagartig ändern. Er schafft es zwar, sich in die Villa der Herzogin, die er für seine Mutter hält, ikognito einzuschleichen, tritt dort in einer Versammlung Adliger als Herr de Josselin aus Quimper auf und mogelt sich irgendwie durch, bis er durch Zufall in aktuelle politische Unruhen gerät, und verantwortlich gemacht werden kann, eine verfrühte Revolution verhindert zu haben.
Ein
großer Historienjoke, den sich Leo Perutz leistet. Doch muss
auch zugestanden werden, dieser Roman fällt anderen
Perutz-Romanen gegenüber deutlich ab. Die ersten sechs Kapiel
sind in gewohnter Perutzmanier verfasst: überraschend,
rätselhaft, leicht grotesk. Doch dann fällt die Spannung
deutlich ab. Sogar Turlupins erfolgreiches Zwischenspiel als Josselin
ist doch eher durchschnittlich. Natürlich fehlt es nicht an
Humor, dieser trottelige Narr unterm Adel, doch, wenn ich einen
Vergleich mit den anderen Romanen ziehe, die ich alle gelesen habe,
betrachte ich den „Turlupin“ als einen netten Spaß, den
sich der Autor geleistet hat. Es fällt die lineare
Struktur der Handlung auf, in dem nur Turlupin eine Rolle spielt,
auch spart Perutz an phantastischen Elementen. Kein
Doppelgänger, kein ewiger Jude, keine unlösbaren
Rätsel.
„Vielleicht
hat Gott nach Art der großen Herren sich einen guten Tag aus
einem einfältigen Menschen gemacht.“
Mehr sollte es wohl nicht sein.
FINE
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Zum Gedenken des 30. Todestages vonVladimir Nabokov am 02.07.2007 las ich "Gelächter im Dunkel"
Da
mag man sich wundern und seiner Fantasie freien Lauf lassen warum
Nabokov sich in diesem Roman einer ungewohnt einfach gängigen
Sprache bedient. Schließlich ist man anderes gewohnt. In der
Biografie von Boris Nossik las ich, Nobokov habe über
die dümmsten amerikanischen Filme Tränen gelacht. Kino
war auch damals im Berlin der zwanziger Jahre vorigen Jahrhunderts
gute Unterhaltung für das Volk, jeder ging ins Kino und jeder
sollte „Gelächter
im Dunkel“
lesen, das seine große Liebe zum Film Tribut zollt.
Der
Roman spielt im Künstlermilieu. Albinus, ein verheirateter
wohlhabender Bildrestaurator um die dreißig, verliebt sich in
die noch nicht achtzehnjährige Margot, eine gerissene Göre,
die ihn schamlos ausnutzt. Als sie auf ihren früheren Geliebten
Rex trifft, einen berühmten aber armen Künstler, treiben
sie ein böses Spiel mit Albinus.
Albinus begegnet Margot
erstmals im Kino:
„Er
hatte die Dunkelheit kaum betreten, als der ovale Strahl einer
Taschenlampe auf ihn zuglitt...Gerade als das Licht auf die
Eintrittskarte in seiner Hand fiel, sah Albinus das geneigte Gesicht
des Mädchens.“
Nun
heißt der Roman im Russischen „Camera
Obscura“.
Das ist eine dunkle Kammer, in die durch ein Loch, in welches eine
Linse angebracht sein kann, ein Lichtstrahl fällt und so auf der
gegenüberliegenden Seite ein spielgelverkehrtes Abbild
projeziert wird, welches auf dem Kopf steht. In gewisser Weise sieht
auch Albinus das Mädchen Margot verkehrt herum, nicht so, wie
sie ist, weil er ihre bösen Absichten nicht erkennen kann und
nicht einmal merkt, wie er verhöhnt wird.
Nabokov
parodiert in diesem Roman das Filmmelodram. So wird aus der
tragischen Dreiecksgeschichte eine ins Groteske verzerrte Komödie,
die so unwirklich scheint, als rolle sie von einer Filmspule ab. So
hat der Roman mir oft genug mein Zwerchfell geschunden. Da traut er
sich nicht, im Kino Margots blicken zu begegnen,
„weil es wehtat hinzuschauen und weil er daran denken mußte, wie viele Male Schönheit – oder was er Schönheit nannte – an ihm vorübergegangen und verschwunden war.“
Amüsieren wir uns wie im Kino.
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Joris-Karl
Huysmans
(1848-1907). Hundertster Todestag am 12. 05. 2007. Für mich ein
Anlass, einen seiner Romane zu lesen:
"Zuflucht" (Roman, 1886)
Völlig verschuldet fliehen Jacques Marles und seine Frau Louise aus Paris vor ihren Gläubigern und verbringen einige Zeit bei einem Onkel auf dem Lande, sie bewohnen ein Zimmer in der Schlossruine von Lourps. Doch ihr Aufenthalt dort entwickelt sich zur Qual. Die Leute auf dem Lande sind geldgierig, heuchlerisch, gemein. Der Aufenthalt von Jacques und Louise wird zur Tortur. Besonders für Jacques, der in dieser Erzählung in den Mittelpunkt gerückt wird, ist der Aufenthalt dort eine Fahrt ins Unbewusste, er flieht in erotisch surreale Träume und wird sich über die problematische Beziehung zu seiner Frau bewusst.
Mir hat der Roman besonders deswegen gefallen, weil Huysmans viele Jahre vor Sigmund Freud Theorien zur Traumdeutung darlegt, die teilweise heute auch noch Gültigkeit haben. Der medizinhistorische Aspekt des Romans hat für mich einen besonderen Reiz und ich bin mir sicher, Louise leidet an Hysterie, verschiedene Andeutungen, die Huysmans vorlegt, bezeugen dies. Offenbar war Huysmans über die Forschung zur Hysterie des Pariser Arztes Jean Martin Charcot (29.11.1825-16.08. 1893) unterrichtet und lies sich inspirieren. So wird der Roman u.a. auch ein Dokument damaliger Epoche.
Joris-Karl Huysmans kann unheimlich gut schreiben. Die Beschreibungen des Schlosses, der Dorfkirche, der Träume, und der Spaziergänge von Jacques sind einfach großartig. Der Autor ist besonders an diesen Stellen sehr suggestiv, die Beschreibung des Schlosses geradezu unheimlich, als befänden wir uns in einer gothic-novel.
Der Roman hat mich sehr neugierig gemacht auf weitere Werke des Autors.
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Für seinen Roman "Die Straße"erhält Cormac McCarthyam 21.05.2007 den Pulitzerpreis.
„Publishers Weekley“ bezeichnete den Roman als „das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte“. Nach einer ungeheuren Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes geht ein Vater mit seinem Sohn durch ein abgefackeltes Amerika. Man fragt, wohin wollen sie eigentlich? Zum Meer, heißt es später, aber was wollen sie dort? Was kann man in einer toten Welt schon wollen? Ihr Ziel ist das Nichts. Wälder verkohlt, Asche säuselt im Wind, alles tot, sogar die Vögel verschwinden. Das Leben auf der Erde ist ausgelöscht. Im Roman erfahren wir nichts über die Ursache der Katastrophe. Schon die Chaldäer glaubten an einen Weltenbrand, ein Überbleibsel solch einer biblischen Katastrophe klingt noch im Lukas Evangelium nach: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennt“(12,49). Schon Stewart O'Nan inszenierte in seinem Roman „Das Glück der Anderen“ ein Untergangsszenario. Cormac McCarthy erzählt von der zerstörten Welt nach dem Weltenbrand. Die Ursache des „Warum?“ interessiert McCarthy nicht.
Schon in „Die Abendröte des Westens“ (1985) zeichnet Cormac McCarthy Bilder des Untergangs, Gewalt und Zerstörung. In „All die schönen Pferde“(1992) erzählt er von zwei jungen Ausreißern, die in Mexico ihr großes Abenteuer suchen, und schließlich ums Überleben kämpfen müssen. In dem Roman „Die Straße“ kämpfen die beiden, der Vater und sein Sohn, ums Überleben. Hier geht es um elementaren Bedürfnisse. Wann findet man endlich etwas essbares, wo schlägt man sein Nachtlager auf?
Grandios sind die wortkargen Dialoge, so karg wie die Landschaft selbst, aber mit einer wuchtigen Wirkung zwischen den Zeilen. Es geht um die Frage nach dem Tod, um die Trauer, dass es keine Vögel mehr gibt, um Sehnsüchte.... Meisterhaft ist, wie wenige Worte McCarthy braucht, um Gefühle und Stimmungen lebendig werden lassen. Diese Wortkargheit fügt sich in idealer Weise in diese entsetzlich apokalyptische Welt ein. Der Junge schaut durch ein Fernglas und kann nichts erkennen, weil alles im Grauton verschwimmt und man weiß nicht, ob das Meer noch blau ist. Wenn McCarthy in „All die schönen Pferde“ von einer herrlichen stillen Mondnacht erzählt, verschwindet hier der Mond hinter einen trüben Aschenatmosphäre. Der Schluss des Romans: Er endet, wie er enden muss. Teilweise erahnt, aber dann doch etwas anders. Das Ende darf ich selbstverständlich nicht verraten, habe mir auch Mühe gegeben, vom Inhalt kaum was preiszugeben.
Die Prosa ist sehr leicht lesbar mit gewaltiger Wirkung. Cormac McCarthy ist ein Meister unausgesprochener Worte.
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Martin
Walser: "Ehen in Philippsburg" (1957)
Zum 80.
Geburtstag am 24.03.2007 habe ich Martin Walsers Romanerstling
gelesen
Martin Walsers erster Roman „Ehen in Philippsburg“ erschien 1957 als sich Deutschland nach dem Krieg wieder aufrichtete, das sog. Wirtschaftswunder einsetzte und gut begüterte Bürger Italien als Urlaubsland entdeckten.
Doch nichts ist so wie es scheint. Der Roman richtet sich gegen die Welt der reichen Kapitalisten die im Zentrum der Öffentlichkeit stehen. Sie stehen solange im Licht der Öffentlichkeit, bis ihr wahres Gesicht hervortritt. Moralische Verfehlungen und arroganter Ehrgeiz lassen diese Persönlichkeiten aus dem Leben in der Öffentlichkeit verschwinden. Der Roman spielt in der fiktiven Stadt Philippsburg. Der Ort steht für Deutschland.
Sehr beeindruckend werden die inneren Nöte eines Gynäkologen erzählt, der seine introvertierte Frau mit der Inhaberin eines Kunstgewerbegeschäfts betrügt. Das Verhältnis hat keine Zukunft, trotzdem kann sich Dr. Benrath nicht von ihr trennen. Als Leser schauen wir in die seelischen Qualen des Doktors hinein, der in Gesellschaften gerne den Mittelpunkt einnimmt. Von seinem außerehelichen Verhältnis darf aber niemand etwas erfahren, sein Ansehen und Karriere wären vernichtet. Als etwas schreckliches passiert muss Dr. Benrath Philippsburg verlassen.
„...er konnte zuschauen, getrennt von der Wirklichkeit durch die makelose Scheibe seines Wagens und durch die vier Reifen, die ihn gleichzeitig auf der Straße hielten und ihn auf die erträglichste Weise von ihr trennten.“
Ein ähnliches Schicksal erleidet der ehrgeizige Rechtsanwalt Alwin, der allerdings im Gegensatz zum Gynäkologen stolz auf seine Frau ist, sie gerne in Gesellschaft vorführt, großen wert auf seine Treue schwört, sie aber hinterrücks betrügt. Ein arroganter Schnösel mit dem Lebensgrundsatz
„die Frau, die wir lieben, ist immer ein Ersatz für eine, die wir noch nicht lieben oder...nie haben werden.“
Eine recht sympathische Figur ist der Journalist Hans Beumann, der in die Stadt kommt, um sich beim Chefredakteuer der „Weltschau“ Harry Büsgen zwecks Bewerbung vorzustellen. Das bleibt ihm verwehrt. Hans ist nicht in der Lage, die hohe Gesellschaft auf sich aufmerksam. Er hat gewisse Unzulänglichkeiten und schlägt einen einfacheren Berufsweg ein. Nicht jeder ist ein Karrieretyp.
Ich war erstaunt über die Reife der Prosa, die Martin Walser in seinem ersten Roman entfaltet. Eine vortreffliche Seelenschau, die Walser mit der Technik des inneren Monologes grandios darbietet. So überzeugend, dass ich mich als Leser irgendwo wiedererkenne oder mir, wie im Falle des Dr. Benrath, ein Schauer über den Rücken kehrt. Die Charaktere sind so vollkommen ausgearbeitet, dass ich manche Herrschaften in den Zeilen lieben, andere hassen kann.
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Am 25. 01. 2006 gedachten wir den
125. Geburtstag von Virginia
Woolf.
Ich habe mir
Gedanken über ihren dritten Roman gemacht.
"Jacobs Zimmer"(1922):
Der Roman spielt kurz vor dem ersten Weltkrieg. "Jacob Flanders ging daher im OKtober 1906 nach Cambridge", heißt es.
Jacob Flanders gehört zu der Generation junger Menschen, die ihr Leben nicht zu voller Blüte entfalten konnten und in den Wirren des ersten Weltkrieges unterging. Flanders, sein Name sagt es schon, stirbt in Flandern. So erging es auch Hans Castorp im "Zauberberg".
Der Roman ist von Todessymbolik durchzogen. Als kleiner JUNge findet er am Strand von Scarborough einen Kuhschädel. Im Kap.2 fangen die KInder Käfer und Schmetterlinge:
"Der Hirschkäfer stirbt langsam...Auch am zweiten Tag waren seine Beine noch beweglich. Aber die Schmetterlinge waren tot."
Für ein normales bürgerliches Leben ist Jacob Flanders nicht fähig:
"Er ist", sagte sie nachdenklich, "wie dieser Mann bei Molière." (Kap.13)
Eine Anspielung auf Alceste in "Le Misanthrope", der jede Art der Konvention für Heuchelei hält, heißt es unter Anmerkung Nr. 137 im Fischer-TB (gut, dass es die Anmerkungen gibt).
Fanny Elmer war in Jacob verliebt, er hat sich nicht für sie interessiert. In Kap.13 heißt es:
"Seit den letzten beiden Monaten allein auf Ansichtspostkarten gestützt, war Fannys Vorstellung von Jacob statuenhafter, edler und augenloser denn je. Um ihr BIld zu beleben, hatte sie sich angewöhnt, das Britische Museum aufzusuchen, wo sie die Augen gesenkt haltend, bis sie Seite an Seite mit dem lädierten Odysseus stand, aufblickte und einen frischen Schock von Jacobs Gegenwart empfing..."
Was für ein Vergleich. Jacob Flanders statuenhaft in der Welt der Lebenden.
Nun heißt der Roman "Jacobs Zimmer". In London verkriecht sich Jacob in sein Zimmer und lebt in der Welt der Bücher. Von außen dringen Alltagsgeräusche ein (Kap.9):
"In der Straße unter Jacobs Zimmer wurden Stimmen laut. Aber er las weiter. Denn schließlich fährt Plato unerschütterlich fort. UNd Hamlet spricht sein Monolog...Platos Erörterung ist in Jacobs Geist verstaut." (er liest "Phaedrus")
Fanny Elmers Auftritt in dem Roman (Kap X) hat mir sehr gefallen. Sie wird sich in Jacob verlieben und zufällig kommt sie an seinem Haus vorbei:
"Das Haus war flach, dunkel und still. Jacob war zu Hause und mit einem Schachproblem beschäftigt..."
Das Leben (Fanny Elmer) läuft draußen vorbei, und Jacob brütet über einem Schachbrett. Der Ausgangspunkt von Fannys Spaziergang ist ein Friedhof.
"Auf dem nicht mehr benutztem Friedhof im Kirchspiel von St. Pancras irrte Fanny Elmer zwischen den weißen GRabplatten umher..."
Und hier bin ich wieder den Anmerkungen sehr dankbar. Unter Nr. 98 lesen wir, St. Pancras sei das wichtigste Beispiel für den neo-griechischen Stil mit einer dem Erechteion nachempfundenen Säulenhalle.
Um der Zivilisation zu entfliehen, reist Jacob nach Griechenland. Der Parthenon verleiht ihm den Eindruck, der Tempel könne die "Welt überdauern". Und das denkt er, kurz bevor sich in Europa die Kriegsmaschinerie rüstet.
In "Jacobs Zimmer" wird desöfteren über den Einfall des Sonnenlichtes, Lichtspiegelungen u.ä. erzählt. Das erinnert mich an impressionistische Malerei. Während der Lektüre von Keyserlings "Wellen" hatte ich ähnliche impressionistische Fantasien:
"Eine schiefe Ebene aus Licht dringt präzis durch jedes Fenster, purpurn und gelb noch in ihren verstreutesten Stäubchen, während, wo sie sich an Stein bricht, dieser Stein sanft von roter, gelber und purpurner Kreide gehellt wird. Weder Schnee noch Laubgrün, weder Winter noch Sommer haben Macht über das alte bunte Kirchenglas." (Kap.3)
Einer von vielen besonders schönen Lesemomenten:
"Das Licht einer Bogenlampe übergoß ihn von Kopf bis Fuß. Er stand eine Minute reglos darunter. Schatten fielen scheckig auf die Straße. Andere Gestalten, einzeln und zusammen, strömten heraus, flackerten vorüber, und verschluckten Florinda und den Mann." (Kap.8)
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Am 10. 12. 2006 wird der Literaturnobelpreis an Orhan Pamuk verliehen. Sein Roman "Die weiße Festung" inspirierte mich zu folgender Geschichte:
>>Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident<<
"Alle Türken der Republik müssen am Heiligen Abend unter ihrem Weihnachtsbaum 'Stille Nacht' singen." Das beschloss das Parlament am 06.12. 2023, nachdem alle Integrationsversuche gescheitert waren. Vier Tage später meldete Hürriyet , in Ankara werde diskutiert, deutsche Touristen nicht mehr in die Haghia Sophia einzulassen und den Moscheebetrieb wieder aufzunehmen. Der deutsche Außenminister lief rot an und diplomatische Beziehungen kühlten schroff ab. Der Streit zog sich schon Jahrzehnte hin: die Zypernkrise, der Aufruf der Türken vom 02. Februar 2017, am Karfreitag Schweinefleisch zu essen, um die Katholiken zu ärgern und jetzt noch das Gesangsdebakel im Kerzenlicht. Dabei wurde in einer Meldung des Privatsenders RTL vom 03.12. 2006 schon darauf hingewiesen, dass in den meisten deutschen Stuben am Heiligen Abend keine Weihnachtslieder mehr gesungen werden. Sie werden fragen, warum ich das noch weiß. Nun, ich arbeite an einer Chronologie über den Untergang des Christentums.
Der Streit zwischen Türkei und Deutschland droht nun zu
eskalieren. Warum können wir nicht einfach an einem Tisch sitzen
wie der Hodscha und der Venezianer in dem Roman "Die
weiße Festung"? Wenn wir den Nächsten wie
uns selbst lieben sollen, dann bin ich der andere, und der andere ist
ich. Trennung muss dann Illusion sein, und wir könnten unsere
türkischen Nachbarn zum Heiligen Abend einladen. - Ja, nebenan
wohnt seit einigen Jahren eine türkische Familie, und ich habe
mich gewundert, warum während der Adventszeit in ihrem Fenster
immer ein Stern blinkt. Meine Frau wurde böse, als ich
vorschlug, die Nachbarn dieses Jahr zum Heiligen Abend
einzuladen.
"Was, spinnst du? Ich bin froh, wenn wir unsere
Ruhe haben!"
Voller Scham wandte ich mich ab. Heutzutage ist
es schwer, Freunde zu finden.
Lesen sie nun auch "Die weiße Festung" von Orhan Pamuk, wenn sie wollen.
Auf dieser Seite weiter unten können sie meine Besprechung zu Pamuks Roman "Das schwarze Buch" entdecken.
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Am 20. November 2006 erhält der rumänische jüdische Schriftsteller Mihail Sebastian für seine Tagebücher posthum den Geschwister Scholl-Preis.
Mihail Sebastian: "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt", Tagebücher 1935 - 44
Mihail Sebastian war ein glänzender Literatur- und Musikkritiker. Er schrieb Romane, Essays und Theaterstücke. Seine Tagebücher gewähren uns aus erster Hand Einblicke in die dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Rumänen. Was diese Zeit betrifft, da denken wir im Westen an den Aufstieg der NSDAP in Deutschland. In Rumänen, so lernte ich aus den Tagebüchern, und die Schuppen fielen mir aus den Augen, gab es parallell zu den Geschehnissen in Deutschland, eine terroristische, faschistische Bewegung, die den Antisemitismus in Rumänien anfachte: die "Eiserne Garde".
Mihail Sebastian musste mit ansehen, dass viele seiner Freunde der Ideologie der "Eisernen Garde" verfielen, darunter der Religionswissenschaftler und Schriftsteller Mircea Eliade, der Philosoph Emile Cioran, der Schriftsteller und Kulturkritiker Camil Petrescu und Sebastians Lehrer, der Journalist, Philosophieprofessor und nationalistische Politiker Nae Ionescu. All diese Intelletuellen, die dem Freundesbund der "Jungen Generation" angehörten, wanderten geistig in den braunen Sumpf, aber nicht Mihail Sebastian. Sebastian hielt sich konsequent fern davon und nahm damit eine Isolation in Kauf, sah seine Freunde immer seltener. Das außergewöhnliche, trotz dieser Umstände brach er keine der Freundschaften.
Mihail Sebastian ging gerne ins Athenäum, dem Bukarester Konzertpalast und hörte regelmäßig Radio. Seine musikalischen Lieblinge waren J.S.Bach (z.B. Matthäus-Passion), Mozart und Haydn. Er empfing sogar einen Radiosender aus Stuttgart.
Als der Weltkrieg begann, konnte ihm nicht einmal die Musik mehr trösten:
Freitag, 12. Januar, 1940:
"Ich höre die deutschen Sender ungern, ja mit Gewissensbissen, selbst wenn sie nur Musik senden. Was jetzt in Polen mit den von Hitlers Horden umzingelten Juden geschieht, übertrifft jedes uns bekannte Grauen."
Um ihn herum geschah schreckliches: Bombenangriffe, Schießereien, Progrome gegen Juden, er hatte ständig Angst, selbst umgebracht zu werden. An schriftstellerische Arbeit war gar nicht zu denken. Das Tagebuch legt Zeugnis ab, wie künstlerische Kreativität durch äußere Barberei gelähmt und erstickt wird. Im Oktober 1937 verlor er Manuskriptseiten eines Romans ("Der Unfall") und beschreibt sehr genau seine Mühen, den Roman zu rekonstruieren. Er quält sich von Seite zu Seite, zweifelt an seinem schrifstellerischen Können und bringt den Roman erst im Februar 1940 zu Ende. Als am 27.11. 1937 Oktavian Goga Ministerpräsident wurde, verschärften sich die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Dieser quälende Schatten mag seine Schaffenskraft gehemmt haben.
Sonntag, 21. Mai 1939:
"Was an meiner Lage als Soldat so schrecklich ist, ist nicht die physische Erschöpfung, sondern der moralische Verfall. Ich müsste meine menschliche Würde verlieren, damit mir ein solches Leben erträglich erschiene. Jeder Mensch, absolut jeder, mein Pförtner, der letzte Straßenarbeiter, der letzte Ladenschwengel ist mehr wert als ich in dieser Uniform, die allenfalls Mitleid hervorruft."
Wie viele Rumäner war Sebastian frankophil und las André Gide, Jules Renard u.a. Im ausführlichen, sehr lobenswerten Vorwort der deutschen Ausgabe schreiben die Herausgeber über das traurige Lebensende Sebastians:
"Am 29. Mai 1945 befand er sich auf dem Weg in die Literaturfakultät, wo er eine Antrittsvorlesung über Balzac halten sollte. Er war gerade dabei, eine Straße zu überqueren, als ihn ein Lastwagen erfasste und tötete." (Seite 26 der DEA, Claasen-Verlag, 2005).
Fine
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Klaus Mann - 100. Geburtstag am 18.11. 2006
"Symphonie Pathétique" (Roman, 1935)
"Überall werde ich - Fremdling sein. Ein Mensch meiner Art ist stets und allüberall durchaus einsam " (Briefe und Antworten, S. 15),
sagt Klaus Mann über sich selbst. Dasselbe gilt für den Künstler in dem Roman "Symphonie Pathétique", in dem Klaus Mann den russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky porträtiert, einen Künstler, der aufgrund seiner Homosexualität ein Leben als Außenseiter führt. Das entspricht exakt der Überlieferung. Constantin Floros zitiert in seiner Biographie den Musiker wie folgt:
"Ich bin hier sehr, sehr einsam, und wäre nicht die ständige Arbeit, dann würde ich in Melancholie verfallen. Und auch das ist richtig, daß die verfluchte Homosexualität zwischen mir und den meisten Menschen einen unüberschreitbaren Abgrund bildet" (S. 26).
Klaus Mann, der seit 1933 im Exil lebt, dem 1934 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wird, schreibt 1935 diesen Tschaikowsky-Roman, erzählt von den Tourneen des Komponisten durch Europa bis in den USA. Ein ruhelos Reisender, jemand der ruhelos herumirrt und keine Heimat hat. Darum sagt Klaus Mann in seinem Lebensbericht "Der Wendepunkt", er sei
"ein Emigrant, ein Exilierter, nicht aus politischen Gründen, sondern weil er sich nirgends zu Hause fühlte."
Keine politischen Gründe, aber ich habe mich gefragt, ob es im Roman nicht doch einen zeitkritisch bezogenen Bezug zu Klaus Manns Gegenwart gibt und bin auf zwei Textstellen gestoßen:
1) Tschaikowsky beklagt, dass in seiner Heimat Wälder abgeholzt werden:
"Es ist nur traurig,", sagte er, "daß man auch hier schon anfängt, so unbarmherzig abzuholzen. Sie werden es noch machen wie in Maidanowo: sie verderben mir meine schöne Landschaft, sie wollen mich aus ihr verjagen." (Seite 221/222)
2) Tschaikowskys Musik wird in Russland kritisiert:
"...seine Musik sei nicht echt, nicht authentisch, nicht russisch; sie sei unpersönlich, konventionell, verwestlicht, heillos beeinflußt von dem internationalen Juden Anton Rubinstein, es sei gar keine russische Musik; die Echten aber, die Eigentlichen, das waren die fünf >Novatoren< , die vom Volkslied her kamen und nichts gelernt hatten, und von ihnen der Allerechteste war Mussorgsky, das pathetische Kraftgenie, der Säufer, der Urwüchsige, Volksverbundene, den Peter Iljitsch den >lärmenden Dilettanten< nannte." (Seite 86).
Ich glaube, besonders in diesen Textstellen wird die zeithistorische Dimension des Romans sichtbar: Die Vertreibung aus der Heimat und die die Musikkritik, die sich Tschaikowsky selber anhören musste, erwecken Assoziationen zu den Schikanen, denen Künstler im Dritten Reich ausgesetzt waren.
In den zwanziger Jahren wurde in der Sowjetunion Abtreibung und Homosexualität nicht mehr strafrechtlich verfolgt und Ehescheidungen wurden erleichtert (vgl. Naumann, Seite 71). Diese Bestimmungen wurden 1934 wieder verschärft, worüber Klaus Mann sich sehr betroffen äußert:
"...in dem Lande, das wir für das aufgeklärteste und fortschrittlichste der Welt halten möchten, hat man die Liebesform, von der wir sprechen, aufs neue unter grausame Strafe gestellt."( Heute und morgen, Schriften zur Zeit, München 1969, zit. in Naumann, Seite 71).
Im Roman hat Tschaikowsky eine äußerst innige Beziehung zu seinem Neffen Wladimir Dawydow, kann seine homosexuellen Neigungen aber nicht ausleben. Des Nachts erscheint er ihm als "Todesengel". Die hoffnungslose Liebe treibt den Komponisten in Melancholie und Phasen von Todessehnsucht. Seine letzte Symphonie, die "Pathétique", widmet er seinem geliebten Neffen.
"meine Symphonie...von einer Stimmung durchdrungen..., die der, von der das >Requiem< erfüllt ist, nahe verwandt ist." (Floros, Seite 124).
Klaus Mann las u.a Richard H. Stein: Tschaikowskij (1927). Darin ist über Tschaikowskys Verhältnis zu seinem Neffen folgendes zu lesen:
"Manche seiner Briefe an den Neffen sind in einem Ton gehalten, wie er sonst nur unter ganz jungen Verliebten üblich ist." (Helm, 1976, Seite 111).
Im Wendepunkt schreibt Klaus Mann über Tschaikowsky:
"Seine neurotische Unrast, seine Komplexe und seine Extasen, seine Ängste und seine Aufschwünge, die fast unerträgliche Einsamkeit, in der er leben mußste, der Schmerz, der immer wieder in Melodie, in Schönheit verwandelt sein wollte, ich konnte es alles beschreiben; nichts davon war mir fremd." (Seite 382)
Mich hat der Roman völlig in den Bann gezogen. Natürlich hat es mir gefallen, dass es um Tschaikowsky geht. Das ist aber nicht der einzige Grund meines Gefallens. Klaus Mann schreibt sehr einfühlsam und ergreifend über das Leiden, um das es hier geht. Auch der Schluss ist sehr gelungen. Wie leicht könnte ein Autor gerade hier ins Triviale fallen. Klaus Mann beherrscht aber sein schriftstellerisches Können bis zum letzten Wort. So sei der Roman wärmstens empfohlen.
Benutzte Literatur:
Constantin Floros: Peter Tschaikowsky,
rororo, 2006
Everett Helm: Tschaikowsky, rororo, 1976
Klaus
Mann: Briefe und Antworten, rororo, 1991
Klaus Mann: Symphonie
Pathétique, rororo, 1999
Klaus Mann: Der Wendepunkt,
Deutscher Bücherbund, Stuttgart, (ohne Jahresangabe)
Uwe
Naumann: Klaus Mann, rororo, 1984
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Am
07.JUli 2006 währte der 50. Todestag von Gottfried
Benn.
Zu diesem Anlass erschien schon im März Gunnar
Dekker: Gottfried Benn.
Genie und Barbar, Aufbau-Verlag, 2006
Mit Gunnar Dekkers Buch über Gottfried Benn hat uns, 50 Jahre nach dem Tod des Dichters, eine umfangreiche Biografie über den bedeutenden Lyriker erreicht, der über sich selbst nichts erzählen wollte, Dekker aber sehr bemüht ist, feine Details aus seinem Leben darzulegen und Benns Charakter und sein Denken akribisch zu durchleuchten. Gottfried Benns kurzzeitige Verwicklung mit den Nazis nimmt verständlicherweise sehr breiten Raum ein, klärt auf, rückt die Fakten zurecht, dabei gibt Dekker dem Leser einen kleinen wertvollen Wink mit auf dem Weg. Es geht um den Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann F.W. Oelze:
"DIeser Briefwechsel ist eine Schatzkammer! Und nebenbei, aber nicht nebensächlich: Benns Ehrenrettung für die Zeit von 1933 bis 1945. Denn diese Briefe zeigen die Chronologie seiner Abwendung von den Nazis. Die Abwendung ist gründlich." (Dekker, S. 205).
Eine Schatzkammer deshalb, weil Benn über sich selbst persönliches schreibt. Er vertraut Oelze mehr an als seinen Ehefrauen und Geliebten:
"Jeden
Tag denke ich daran, was es für Sie bedeuten muss, in diesem
trostlos niedersächsischen Industrie-und Beamtendorf zu leben -:
Sie können allein sein! Was für ein wirkliches
Glück
schliesst diese Tatsache ein! Keine Familie, keine offizielle
Geselligkeit, keine Gaffer und Schnüffler, keine verkalkten
Moralkontrolleure beiderlei Geschlechts mit erhobenem Zeigefinger und
unbequemen Drohungen, keine Beerdigungen und Diners - das ist ja, wo
ich hin möchte, wo ich endlich hin muss."
(an
Oelze, 1936, in Dekker S.206, Unterstrichenes im orig. kursiv)
Normalerweise pflegt er das anders:
"Eine
mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage
nicht mehr, als was in meinen Büchern steht."
(an
Oelze, in Dekker, S. 204).
Was für einen Charakter hatte Benn? "Geburtstag eines Nihilisten" nennt Dekker ein Kapitel. Über seinen 60. Geburtstag schreibt Benn an Oelze aus dem " zerstörten Berlin": "Lieber Herr Oelze, zu meinem 60. Geburtstag beschenke ich mich selbst damit, Ihnen einen Brief zu schreiben....keine Besuche, keine familiären Aufläufe, Essen mit dem Dienstmädchen in der Küche, die mich ins Gespräch zog über ihr neues Kostüm, das am Rücken noch nicht sässe, dann Patienten u. im übrigen kein Wort gesprochen." (in Dekker, Seite 373)
Fremden Menschen geht er aus dem Weg, hält auch mal Verabredungen nicht ein. Notorisch schüchtern, aber nicht nur dass. Mit Ehefrau Edith Osterloh wohnt er nicht zusammen, besuchte sie Sonntags für kurze Zeit, empfindet es als störend, mit ihr eine Tochter zu haben, sitzt lieber in seiner Wohnung im Dämmerlicht. Herta von Wedemeyer heiratet er, weil er jemanden für seinen Haushalt braucht. Der Tod beider hat ihn aber schockiert, für eine Geliebte finanziert er die Beerdigung, obwohl er für deren Selbstmord nicht schuldig war. Gertrud Zenses, die er mit liebevollen Kosenamen überschüttet, widmet ihr ein Exemplar seiner Gesammelten Schriften und schreibt hinein:
"Man
denkt, man dichtet
gottweiß
wie schön.
Und
schließlich war man
bloß
hebephren."
..........
Was mag die Frau nur gedacht haben?
Gottfried Benn, Facharzt für Haut - und Harnleiden, behandelt meist Geschlechtskrankheiten, übrigens gerne auch ohne Honorar, wenn Patienten kein Geld haben. 1914 arbeitet er als Militärtarzt in einem Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel. 1928 wendet ersich in der Schrift "Dein Körper gehört Dir" gegen den §218. Schön, dass Gunnar Dekker dies erwähnt, war Benn doch sonst nicht sozial engagiert. Als Arzt sah Benn natürlich das Leid der Frauen. "Die Armen versuchen es mit Stricknadeln, schmutzigen Spritzen, Seifenlaugen und heißen Bädern. Benn weiß sogar vom stundenlangen Kitzeln der Brüste, vom pausenlosen Beischlaf, um die Gebärmutter zu sprengen." (Dekker, Seite 154). Ürsprünglich wollte er Psychiater werden, dazu kam es aber wegen seiner eigenen ungünstigen psychischen Disposition nicht. Der Mediziner Werner Rübe diagnostiziert in seiner Untersuchung "schizothym", nahe der Psychose (Werner Rübe, Provoziertes Leben, Stuttgart, 1993): "überempfindlich, gefühlsabweisend, kühl, kontaktarm und introversiv" (in Dekker, Seite 52). Ein bürgerliches Berufsleben war ihm wegen schneller psychischer Ermüdbarkeit nicht möglich. Dekker spricht "von ein bis zwei Stunden geistiger Hochspannung am Tag" in der er schöpferisch tätig sein kann (ebd. Seite 52).
Seine frühen expressionistischen Gedichten von 1912 ("Morgue und andere Gedichte") bringen ihn mit einem Schlag ins Licht der Öffentlichkeit. Er schrieb sie unter dem Eindruck seiner Sektionslehrgänge im Moabiter Krankenhaus. Gunnar Dekker stellt zwischen den "Morgue"-Gedichten und dem Vanitas-Gedicht des barocken Dichters Andreas Gryphius eine Verbindung her: "Wisse den Tod in dir, unter der Haut zeichnet sich schon das Skelett ab."(ebd. Seite 63). Das Gottvertrauen verloren, so sieht Dekker in dem Gedicht "Der Arzt", Nietzsches Ruf vom Tod Gottes ("Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch-: ...", Seite 65).
1915 wurde Gottfried Benn verpflichtet, als Militärarzt der Exekution der engl. Spionin Edith Cavell zugegen zu sein. Brisant daran, als im Jahre 1928 über diesen Vorfall Benns Bericht im Berliner >>8-Uhr-Abendblatt<< erschien, war er immer noch davon überzeugt, dass die Erschießungs rechtens war, obwohl wir heute wissen, dass hinter den Kulissen um das Leben der Edith Cavell gerungen wurde. Im Personenregister der Benn-Biografie von F.J. Raddatz sucht man vergeblich nach dem Stichwort Edith Cavell. Dekker beschäftigt sich über sechs Buchseiten mit diesem Fall. Das schaurige ist, 13 Jahrerspäter reflektiert Benn nicht darüber, sondern lässt alles so wie es ist: Militärischer Befehl und fertig. Gottfried Benn war ein unbeugsamer Fatalist. Für Benn sah das nach Dekker so aus: "Krieg kann nicht anders als grausam sein, denn Krieg bleibt immer ein Teil derGeschichte. Und Geschichte ist nur ein anderes Wort für die Abfolge mehr oder weniger sinnvoller Grausamkeiten." (Seite 93).
Gunnar Dekker beleuchtet den Fall Edith Cavell sehr ausführlich aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Autor widmet sich auch über Gottfrieds Benns Verstrickungen mit dem Nazionalsozialismus aüßerst akribisch. Erstaunlich, was Dekker hier zu Papier bringt, alles quellenorientierte Biografiearbeit. Zusammenfassend lässt sich sagen, Benn habe sich dem Nationalsozialismus kurzzeitig angebiedert, ohne ihn wirklich zu durchschauen. Gottfried Benn erhoffte sich mit einem starken NS-Staat "eine Neubelebung der Kunst" (Dekker, Seite 254). Und das ist vielleicht sein größter Irrtum, denn den Faschisten oder Nationalsozialisten geht es nur um absolute Macht, nicht um Kunst. Benns Schrift "Antwort an die literarischen Emigranten" (1933) ist für Dekker "ein frappierender Absturz des demokratieverachtenden Dichters in die Niederungen einer verbrecherischen Politik...Eine furchtbare Trivialisierung des Begriffs vom Barbaren liegt Benns Parteinahme für die Nazis zugrunde." Er mißverstand Nietzsches Frage nach den Barbaren, die auf "Ursprung, Mythos und Natur" gerichtet war. Eine "herrschaftliche Rasse" wächst aus "furchtbaren und gewaltsamen Anfängen" heraus (Zitate, Seite 231). In "Die Dorische Welt"(1934), schreibt Benn, "die Antike Gesellschaft habe auf den Kochen der Sklaven geruht,..., >>die schleifte sie ab, oben blühte der Staat<< . Apollo, als Synonym für Sparta, trat als >>große züchtende Kraft<< zwischen Rausch und Kunst." Bis hierhin folgt Benn Nietzsche. Doch will er den Nationalsozialisten unterkriechen und verteidigt die Macht, die sich mit Hilfe von Gewalt festigt.
Doch Benn bekam Schwierigkeiten mit dem NS-Staat, begonnen mit dem Vorwurf des Nazideologen - und - dichters Börries von Münchhausen (1933/34), er sei ein Jude. Benns Schriften "Lebensweg eines Intellektualisten" und "Der deutsche Mensch - Erbmasse und Führertum"(1933) sind von diesem Vorwurf beeinflußt, verteidigt er doch darin vehement seine Herkunft aus einem evangelischen Pfarrhaus. Tatsächlich, für die Nazis war Gottfried Benn kein Willkommensgruß, strich ihn der NS-Ärztebund schon 1933 von einer Arztliste, die bestimmte Atteste ausstellen durften, und mit dem Statement "Die Zeitalter enden mit Kunst, und das Menschengeschlecht wird mit Kunst enden" ("Dorische Welt", in Dekker, Seite 256) schrieb er sich schon 1934 von den Nazis weg. Benn pflegte seine privaten politischen Vorstellungen, die nicht nazikonform waren. So schrieb er 1936, den Verbrechern längst den Rücken zugewandt, am 25. September, an Oelze:
"Gegen die moderne Kunst wird jetzt die schroffste Ton
- und Gangart eingeschaltet...alle Museen haben die modernen Bilder
unverzüglich zu entfernen..."
(in Dekker,
Seite 256).
1936 kommen Benns Gedichte ins Visier der Nazis. Auf Druck der Parteiamtlichen Prüfungskommission der NSDAP müssen vier Gedichte aus den >>Ausgewählten Gedichten<< herausgenommen werden (D-Zug, Untergrundbahn, O Nacht -:, Synthese). Im März 1938 wir er aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen und erhält Berufsverbot. Grund: Ihn könne man nicht die für die Tätigkeit als Schriftsteller erforderliche Eignung zubilligen. Das Schreibverbot wurde erst 1948 aufgehoben. Die "Statischen Gedichte", die seinen Spätruhm begründeten, erschienen in diesem Jahr aber im Schweizer Arche-Verlag.
Eine Biografie im wahrsten Sinne des Wortes. Gunnar Dekker geht es um Benns Persönlichkeit und um seinen Weg als Künstler. Auf das Werk wird sekundär eingegangen, besonders gerne aber dann, wenn sich durch sein Werk Aufschlüsse zu seiner Person ergeben. Natürlich geht Gunnar Dekker auch auf die berühmtem Gedichte ein, die der Dichter in Hannover verfasste ("Einsamer nie" u.a.). Eine Biografie wie ich sie mir wünsche: Um Sachlichkeit bemüht, und sehr lebendig geschrieben. Ich mochte das Buch nur sehr ungerne aus der Hand legen.
FINE
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Im Traume war ich wieder jung und munter - / Es
war das Landhaus hoch am Bergesrand, / Wettlaufend lief ich dort den
Pfad hinunter, /Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand.
/Wie das Persönchen fein formiert! Die süßen
/ Meergrünen Augen zwinkern nixenhaft.
........
Die
britische SchriftstellerinMuriel
Spark
verstarb am 13. 04. 2006
Ein
Roman von vielen:
Das
Treibhaus am East River
(1973, dt. 1991)
Ohne
mit der Wimper zu zucken sage ich, der Roman ist verrückt im
Sinne des Wortes.
Ver-rückt ist der Schatten von Elsa Hazlett, der anders fällt, als er nach dem Stand der Sonne fallen müsste. Zum Leid ihres Mannes ist diese Frau ziemlich durchgeknallt und unberechenbar. New York ist „die Heimat der Seelenvivisektoren“, und Elsa hat einen Psychoanalytiker namens Garven, über den sie sich lustig macht. Sie nimmt gar nichts ernst und redet wie ihr Schnabel gewachsen ist. Sie lebt völlig neben der Spur. Leben kann man das nicht nennen. Paul, ihr Ehemann, sagt, sie sei schon längst tot.
In einem Schuhgeschäft glaubt Elsa, Helmut Kiel zu sehen, der im Krieg für die Nazis in einem britischen Camp spionierte hat und dort Elsa und Paul kennenlernte, mit Elsa auch ein Verhältnis hatte. Er müsste aber schon längst in einem Gefängnis gestorben sein. Dieser angebliche Herr Kiel aus dem Schuhgeschäft ist eine interessante Nebenfigur. Mit dieser Gestalt jongliert Muriel Spark zwischen Schein und Unwirklichem und letzen Endes bleibt der Herr im Roman nur eine nicht fassliche Figur, was aber beabsichtigt ist.
Spätestens im dritten Kapitel merkt der Leser, dass es nicht mit rechten Dingen zu geht. Aus heiterem Himmel bekommt das Dienstmädchen Delia einen Nervenzusammenbruch, und der Psychoanalytiker Garven, der als Butler für Paul und Elsa nachfolgt, kreischt auf, als er zu tief ins Dekoltee einer Fürstin schaut. Auf dem Busen der Adligen kriechen Seidenraupen, die vorher aus den Eiern geschlüpft sind, die die Fürstin in Maulberblättern gewickelt unter den Brustfalten versteckt hielt.
Paul und Elsa leben in einer Wohnung mit Blick auf dem East River. Die Heizung lässt sich nicht ausstellen, so kommt Paul noch mehr ins Schwitzen, wenn Elsa ihre Extravaganzen auslebt.
Muriel Spark spöttelt über die moderne Art des Lebens mit einem Schuss gothic-novel und Groteske.
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![]() | Heinrich Heine zum 150. Geburtstag am 17.02. 2006 Heinrich Heine war schon am Krankenbett gefesselt, als er am Romanzero schrieb...meine Matrazengruft zu Paris, wo ich früh und spat nur Wagengerassel, Gehämmer, Gekeife und Klaviergeklimper vernehme...dort erinnert sich Heine an seine unerfüllte Jugendliebe: |
Im Traume war ich wieder jung und munter - / Es war das Landhaus hoch am Bergesrand, / Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter, /Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand. /Wie das Persönchen fein formiert! Die süßen / Meergrünen Augen zwinkern nixenhaft. ........
Im Landhaus seines Onkels Salomon Heine in Ottensen bei Hamburg verliebte er sich Harry in seine Cousine Amalie, sie ließ ihn aber sitzen. Dieses junge Leiden durchzog sein ganzes Leben, er konnte sie nie vergessen. Einige Jahre vor seinem Tod gestand er seinem Freunde Gérard Nerval davon. Nerval hat uns überliefert: "Wir litten beide an einer und derselben Krankheit: Wir sangen beide die Hoffnungslosigkeit einer Jugendliebe fort. Wir singen noch immer, und sie stirbt doch nicht! Eine hoffnungslose Jugendliebe schlummert noch immer im Herzen des Dichters."(Marcuse, S. 25).
Und so träumt Heine in dem
Gedicht Böses Geträume quälend
weiter. Schließlich ist eine Lilje gebrochen,
und der Liebende bekommt nicht mehr die Antwort auf seinen
Heiratsantrag mit. ..... Denn ich erwachte jählings -
und ich war /Wieder ein Kranker, der im
Krankenzimmer / Trostlos daniederliegt seit
manchem Jahr. --
Im Buch der Lieder
beklagt Heine seinen Liebesschmerz. Ludwig Marcuse sagt,
"die düster-grausamen Traumbilder seiner
ersten Dichtung tragen die Farben Josephas" (S. 19), Heines
Sefchen, die erste Liebe in Düsseldorf,
Tochter eines Scharfrichters. In den Traumbildern wäscht
sie sein Totenhemd, zimmert seinen Sarg und hebt das Grab aus, in das
der Träumende hineinstürzt. Im Lyrischen
Intermezzo (1822/23) möchte das lyrische Ich all
seine Liebe und Schmerzen begraben.
Wißt ihr,
warum der Sarg wohl /So groß und schwer
mag sein? / Ich legt auch meine Liebe
/ Und meinen Schmerz hinein.
Liebe und
Schmerz bilden in den erotischen Gedichten eine Einheit: Von
süßen Lippen und von bittrer Rede... darauf
macht uns Marcel Reich-Ranicki in seiner Essaysammlung "Der Fall
Heine" aufmerksam. In dem Essay "Es war ein Traum"
geht MRR auf Heines Vorrede zur dritten Auflage vom Buch
der Lieder ein, und vergleicht diese Verse mit einer
Ouvertüre:
Das ist der alte Märchenwald!
/ Es duftet die Lindenblüte! /
Der wunderbare Mondenglanz / Bezaubert mein
Gemüte. ........ .......
In der dritten Strophe singt die Nachtigall: Sie singt von
Lieb und Liebesweh,/ Von Tränen und von
Lachen,/ Sie jubelt so traurig, sie schluchzet
so froh, /Vergessene Träume erwachen. -
"Das Gedicht gleicht einer nachträglichen
komponierten Ouvertüre, die schon die wichtigsten Motive der
Oper vorwegnimmt und paraphrasiert. So ist es im >>Buch der
Lieder<< - die Kulisse: ein Märchenwald; die Beleuchtung:
der Mondenglanz; der Duft: die Lindenblüte. Alles ist hier
austauschbar: Der Wald und die Linden; der Mond und die Nachtigall.
Nicht austauschbar, weil mit der Sache selbst verquickt, ist dieser
Nachtigall trauriges Jubeln, ihr frohes Schluchzen."( MRR, S.
93/94). In der Ouvertüre werden Todesqualen mit
Seligkeiten vermischt:
Entzückende Marter und
wonniges Weh! / Der Schmerz wie die Lust
unermeßlich! /Derweilen des Mundes Kuß
mich beglückt, /Verwunden die Tatzen mich
gräßlich.
MRR zielt auf den doppelten
Boden von Heines erotischen Gedichten und sagt: "Nirgens kommt
die Einsamkeit des Juden Heine unter den Deutschen stärker zum
Vorschein, nirgends wird seine Verzweiflung deutlicher spürbar
als gerade in jenem Teil seines Werks, in dem von Juden überhaupt
nicht die Rede ist - in seiner erotischen Dichtung... Die
hoffnungslose Liebe wird zum Sinnbild der Situation des
Ausgeschlossenen, des Verstoßenen und Heimatlosen"(MRR, S.
42, 44)
In Deutschland blieb es ihm versagt, eine bürgerliche
Existenz aufzubauen. Heine gehörte zur ersten Generation, die
dem Ghetto entronnen ist (MRR, S. 40). Im Herbst 1815 brachte ihn
sein Vater "als Volontär im Bankhaus Rindskopf"
(Kopelew, S.51) unter. Er blieb nicht lange, schrieb dort die
Traumbilder, Im Gedicht Nummer VIII sind
offenbar Spuren vom damals noch existierenden jüdischen Ghetto
Frankfurts hängengeblieben: Ich kam von meiner Herrin
Haus / Und wandelt in Wahnsinn und Mitternachts graus. Was
hat er bloß wirklich dort erlebt, wenn er des Nachts durch die
Judengasse schlich? Hat der Spielmann auf seinen Leichenstein
gesessen und gelispelt, wie es in dem Traumbild heißt? Lispeln,
ach ja, das ist wohl jiddisch.
Heine hatte schon früh
Angst vor Judenhaß, das wird im Brief an Christian Sethe
angedeutet: Bey so bewanderten Umständen läßt
sich leicht voraussehen, daß Christliche Liebe die Liebeslieder
eines Juden nicht ungehudelt lassen (06.Juli 1916, MRR, S.
51). Dass er sich später aus taktischen Gründen in
Heiligenstadt zur protestantischen Konfession taufen ließ, half
ihm nicht weiter, in Deutschland ein deutscher Dichter zu werden.
Eine Professorenstelle in Müchen zu erlangen schlug fehl. "Die
Münchener Zeitung >Eos< brachte einen Aufsatz über
die >Reisebilder<, in dem Heine als >>schamloser Jude<<
beschimpft wurde, der die christlichen Heiligtümer in den
Schmutz trete." (Kopelew, S. 81). Dem bayerischen König
überzeugten solch Zeitungsartikel mehr als die Führsprache
seiner Förderer. Und dann erreichte ihn Platens neidischer Hass
("Petrarck des Laubhüttenfestes und
Synagogenstolz mit Knoblauchgeruch"
Kopelew, S. 185). Damit löste
August Graf von Platen einen heftigen unschönen Streit der
beiden Dichter aus.
Im Gedicht Nr. XIII aus Die
Heimkehr (1823-1824) gewährt uns Heine einen
deutlichen Einblick in den doppelten Boden seiner erotischen
Dichtung:
"Ich bin ein deutscher Dichter,
/Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, / Wird auch
der meine genannt. "Und was mir fehlt, du Kleine, / Fehlt
manchem im deutschen Land! / Nennt man die schlimmsten Schmerzen, /So
wird auch der meine genannt."
Und auf
Helgoland schrieb er:
FRAGEN
Am
Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein
Jüngling-Mann,
Die Brust voller Wehmut, das Haupt voll
Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
"O
löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte
Rätsel,
Worüber schon manche Häupter
gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen.
Häupter
im Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und
tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter -
Sag mir,
was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer
wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"
Es murmeln die
Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die
Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und
ein Narr wartet auf Antwort.
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Und die Glieder matt und träge
Schlepp
ich fort am Wanderstab,
Bis mein müdes
Haupt ich lege
Ferne in ein kühles
Grab.
Quellen und Sekundärliteratur:
Jörg
Aufenanger: Heinrich Heine in Paris, dtv, München,
2005
Heinrich Heine: Werke 1, Gedichte, Insel Verlag,
Frankfurt/Main, 1968
Heinrich Heine: Buch der Lieder, it 33,
Inseltaschenbuch, Frankfurt/Main, 1975
Lew Kopelew:
Ein Dichter kam vom Rhein, dtv, München, 1986
Ludwig Marcuse:
Heine, rororo-bildmonographie, Hamburg, 1986
Marcel Reich Ranicki:
Der Fall Heine, dtv, München, 2000
Fine
Der türkische Schriftsteller Orhan
Pamuk bekommt den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2005
zu
Orhan
Pamuk "Das schwarze Buch":
Das
Verschwinden von Galibs Ehefrau Rüya und seinem Cousin, den
Journalisten und Kolumnisten Celal, geben den Auftakt zu Orhan Pamuks
geheimnisvollen Roman.
Wir begleiten den Rechtsanwalt
Galib durch Gassen, über Brücken, in Moscheen und in die
Unterwelt Istanbuls: in unterirdische byzantinische Gänge. Wir
lesen auch Celals düstere Vision von der Austrocknung des
Bosporus. Wenn das Wasser verschwunden ist, sehen und riechen
wir einen stinkenden Morast: Puzzlesteine vergangener Epochen,
Leichengestank und den schwarzen Cadillac eines Verbrechers, der vor
dreißig Jahren mit der Verbrechergeliebten "am
Kap der Wilden Wasser hinunter in die dunklen Bosporusfluten"
gestürzt ist.
Istanbul, eine Stadt in der
Zeugnisse der Vergangenheit in unmittelbarer Nähe nebeneinander
und übereinander liegen. Als sich das Romangeschehen zu
berühmten "Suleymaniye - Moschee" bewegte,
bekam ich einen Schrecken, weil Pamuk erzählt, die Moschee
gleite "pro Jahr fünf bis zehn Zentimeter, und
das schon seit Jahrhunderten, zum Goldenen Horn " hinab,
"und sich eigentlich schon längst viel weiter
unten am Ufer befinden müsse, daß aber die Steinmauern,
welche die Fundamente umschlängeln und deren Geheimnis man noch
immer nicht kenne, diese Drainageanlagen, deren Technik noch heute
unerreicht sei, diese so fein ausgedachte und ausbalancierte
Waserwaage, dieses vor nunmehr vierhundert Jahren kalkulierte System
unterirdischer Gänge die Bewegung der Moschee verlangsamt
hätten". Ich erschrak darüber dewswegen,
weil ich mir, als ich vor zwanzig Jahren dort weilte, dieser
unheimlichen Tatsachen nicht bewusst gewesen war. Natürlich
wusste ich auch nicht, dass der Bosporus austrocknet, und damals
hatte Orhan Pamuk diesen Roman noch nicht geschrieben. Woher solte
ich all dieses wissen?
In Istanbul, dieser äußerst
lebendigen Stadt mit großer Geschichte, brodelt es also dauernd
irgendwo, und Galib irrt umher, trifft dabei auf merkwürdige
Gestalten. In Celals Kolumnen sucht er nach Spuren seiner
Angehörigen, denn er glaubt, sein Cousin habe in den Kolumnen
Spuren hinterlassen, die zu ihm und zu Rüya führen. Celal
entwarf ein Buchstabenspiel. Um die Kolumnen entschlüsseln zu
können, nimmt Galib Celals Identität an und schreibt seine
Zeitungsartikel weiter.
Im unterirdischen
"Mars-Mannequin-Atelier" steht er vor
einer verkleideten Puppe, die Celal sehr ähnelt: dieser Autor
habe "das ihm anvertraute Wissen von dem geheimen
Schriftzeichen mißbraucht und für seine eigenen billigen
Triumphe verkauft.", heißt es über die
Celalpuppe. Galib wirft Celal vor: "Deinetwegen konnte
ich nie ich selbst sein. Deinetwegen habe ich immer an alle die
Geschichten geglaubt, die mich zu dir machten."
In
einer Kolumne erzählt Celal von einem Prinzen, für den es
die wichtigste Frage war, ob ein Mensch er selbst sein kann oder
nicht. Der Prinz konnte niemals er selbst sein, weil er nur nach den
"Gedanken und Stimmen der Autoren, die er gelesen
hatte," leben konnte. Darum ließ er viele
Bücher aus seinem Schloss entfernen, z.B. Schopenhauer, "...den
dieser Bände wegen indentifizierte sich der Prinz mit jemandem,
der stunden - und tagelang über den eigenen Willen nachdachte,
und am Ende war dieser pessimistische Jemand, mit dem er sich
identifizierte nicht ein Prinz, der eines Tages den Thron der Osmanen
einnehmen würde, sondern der deutschen Philosoph höchstselbst."
Die Märchen von Tausendundeiner Nacht ließ
er verbrennen, weil die verkleideten Sultane in diesen Geschichten
nicht mehr der Welt des Prinzen entsprachen. So trennte er sich auch
von Macbeth und von Mevlanas Mesnevi
und von vielem anderen mehr. "Denn",
so sprach der Prinz, "nur wenn der Mensch nichts mehr
zu erzählen hat, kommt er dem Zustand, er selbst zu sein, am
nächsten. Nur wenn all seine Erzählungen erschöpft
sind, wenn alle seine Reminiszenzen, Bücher, Geschichten und
sein Gedächtnis schweigen und er die große Stille spürt,
ist er imstande, aus der Tiefe seines Wesens, aus dem endlosen,
dunklen Labyrinthen seines Ichs seine wahre Stimme zu erheben, die
ihn zu ihm selbst macht."
Alle Gegenstände
verbergen ein Geheimnis, dass zu ergründen gilt. Galib
untersuchte, "die Verbindung zwischen dem Geheimnis
der Schriftzeichen und dem Ausdruck der Gesichter."
Daran glaubten auch die Anhänger der schiitischen
Hurufi-Sekte. Sie wollten aus den Buchstaben des Korans eine
Doppeldeutigkeit ermitteln.
Fazlallah zufolge, dem
Gründer der Hurufi-Sekte, "war der Laut die
Trennungslinie zwischen Sein und Nichtsein. Denn alles, was die Hand
berühren konnte, was die Schwelle des Unsichtbaren in die
materielle Welt überschritten hatte, war auch imstande, einen
Laut hervorzubringen: Es genügte das Aneinanderschlagen der
'lautlosesten Dinge', um dies verständlich zu machen." Das
Wort war die höchstentwickelte Form des Lautes und ein
Geheimnis, welches sich aus Schriftzeichen zusammensetzt.
Fazlallah
aus Esterbad wurde umgebracht. Wie Celal fang er mit Traumdeutereien
an.
FINE
Zum 50.
Todestag von Thomas
Mann am 12.08.2005 einige
Anmerkungen zur indischen Legende
"Die
vertauschten Köpfe":
Es
ist nicht gerade erbaulich, wenn wir in Klaus Harpprechts Th. Mannn -
Biografie lesen, Thomas Mann" sei längst die Lust
vergangen, sich mit der indischen Erzählung noch lange
aufzuhalten" (S. 1161), und das Ende der Erzählung sei kein
"literarisch glorreiches Finale"(S.1162). Gerade die
Verbrennung von Sita, Schridaman und Nanda sind aber aus dem
Blickwinkel indischer Philosophie sehr schlüssig. Thomas Mann
entnahm die Legende aus dem Essay "Die indische Weltmutter"
des Indologen und Jungianers Heinrich Zimmer und formte daraus seine
Erzählung.
Eine Dreieckgeschichte, in der es um ein
Identitätsproblem geht. Im Tempel der Göttin Kali schlagen
sich die Freunde Schridaman und Nanda ihre Kopfe ab. Das ist
natürlich grausam. In dem genannten Essay von Zimmer las Thomas
Mann: "Kulte und Mythen der Großen Göttin sind in
Indien durch die Ströme von Blut ausgezeichnet". Durch das
Blut ihrer Opfer behält Kali ihre Fruchtbarkeit und Urkraft.
Sita, die mit Schridaman verheiratet ist, entdeckt die Katastrophe
und will sich mit einer Schlingpflanze am nächsten Baum
erhängen. Doch Kali befiehlt, die Köpfe der Männer auf
ihre Rümpfe zu setzen, damit ihnen das Leben zurückgegeben
werde.
In ihrer Aufregung setzt sie aber den Kopf des
Schridaman auf Nandas Rumpf, den Kopf Nandas auf Schridamans Rumpf.
Daraus ergibt sich das Problem, wer denn Sitas Ehemann ist. Ist es
die Gestalt mit dem Kopf Schridamans oder die mit Nandas Kopf.
Eine komplette Verwirrung, die auf der Ebene des Seins überhaupt
nicht gelöst werden kann. Wenn Sita Schridamans Kopf
liebt, und sich aber dem Geschlechtsteil Nandas hingibt, muss sie
sich betrogen vorkommen.
Dieses Problem wird auf
indische Weise gelöst: metaphysisch. Nach indischer Philosophie
können wir mit unseren Sinnen nicht das Wesen der Dinge
erfassen. Unsere Welt ist eine Illusion, eine Täuschung. Das
Wesen der dinglichen Welt kann nur erkannt werden, wenn wir durch
einen geistigen Weg nach Innen den Schleier der Maya
enthüllen.
"Denn es gibt nicht
nur die Wahrheit und Erkenntnis des Verstandes, sondern auch die
gleichnishafte Anschauung des menschlichen Herzens, welche die
Schrift der Erscheinung nicht nur nach ihrem ersten nüchternen
Sinn, sondern nach ihrem zweiten und höheren zu lesen weiß
und sie als Mittel gebraucht, das Reine und Geistige dadurch
anzuschauen." (aus Th.Mann, Die vertauschten
Köpfe).
Sita und die Männer mit den
vertauschten Köpfen entziehen sich der Welt der Täuschungen,
indem sie in Flammen aufgehen.


