An dieser Stelle, möchte ich mich mit dem literarischen Werk von
Doris Lessing  
auseinandersetzen.

Im Jahre 2007 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. 



  "Afrikanische Tragödie"



 Afrikanische Tragödie“ spielt in dem Land, in dem Doris Lessing aufgewachsen ist: Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Der Roman erschien 1950 und spielt in den 30er und 40er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.



  Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag, chronologisch gesehen mit dem Romanende. Mary Turner, die Ehefrau von Richard Turner, einem Farmer auf dem Lande, ist von einem Bediensteten, einem Schwarzen namens Moses, erschlagen worden. Im Distrikt wird nicht viel über den Mord geredet, ja, er wird bewusst verschwiegen. Mary und Richard Turner sind „arme Weiße“. So etwas hört man auf dem Lande sehr ungern, denn als arm gelten nur Schwarze. Afrikaner sind arm , aber niemals Engländer. Trotzdem, die Turners sind arm. Sie leben in einem einfachen Haus, welches sich auch ein Eingeborener leisten könnte. Irgendwie haben sie es nicht geschafft  wenigstens zu einem bescheidenen Wohlstand zu kommen. Wenn Richard etwas in die Hand nimmt, um etwas Geld zu machen, geht es daneben, außerdem sind sie verschuldet. Sie leben bewusst sehr zurückgezogen und gelten als hochnäsig. Ja, natürlich schämen sie sich wegen ihrer Armut.

Das Ehepaar passt überhaupt nicht zusammen. Als Mary ihren Richard, der im Roman meist Dick gennant wird, heiratet, weiß sie nicht, was sie tut. Dem Leser wird der Glauben geschenkt, sie bleibe eine vertrocknete Jungfer, heiratet schließlich nur, weil man eben irgendwann mal heiratet.  Lieben tut sich das Paar nicht. Sie leben nur aus Gewohnheit zusammen. Ich habe gar nicht gewusst, dass Doris Lessing sich schon in diesem Roman mit dem Thema der Geschlechter auseinandersetzt. Besonders bezeichnend ist folgendes Zitat:

Denn obgleich ihre Ehe einen Fehlschlag bedeutete und kein wirkliches Einvernehmen zwischen ihnen bestand, hatte er sich an die Einsamkeit zu zweit gewöhnt, zu der jede Ehe, auch eine schlechte, einmal wird.“

Der Ehestand wird hier grundlegend in Frage gestellt. Trotzdem verbringen sie ihre abseitige Existenz auf der Farm.

Nach der Heirat zieht sie von der Stadt auf die Farm.  Mary ist sehr frustriert. Auf der Farm fühlt sie sich nicht wohl, das Hausdach schirmt sie nicht vor der Hitze ab, und mit den schwarzen Bediensteten, den Eingeborenen kommt sie überhaupt nicht zurecht, weil sie ihre Mentalität und Gewohnheiten nicht kennt.  Es setzt sich ein massiver Rassismus in ihr fest.  Sie nimmt die Eingeborenen nicht als Menschen war, sondern eher als Maschinen, die irgendwie funktionieren müssen. Unbeugsam hart mit der Peitsche in der Hand geht sie mit den Bediensteten um. Jede Menschlichkeit ist hier auf verlorenen Posten. (hierzu vgl. man Dezsö Kosztolányi's Dienstmädchenroman
"Anna Èdes", das Dienstmädchen, die ihre Herrschafft erschlug, weil man sie wie eine Maschine behandelte).  So bitter diese Tatsache ist, Doris Lessing hat das sehr treffend, man sage lieber, erschütternd dargestellt.

Wenn einer der Männer seine Arbeit unterbrach, um sich einen Augenblick zu verschnaufen oder sich den herunterlaufenden Schweiß aus den Augen zu wischen, wartete sie nach ihrer Uhr eine Minute und rief ihn dann barsch wiedser zur Arbeit. Dann sah sich der betreffende Neger träge nach ihr um und beugte sich langsam, wie protestierend, wieder über seine Arbeit. Sie wußte nicht, daß Dick die Gewohnheit hatte, nach jeder Stunde eine Pause von fünf Minuten einzulegen; er hatte gehört, daß sie dann besser arbeiteten. Es erschien ihr als eine Unverschämtheit, die sich gegen ihre Gewalt über sie richtete, wenn sie ohne Erlaubnis aufhörten, um sich zu recken oder sich den Schweiß abzuwischen. Sie hielt sie bis zum Sonnenuntergang bei der Arbeit fest und ging zufrieden mit sich selbst und nicht einmal ermüdet nach Haus. Sie war heiter und leichtfüßig und schwenkte die Peitsche fröhlich am Handgelenk.“

Großartig formuliert: Die Peitsche als Machtsymbol. Nur sie hat was zu sagen. Ihre Leichtfüßigkeit im Gegensatz zu der Schwere der Arbeit, die die Eingeborenen ausgesetzt sind. Ihre Unfähigkeit, das Maß zu erkennen, wann ein Mensch eine Pause braucht und dann als Unverschämtheit zu empfinden, wenn einer sein Schweißtuch zur Stirn führt. Hier ist jede Menschlichkeit verloren. Mary scheint in diesen Stunden der Macht, ihre eigene Armut zu vergessen und sich groß und mächtig zu fühlen. Ich schätze, Mary ist sich dieses Dilemma gar nicht so bewusst. Dieser Eindruck vermittelt mir der Romantext. Sich rutscht in etwas hinein, wo sie nicht mehr wieder herauskommt.

Doris Lessing kritisiert in ihrem Roman den Rassismus, der gerade auf den Farmen  in Rhodesien besonders arg hervortrat.  Der Eingeborene war nicht mehr wert als ein Hund. Ihn als Mensch anzusehen galt als gänzlich unmöglich. Infolge eines nicht wieder gutzumachenden Fehlverhaltens verliert Mary Turner die autoritäre Macht gegenüber einen Schwarzen. Und gerade an diesem Punkt setzt Doris Lessings besonderes Können ein. Wie Marys Macht wankt, wie sie sich (sinnlos) bemüht, ihre Macht wiederzuerlangen, ihre Ängste und Einsamkeiten, das alles ist sehr überzeugend und wunderbar nachempfunden und macht den Roman lesenswert. Schade ist nur so manches Klischee, wenn erzählt wird, wie die Weißen und wie die Schwarzen sind. Natürlich gab es solche trivialen und dummen Voreingenommenheiten, aber man muss das in einem Roman nicht trivial gestalten. Trotzdem meine Empfehlung, weil der Roman  großstreckig sogar mehr als passabel ist, die Botschaft beim Leser ankommt und bis zum Ende spannend bleibt.


  Hunger nach dem Leben (dtsch.1956)

Diese längste von Doris Lessings afrikanischen Erzählungen erschien in Deutschland erstmals 1956 unter dem Titel „Hunger“ in dem Band „Der Zauber ist nicht verkäuflich“, Verlag Tribüne Berlin. Ich besitze noch die Taschenbuchausgabe des Diogenes Verlages von 1976, darin diese Erzählung noch unter dem Titel „Hunger“ erschien. Nach Recherchen in diversen Internetantiquariaten erschien diese Erzählung, damals, also 1976, offenbar auch schon unter dem Titel „Hunger nach dem großen Leben“, ebenfalls beim Diogenes Verlag. Kurios, ja fast unglaublich, das ein und dieselbe Geschichte unter zwei diversen Titeln kusierte. Die Verwirrung kann noch vervielfältigt werden, wenn man bedenkt, dass der bei Diogenes lieferbare Titel „Der Zauber ist nicht verkäuflich“ inhaltlich nicht identisch mit der gleichnamigen Ausgabe von 1956 ist.

Der Originaltitel im Englischen ist „Hunger“. Dass man die deutsche Übersetzung in „Hunger nach dem großen Leben“, unter dem Titel sie heute zu erwerben ist, erweiterte ist klug, weil man erstens Verwechslungen mit Knut Hamsuns Roman „Hunger“ vermeidet und zweitens dem Inhalt des Buches näherkommt, denn hier ist wirklich „Der Hunger nach dem großen Leben“ gemeint, dem Leben in der Stadt, der Stadt der Weißen.

Ein afrikanischer Jugendlicher will sein Dorf verlassen und in die Stadt ziehen. Er träumt davon, wie die Weißen leben. Sie wohnen in Häusern aus Stein, nicht in Lehmhütten. Jabavu, so heißt der Junge, lauscht den Leuten, die aus der Stadt kommen und an seinem Dorf vorüberziehen. Er träumt von einem besseren Leben. Sein Bruder geht mit dem Vater in der Früh täglich auf das Feld, Jabavu geht nur mit, wenn er will. Lieber versucht er, sich das Lesen beizubringen und sehnt sich auf den Tag, an dem sein großes Abenteuer beginnt, eine mehrtägige Reise, natürlich zu Fuß, in die Stadt. Doch so einfach hat er es in der Stadt nicht. Da er zu wenig Lebenserfahrung hat, gerät er unwillentlich in die Hände einer Diebesbande, aus der er sich erst lösen kann, als er mit den Gesetzen in Konflikt kommt.

Doris Lessing hat eine sehr schöne lebendige Erzählung geschrieben, die realistisch aufzeigt, wie groß die Gräben zwischen den Schwarzen und Weißen ist. Unmöglich, zumindest damals in den 40er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, dass ein Eingeborener in die Fußstapfen Weißer schlüpfen kann, denn die Eingeborenen werden zu geringstem Lohn ausgebeutet und stehen in Schatten des großen Lebens (damals wurde es noch für unmöglich gehalten, dass ein Afroamerikaner Präsident werden kann, klar!). Die Erzählung konzentriert sich schließlich auf Organisation, Arbeitsweise und dem Leben in einer Diebesbande. Gerade hier wird eine Brücke bis in unsere Zeit geschlagen, denn in sozialen Brennpunkten der Welt, gibt es auch heutzutage Menschen, die sich, weil sie nicht anders können, vom Diebesgut leben. Diese großartige Erzählung möge jedem Leser in die Hände gelegt werden, denn erstens wird sie so lebensecht erzählt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag und zweitens macht uns diese Erzählung bewusst, was für katastrophale Lebensverhältnisse sich aus Armut und Unterdrückung entfalten können. Schließlich die Überlegung „was wäre wenn“? Was wäre wenn Jabavu immer in seinem Dorf geblieben wäre, und mit seinem Vater jeden Tag in der Früh auf dem Acker gegangen wäre? Sollte nicht jedem Menschen die Chance gegeben werden, sein Leben zu ändern, sein Leben zu verbessern? Wie schwierig das unter bestimmten Umständen sein kann, zeigt uns diese Geschichte.

                        Zyklus "Kinder der Gewalt"                            

  Martha Quest

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts lässt sich die Familie Quest aus England kommend in Rhodesien (heute Simbabwe) nieder, in der Hoffnung, dort zu Wohlstand und Ansehen zu kommen. Doch der Traum platzt. Sie haben gehofft mit Maisanbau, schnell reich werden. Dabei leben sie immer noch in einem Provisorium. Ihr Haus auf dem Land zeigt schon Abnutzerscheinungen. Trotzdem hallten sich die Quests, insbesondere am Verhalten der Mutter lässt sich das ausmachen, für etwas besseres. In einer ungeheuren versnobbten Arroganz, die Doris Lessing sehr schön einfängt, halten sie sich gegenüber holländischen Kolonisten für die Gescheiteren, mit Juden lassen sie sich nicht ein, Schwarze belegen sie mit dem zum Schimpfwort mutierten Begriff „Kaffern“.

In dieser verdüsterten Atmosphäre wächst Martha Quest auf, die zu Beginn des Romans fünfzehn Jahre alt ist, gerade in dem Alter, in dem sich Kinder gegen ihre Eltern auflehnen, in dem Kinder erwachsen werden. Marthas Mutter kommt mit dem Entwqicklungsprozess ihrer Tochter nicht zu Rande, sie noch jahrelang in ihr nur das Kind Martha sieht. Damit werden die Konflikte zwischen Tochter und Mutter geschürt.

Martha kann sich dieser versnobbten Welt nicht anpassen, rebelliert, und geht nach einigen Jahren in die Stadt, um dort zu arbeiten. Auch dort hat sie es nicht leicht. Muss sich, um in der Arbeitswelt einer Anwaltskanzlei zu bewähren, im Schreibmaschinen schreiben und Stenographieren fortbilden.

Des Nachts stürzt sie sich in die Welt des Untergrunds, schließt sich einer Gruppe junger Menschen an, die ihre Nächte mit Tanzen und Alkohol verbringen, und froh sind, dass sie ein Mädchen wie Martha haben. Sie wird quasi den Männern herumgereicht, mal bändelt sie mit Donovan, mal mit Perry. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich Martha das Gefallen, trotzdem, wenn ihr Verstand einsetzt, kann sie sich mit diesem unverbindlichen Dahinleben nicht zufrieden geben, und zeigt sich, wenn es sein muss, auch in diesem Kreise bewusst rebellisch.

„Sie sagte sich, daß Perry und alle übrigen ein Haufen Kinder waren, die jahrelang mit jedem Mädchen im Klub herumgefummelt und gesagt hatten: „Verzeih mir Schatz“ und „ Hab dich nicht so, Kindchen“ - und dann wagte er es, sie so anzuschauen – und sie dann auch noch zu bitten, ihn zu heiraten, als ob – er war wahnsinnig und verrückt.“

Für mich war es schwierig, mich in diese zukunftslose Welt hineinzulesen, weil diese Welt zu weit fern der meinigen ist. Dieses Leben in den Tag hinein... und was dann? Schließlich sind es die Leute, die später einmal eine tragende Rolle in diesem Lande spielen. Diese jungen Leute sind genauso rassistisch besessen, wie sie es aus den Vorurteilen ihrer Eltern kennt. Ich habe nur Gedacht, mein Gott, wann endlich bereitet sie diesem tristen Dasein endlich ein Ende. Diesen Klub mit ihren eigenen Gesetz finde ich abstoßend. Das hat natürlich nichts mit einer kritischen Literaturbetrachtung zu tun, denn Doris Lessing wollte so eine Welt beschreiben.

Doris Lessing beweist in diesem Roman ein großes Einfühlungsvermögen in die Herzen der Jugend. Das wird besonders im Mutter-Tochter Verhältnis deutlich. Seelische Grausamkeit wird subtil beleuchtet. Dazu ein Beispiel:

>„Liebes“, fuhr Mrs. Quest fort und ging lebhaft im Zimmer umher, als wäre es ihr eigenes, „ ich habe deine Sachen ausgepackt und eingeräumt, ich weiß nicht, ob du's bemerkt hast, und ich habe das Bett verrückt, es hat gezogen, wo es stand, und du mußt darauf achten, daß du viel schläfst.“.......Sie ordnete Marthas Sachen auf dem Frisiertisch so an, wie es ihr gefiel, und veränderte die Stellung eines Stuhls. Dann ging sie auf Martha zu, die voll nervöser Feinseligkeit steif dastand, und begann mit vielen farbigen kleinen Klapsen ihre Schultern, ihr Haar, ihre Arme zu tätscheln – wie ein schlechter Bildhauer, der vergeblich ein verfuschtes Werk drückt und patscht...<

„Martha Quest“ ist der erste Band des fünfbändigen Zyklus' „Kinder der Gewalt“. Die Romane könen in sich abgeschlossen gelesen werden. Die Folgebände sind „Eine richtige Ehe“, „Sturmzeichen“, „Landumschlossen“ „Die viertorige Stadt“).

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"Anweisung für einen Abstieg zur Hölle"   (1971) 

Irgendwo auf dem langen Weg dieser menschlichen Rasse hat irgendeine Art von Scheidung zwischen dem >Ich< und dem >Wir< stattgefunden, irgendeiner Art schrecklicher Abtrünnigkeit...“

Der 1971 erstmals veröffentlichte Roman ist der erste der sog. „inner space fiction“ - Romane, in denen Doris Lessing den menschlichen „Weltinnenraum“ darstellen wollte. Wir erleben die Irrfahrt in tiefe Schichten des Bewusstseins, die der Außenwelt gänzlich abgeschnitten ist.

Der Altphilologe Charles Watkins hat sein Gedächtnis verloren. Er schläft, träumt, halluziniert und der Leser begleitet ihn. Watkins glaubt, ein überlebender Seemann einer Schiffsbesatzung zu sein, nun treibt er auf einem Floß und strandet auf eine Insel. Natürlich handelt es sich um imaginäre Fantasien. Auf der Insel entdeckt er eine verfallene Ruinenstadt, und glaubt, dort von einem kristallinen Flugobjekt wieder ins Leben zurückgeholt zu werden.

Um es gleich vorweg zu sagen, dieser Bewusstseinstrip ist m.M.n. das Glanzstück des Romans. Die Fantasiereise hat bei mir Assoziationen geweckt. Das ist auch so beabsichtigt. Am besten ist, sich einfach durch die Bilder treiben zu lassen. Es wird wahrlich zu einem Höllentrip, es wird in die dunkelsten Ecken des Bewusstseins gedrungen. Bilder der Zerstörung der Umwelt, Bilder des Krieges (hier kämpfen zwei imaginäre Tierrassen gegeneinander), blutrünstige Szenen. Nun darf man sich keineswegs dazu verleiten zu lassen, es handele sich  um ein Fantasy-Spektakel. Nein. Natürlich arbeitet Lessing mit Elementen des Fantasygenres. Mehr aber auch nicht, denn es handelt sich eindeutig um eine Bewusstseinsreise und wir erlesen auch, wie Watkins allmählich wieder ins Bewusstsein tritt. Und ich finde, Doris Lessing hat das ganz hervorragend gestaltet, denn ich habe bei der Lektüre so richtig spüren können, wie das Bewusstseins des Altphilologen schließlich immer lichter wird. Gerne werden wir hier zu Interpretationen verleitet. Als dort Götter auftauchten, assoziierte ich diese als Archetypen.

Wunderbar phantasmogorisch sind die Beziehungen unseres Protagonisten mit dem Mond und den Planten ausgemalt. Etwas plakativ und lehrhaft kommt die Thematik der Zerstörung der Umwelt und das Pladoyer gegen Rassismus herüber. Zentraler ist aber die Kritik an den Wissenschaften, verkörpert u.a. durch die Doktoren X und Y.
                                           

  

"Die Memoiren einer Überlebenden "  (1974)

Ein rätselhafter Roman, gehört er doch zu den Romanen, in denen sich Doris Lessing surrealer Welten hingibt. So bieten sich natürlich verschiedene Deutungsmöglichkeiten an. In diesem Roman hat sich , so meinen einige Interpretatoren, Lessings Beschäftigung mit dem Sufismus niedergeschlagen, der auch im Science Fiction Zyklus "Canopus im Argos: Archive" zum Tragen kommt. Doch davon später.

„Die Memoiren einer Überlebenden“ spielt in unbestimmter Zukunft in irgendeiner Stadt. Hier herrscht Anarchie. Die Gesellschaftsordnung bricht immer mehr zusammen. Menschen verlassen die Stadt, schließen sich Gruppierungen an, die wie Nomaden umherziehen, ihre Seßhaftigkeit haben sie verloren. Geschäfte werden geplündert, auch die Polizei ist machtlos. Horden durchziehen Straßen, besetzen leere Hauser. Behörden warnen vor ihnen. Ja, so viel scheint noch zu funktionieren, und die Leute, die noch hinter den Fenstern wohnen, gehen dann nicht auf die Straße. In manchen Stadtteilen funktionierte gar nichts mehr. Stadtteile leeren sich. Die vagabubdierenden Horden wurden erst gefährlich, als Nahrungsmittel knapp wurden.

In einem Haus im Stadtnorden, wo es bisher noch ruhiggeblieben ist, wohnt noch eine Frau mittleren Alters in einer höheren Etage. Ihr Name wird nie genannt. Eines Tages steht plötzlich ein Mann mit seiner etwa elfjährigen Tochter in ihrem Wohnzimmer und überlässt ihr das Kind. Sie sei für sie verantwortlich.

Bevor dieser Begegnung macht die Frau noch eine andere Entdeckung. Hinter einer Wand eröffnet sich ihr eine neue Welt, in die sie hineingehen kann, indem sie durch die Wand geht. Über diese Welt heißt es:

„Diese Räume bargen, was ich brauchte, von dessen Existenz ich wusste, worauf ich gewartet hatte – o ja, mein Leben lang, mein Leben lang.. Ich kannte diesen Ort, erkannte ihn wieder, und noch bevor ich es tatsächlich mit den Augen aufgenommen hatte, wußte ich schon, daß diese Räume dieser Wohnung odser dieses Hauses viel höher waren als meine, daß sie viele Fenster und Türen hatten und daß es große, helle, luftige, schöne Räume waren.“

In der Welt hinter der Wand erlebt sie Emily als kleines Kind, die von ihren Eltern maltratiert wird. Die Frau schlüpft sogar in die Rolle des Kindes, worauf ich vermute, Emily sei mit ihr identisch. In ihrer realen Wohnung erlebt sie, wie Emily zur Frau heranreift und sich in Gerald, einem Bandenführer, verliebt, der sich mit seinen Gesinnungsgenossen im leerstehenden Haus gegenüber. Sehr intensiv und ausfürlich wird über das Zusammenleben der Frauen erzählt.

Nicht ganz einfach, den Roman zu interpretieren. Wichtig für mich, und das zeigt sich gehäuft im Roman, ist die Gesellschaft an sich, die sich ja nach bestimmten Regeln aufbaut. Die Kommune um Gerald fällt praktisch zurück in die Zeit, als Menschen als Nomaden lebten. Es zeigt sich aber, selbst diese Kommune funktioniert nur, weil ungeschriebene Gesetze gelten. Ohne eine gewisse Ordnung, auch Rangordnung, ist gellschaftliches Leben nicht möglich. Es würde total in Chaos ausarten. So heißt es:

„Mir scheint, daß im Grunde etwas mit dem Gewissen zu tun hat, einem rudimentären Organ der Menschheit, das immer noch den Anspruch erhebt, es müsse eine gewisse Art von Gerechtigkeit geben, das für das Gefühl verantwortlich ist..., es sei nicht zu dulden, daß es einigen wenigen gutgeht, während andere Notleiden und verhungern. Das ist der wirkungsvollste Mechanismus, mit dem man eine Gesellschaft erst aufbauen und erhalten und dann aushölen und zugrunde richten kann...“

So zeigt auch Gerald soziale Kompetenz und Hilfsbereitschaft.

Schlussfolgernd lässt sich sagen, Doris Lessing schrieb einen Roman über gesellschaftliche Entwicklung und über die Entfaltung eines Menschen bis hin „zu einem neuen Leben“, dem Ziel allen Lebens. Und hier sind wir nämlich beim Sufismus angelangt. Die vierte Sufe eines Sufi bedeutet „Die Auflösung in das göttliches Prinzip“. So könnte der Schluss interpretiert werden. Meines Erachtens nach ist der Weg eines Sufi in Orhan Pamuks Roman „Das neue Leben“ deutlicher erkennbar. Nun, als Leser des Romans müssen aber nicht notgedrungen Kenntnisse in sufischer Mystik Voraussetzung sein.

Einen Roman dieser Art habe ich noch nie gelesen. Als Science Fiction kann man ihn nicht bezeichnen. Doris Lessing selbst sprach von „inner space fiction“. Die Autorin mochte den „Weltinnenraum“ des Menschen darstellen. Ich empfehle den Roman gerne weiter, weil er sehr schön geschrieben ist. Allerdings wird vom Leser etwas Geduld und Muße erwartet. Wenn jemand gerne über zwischenmenschliche Befindlichkeiten liest, wird ihn gerne lesen. Eher ein stiller Roman.

Die Romane um Ben Lovatt

"Das fünfte Kind", Roman, 1988  und    "Ben in der Welt", Roman, 2000


Das fünfte Kind“ erzählt die Geschichte von David und Harriet, die ihr Glück planen, in dem sie sehr viele Kinder in die Welt setzen wollen, ihren Schwerpunkt auf das Glück im Kreise der Familie setzen. Mit dem fünften Kind“ aber, offenbar einer genetische Verirrung, ein Überbleibsel einer „genetischen Saat“ einer Kreatur, ein Urahn des Menschen, kommt ein Kind zur Welt, dass die Familie zum Zusammenbruch führt – Ben, so heißt er, ist böse, hat ein unmenschliches Aussehen, ist bärenstark aber einfältig im Verstand.


Unsere Geschichte beginnt in den sechziger Jahren. Wird in diesem Jahrzeht die sexuelle Freiheit gepredigt, so interessiert Harriet und David dieses garnicht. Für sie gilt, eine Familie zu gründen mit fruchtbaren Nachwuchs. Selbstverständlich geht Harriet jungfräulich in die Ehe. Sie ist halt altmodisch, ihr Arzt übrigens auch. Und so kaufen sie ein dreistöckiges Haus, wohlgemerkt ein viktorianisches, und zeugen ein Kind nach dem anderen. Die Pille ist tabu, man will doch der Natur seinen Lauf überlassen. Mit Ben, der Anfang der siebziger Jahre geboren wird, macht ihr Familienglück eine Kehrtwendung.


Doris Lessing spiegelt in dem Roman auch die damalige Zeit. Damals wurde leichtfertig den Eltern alle Schuld zugeschoben, wenn ein Kind sich nicht so entwickelte, wie es sichentwickeln sollte. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Hölderlin-Biografie von Pierre Berteaux, der Hölderlins Mutter als „schizophrenogen“ degradierte, ohne eine plausible medizinische Begründung vorzuweisen. In unserem Roman wird, wenn es um Bens Entwicklung geht, Harriet alle Schuld aufgeladen. Übrigens, nachdem das Malheur mit Ben passiert ist, nimmt sie sogar die Pille.


Im Jahre 2003 las ich den Roman erstmals. Für mich ist er heute noch interessanter geworden, weil ich meine Aufmerksamkeit besonders auf die soziologischen Aspekte gelegt habe.


Wie schwach dagegen der Nachfolgeroman „
Ben in der Welt“. In diesem Roman ist ben ein bemitleidigendes, schwaches, geistig zurückgebliebendes Wesen, dass seine teilweise mordlüsternen Triebe erstaunlich gut unter Kontrolle hat. In der Welt findet er Schützlinge, die bemerkenswerter Weise feminin sind (eine alte Frau, eine Hure). In den Männern scheinen eher böse Krafte zu liegen (aber nicht nur). Trotzdem wird Ben als Drogenkurier ausgenutzt und fällt in Südamerika Wissenschaftlern in die Hände (alles Männer), die ihn zum Nutzen der Wissenschaft in ein Labor in den Anden entführen.

Doris Lessing wollte in diesem Roman nicht mehr die bösen Kräfte in Ben darstellen, sondern das Böse anderer Menschen, die ihn schamlos ausnutzen und betrügen. Mich hat der Roman ziemlich kalt gelassen. Irriert hat mich auch, dass Ben in einer Strip-Bar über die Mädchen hergefallen wäre, wenn man ihn nicht festgehalten hätte. Als er aber in Rio mit Teresa, die ihm gut gesinnt war, schlafen wollte, sie aber ablehnte, hat er seinen Trieb außergewöhnlich rücksichtsvoll unter Kontrolle. Na, so was.

Mit keinem Satz berührt mich die Autorin hier wirklich. Lessings Prosa in "Ben in der Welt" ist einfach zu sperrig und trifft nicht auf meine Gefühlsebene. Außerdem wird das Lokalkolorit ignoriert. Der Roman spielt in London, Nizza, Rio, in den Anden. Wenn die Autorin die Städte und das Gebirge in Brüssel, Palermo, Pyrenäen ausgewechselt hätte, wäre das überhaupt nicht aufgefallen. Diese Fortsetzung lohnt nicht.



Die Kluft,     Roman, 2007



Die erste Auflage von "Die Kluft" war sehr schnell vergriffen, nachdem die Nachricht um die Welt ging, Doris Lessing bekomme den Nobelpreis. Meiner Meinung nach aber ein Fehlkauf. Man sollte doch lieber zu den älteren bewährten Büchern von Doris Lessing greifen.

Nicht aus Adams Rippe.... nein die Frauen waren zuerst da. Ja, stimmt. Die ältesten archäologischen Funde menschlicher Figuren sind eindeutig überbetont weiblich. Im Roman liegen sie irgendwann vor Urzeiten an einem schmalen Küstenstreifen auf felsigen Gestein am Meer herum, untätig und faul, hüpften mal ins Wasser, und lassen sich vom Mond befruchten. Man kann diese Wesen mit Seerobben vergleichen. Das waren keine Frauen, man nannte sie noch "Spalten" ah..... Als dann zufällig mal ein Wesen zur Welt kommt mit "Klumpen und Schlauch" zwischen den Beinen, werden diese krüppeligen Wesen für "Ungeheuer" gehalten und umgebracht, bzw. man überlässt sie einem riesenhaften Adlervogel, der sie zwar nicht tötet, sondern mit ihnen über einen Berg fliegt und die Ungeheuer aussetzt.

Irgendwann muss es ja dazu kommen, dass eine Spalte auf ein Ungeheuer, "Zapfen" genannt, stößt, damit der Geschlechterkampf seinen Anfang nehmen kann. Und so passiert es natürlich auch. Doris Lessing selbst sagt, sie habe einen ironischen Roman geschrieben. Also, gut, schmunzeln erlaubt.

Die Geschichte wird von einem römischen Senator zur Zeit Neros wiedergegeben, der sich mit den historischen Quellentexten über die Spalten und Zapfen beschäftigt. Nun gelacht habe ich, als der Senator von seinem kleinen Buben und seinem Mädchen erzählte, von ihren Doktorspielen und so, dann einen Bogen zu den "Spalten" und "Zapfen" schlägt. Ich erinnerte mich an Aufklärungsbücher aus den sechziger Jahren (einige Jahre nach Veröffentlichung des Goldenen Notizbuches) , die mir zur Hand gegeben wurden und so geschrieben waren, dass ein roter Schamkopf ausgeschlossen war. Tatsächlich kommt es mir zeitweise so vor, ich halte ein Büchlein über sexuelle Aufklärungin den Händen. Der Autorin muss ich es zugute halten, dieser erste Teil war noch amüsant. Einfach drollig, wie die Zapfen mit den Babies über den Berg zu den Spalten rennen und die Kleinen an ihre Brüste hängen, weil die Hirschkuh keine Milch mehr gab. Im späteren Verlauf des Romans kommt es aber zu einem Punkt, ab dem ich mich nur noch gelangweilt habe. Der Fortgang ist einfach unspektakulär, vor allem finde ich keinen Humor. Wenn Doris Lessing aus dem Stoff eine Satire gemacht hätte, wäre es eine Lesefreude geworden.

Stattdessen bleibt eher die Spucke weg:

Die Spalten hielten die Jungen seinerzeit für geistig minderbemittelt: Sie glaubten, dass ihr Gedächtnis nicht normal funktionierte. Aus dieser Vorstellung entstand: " Sie werden normal geboren, aber später denken sie offenbar nur noch an die Zapfen."

Ist das noch Ironie, oder einfach nur dummschwätzig?

Wer glaubt schon, Streitereien wie folgende, in historischen Quellentexten zu finden. Werden solche Lappalien wirklich überliefert? Man lese selbst:

Was habt ihr denn erwartet? Mädchen bekommen Kinder, und Kinder schreien, und man muss die Kinder füttern und waschen und warm halten – habt ihr daran gedacht? Ihr Idioten, ihr Narren...“

In einer Satire kann man das alles so stehen lassen, aber nicht, wenn ein römischer Senator Historie betreibt. Tacitus hätte sich dreimal im Grabe herumgewälzt.

Gott Sei Dank hat Doris Lessing auch mal gesagt, Männer sollen sich von den Frauen nicht unterdrücken lassen (aber nicht im Roman ). Festhalten muss man aber doch, wenn die Zapfen nicht auf die Welt gekommen wären, würden die Spalten immer noch faul in der Sonne liegen und sich vom Mond befruchten lassen.