Übersicht - Besprochene Romane und Buchausgaben
Jenö J. Tersánsky (1888-1969): Auf Wiedersehen, Liebste, Verlag der Nation, Berlin, 1984 Tibor Déry (1894-1977): Niki oder die Geschichte eines Hundes, Fischer, 1958 Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, rororo, Neuausgabe 1999
...wird fortgesetzt
Jenö J. Tersánszky: Auf Wiedersehen, Liebste!
Viele
bekannte Kriegsromane, die sich mit dem ersten Weltkrieg
auseinandersetzen, seien es die von Ernst Glaeser („Jahrgang 1902“),
Ludwig Renn („Krieg), Alexander Moritz Frey („Die Pflasterkästen“),
Erich Maria Remarque ( „Im Westen nichts Neues“), Edlef Köppen
(„Heeresbericht“) oder auch andere, sind nach dem Krieg entstanden. Nun
fiel mein Blick ins Bücheregal auf ein schmales Taschenbuch, welches
einige Jahre klanglos im Regal vor sich hin vegetierte: Der Roman des
ungarischen Schriftstellers Jenő J. Tersanszky „Auf Wiedersehen, Liebste!“ Hört sich an wie Rosamunde Pilcher, die mal ein Happy End weggelassen hätte. Dieser Roman entstand bereits 1916.
Jenő
J. Tersánszky (1888 – 1969). In seinen jungen Jahren wollte er sich
der Musik verschreiben, aber nie verschmerzen können, dass er es nie
getan hat. Er begann mit dem Studium der Malerei, landete schließlich in
der Juristerei. In den wenigen Jahren seiner Tätigkeit als Assessor
machte er sich einen Namen als Anwalt der Armen. Allerdings trieb er
dann wieder woandershin und begann mit dem Schreiben. „Mit der Feder glaubte er den Entrechteten, Gestrandeten und im Leben schlecht Davongekommenen am besten dienen zu können.“ So formuliert es Almos Csongár im Nachwort, der bei dem Autoren mal zu Besuch war.
Zitat von Almos Csongár
Als ich aus dem Bus stieg, erkannte ich ihn sofort, obwohl ich ihn noch nie gesehen und wir telefonisch kein Erkennungszeichen verabredet hatten.
Da
man im deutschsprachigen Internet kaum oder gar nichts über Tersánszky
findet, bin ich für das Nachwort sehr dankbar. Er war
Kriegsfreiwilliger. Im Frühjahr 1915 ist in seinem Tagebuch vermerkt:
Zitat von aus dem Tagebuch von Tersánszky
Vom Oberst aufwärts bereichert sich jeder....Der General riskiert rein gar nichts für sein Riesensold, während der einfach Soldat für einen nichtigen Sold alles riskiert.
Um einer Zensur zu entgehen, und als aktiver Soldat nicht vors Kriegsgericht zu landen, verlegt er die Romanhandlung in den Ostzipfel Europas, in ein Dorf in Galizien. Der Panslawismus bringt Russland dazu, Polen im ersten Weltkrieg zu annektieren, und die Polen, so erlesen wir es im Roman, haben große Angst vor den Russen. Sie sind im Anmarsch und jeder der kann fllieht aus dem Dorf. Auch Nela eine 24 jährige Frau, die nach dem Bankrott und Selbstmord ihres Vaters beim Großvater unterkommt, macht, nachdem sie erst davon geträumt, einmal doch die große Liebe ihres Lebens zu begegnen und hoffend nicht als Mauerblümchen in qualvoll vergeblichen Träumen zu versumpfen, einen Fluchtversuch, der allerdings scheitert. Die Russen sind da, man hört das Brüllen der Kanonen. Offenbar befindet sich das Dorf an der Frontlinie. Nela lernt den russischen Offizier Nikolai, der im Hause vorübergehend Unterkunft findet, kennen und lieben. Es ist natürlich klar, aus dieser Liebe kann nie etwas werden. Der Offizier wird wieder ins Kriegsgetümmel gerufen, vorher Nela allerdings wegen ihrer Wollust in einen moralischen Engpass gerät, und sie, nachdem der Offizier fort ist, allerdings ein leichtes Mädchen wird. Die Liebe zu dem Offizier hatte keine Spur Hoffnung auf Dauer. Geschildert wird der soziale und moralische Abstieg eines an sich anständigen Mädchens im ersten Weltkrieg. Unanständig und brutal ist nur der Krieg, der alle Lebensperspektiven zerstört. Lieber einmal der Wollust erliegen, als ein Mauerblümchen im Sehnsuchtsfieber bleiben, scheint doch der Tod nicht fern. Na, ja, wie war's denn bei Lew Kopelew? Frontehen. Die Liebe in Zeiten des Krieges ist für uns heute in Deutschland kaum vorstellbar.
Dieser Roman ist sicher kein Meisterwerk ungarischer Erzählkunst, aber doch ein unterhaltsamer Roman, der immerhin die Atmosphäre von damals spiegelt. Darum erinnert mich der Roman, auch wenn Tersánszky nichts von der Raffinesse eines Perutz hat, gerne an die Zeit von „Wohin rollst du Äpfelchen“. Trotzdem, ich lese gerne Romane aus dieser Zeit, weil sie doch so ganz anders sind, als Romane heutzutage. Darin liegt der Reiz.
Tibor Dery: Niki oder die Geschichte eines Hundes
Tibor Déry
(1894- 1977) gehört zu den bedeutendsten ungarischen Schriftstellern,
sicher auch zu den bedeutenden Schriftstellern, die Europa im 20.
Jahrhundert hervorgebracht hat. Man mag sich nicht täuschen lassen, da
sein Hauptwerk in deutscher Sprache längst vergriffen ist. Weil er André
Gides Buch über die Sowjetunion ins Ungarische übersetzte, wurde er
während des Horthy-Regimes 1938 inhaftiert.. Déry gehört zu den
Wegbereitern des Ungarischen Aufstands 1956. Ich empfehle gleich an
dieser Stelle seine wortgewaltige und wunderbare Autobiografie „Kein
Urteil“,
die u.a. auch ein Spiegel der ungarischen Geschichte bis in die
sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts darstellt.
Déry's Romane sind vor
allem politisch motiviert. Das trifft auch auf seinen kurzen Roman
„Niki oder Die Geschichte eines Hundes“ zu, den Dery in die
stalinistische Ära verlegt; vgl. bei wikipedia
Erzählt wird von dem Ehepaar Ancsa, die nach
hartnäckigem, aber sympathischem Quengeln eines Foxterriers, der auf den
Namen Niki hört, diesen Hund in Pflege nehmen. Noch wohnt das Ehepaar
auf dem Lande und der Hund genießt seine spielerischen Freiheiten und
Jagden in der Natur. Auch Herr Ancsa, ein Bergbauingenieur lebt gut in
Lohn und Brot. Dieses Glück währt nicht lange, denn Herr Ancsa, zwar ein
Kommunist, wird von der Obrigkeit aus seinem Beruf degradiert, muss mit
Frau und Hund nach Budapest ziehen. Nach einigen niederen beruflichen
Tätigkeiten verschwindet Herr Ancsa irgendwo für mehrere Jahre in
irgendeinem stalinistischen Gefängnis. Seine Frau kämpft seitdem mit
Armut. Das sei inhaltlich zur Genüge.
Das besondere an
diesem Roman ist, er wird aus der Sicht des Hundes erzählt. Der Autor
versucht sehr glücklich, ohne dass es an den Haaren herbeigezogen ist,
sich in die Gemütswelt eines Hundes hineinzuversetzen. Das gelingt ihm
mit sehr großen Stilsicherheit und so glaubwürdigdig, dass ich sehr
darüber staune, wie sich ein Mensch in ein Tier einfühlen kann.
Wir erfahren drei
Ebenen: Die Ebene des Erzählers, der auch mal philosophische
Überlegungen anstellt, z.B, ob ein Hund ein Gewissen hat, wir erfahren
von den Lebensumständen des Ehepaares und in erster Linie vom Hund Niki
selbst. Das Leid der Ancsas läuft parallel mit dem Leid des Hundes, der
es nicht verschmerzen kann, dass sein Herrchen nicht mehr anwesend ist.
Der Stalinismus in Ungarn hinterlässt bei dem Hund seine Spuren.
Natürlich habe ich
mich zu Lektürebeginn gefragt, warum ich ein Buch über einen Hund lesen
soll? Der Text hat mich aber restlos überzeugt. Hier ist nirgendwo eine
Spur von trivialem Hundewinseln. Nein. Keineswegs. Ich kenne von Déry
auch seine Autobiografie und den Roman „Die Antwort der
Kindheit“.
Dort wie auch hier, ein Autor, der sich zu lesen lohnt (den Deutschland
und Europa nicht vergessen sollte).
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
Im "Galeerentagebuch" verrät uns Kertész über den „Roman
eines Schicksallosen“: „Das Autobiographischste in meiner Biographie ist, daß es in
"Schicksalslosigkeit" nichts Autobiographisches gibt. Autobiographisch
ist, wie ich darin um der großen Wahrhaftigkeit willen alles
Autobiographische weggelassen habe“ (Galeerentagebuch Seite 185,
Rowohlt Berlin 1993), demzufolge ich den Roman als Roman zu lesen habe,
auch wenn ich weiß, dass Imre Kertész in den Konzentrationslagern war. Da sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen werden soll, hat der
fünfzehnjährige Gyurka Schulfrei bekommen. Der Roman wird aus der Sicht
von Gyurka erzählt, der noch keinen Einblick in die Erwachsenenwelt hat,
sich nicht darüber im klaren ist, dass er womöglich den letzten Tag mit
seinem Vater verbringt. Von den Gefahren, denen Juden in dieser
schrecklichen Zeit ausgesetzt sind, ist der Junge ahnungslos, vielleicht
auch noch zu naiv, um zu begereifen , obwohl er den Judenhass eines
Bäckers zu spüren bekommen hatte. Allerdings ist der Junge ziemlich
aufgeweckt, weil er die Absurdität des Rassenhasses darlegen kann. Wenn
wir den Roman allerdings weiterverfolgen, erscheint mir diese
Aufgewecktheit allerdings unglaubwürdig. Denn obwohl Gyurkas Vater und
Onkel Lajos die Gefahren des Nationalsozialismus erahnen oder wissen,
bleibt der Junge ahnungslos und hinterfragt nicht. Natürlich habe ich
mich gefragt, ob diese Ahnungslosigkeit nur aus heutiger Sicht naiv ist.
Das Horthy-Regime war zwar antisemitisch und erließ diskriminierende
Judengesetze, man ließ die Juden aber noch am Leben (siehe hier
). Erst als die Nazis 1944 Ungarn besetzten, in der Zeit, in der unser
Roman spielt, wurden Hunderttausende in Konzentrationslager gebracht.
Spätestens dann muss sich das in Ungarn herumgesprochen haben. Trotzdem,
in seiner Unwissenheit ist Gyurka nicht allein. Gyurka, der „nicht einfach nur so dahinlebe, sondern in
der Industrie kriegsgewichtige Arbeit leiste“, wird eines Tages
auf dem Weg zur Arbeit aus dem Autobus geholt. Ein Polizist sammelt an
diesem Morgen Juden aus den Autobussen heraus und bringt sie vorerst in
ein Zollhaus. Für die Jungen, die sich von der Fabrik her kannten, war
dieses Zusammentreffen belustigend, für die Erwachsenen, die auch im
Zollhaus festgehalten wurden, war es eine Verunsicherung. „...alles Männer. Aber wie ich sah, haben sie
den Polizisten schon mehr Mühe gemacht: sie verstanden die Sache nicht,
schüttelten den Kopf, erklärten fortwährend etwas, holten immer wieder
ihre Papiere hervor, belästigten ihn mit Fragen.“ Gyurkas Naivität erweist sich als
treffendes Mittel, dem Leser die Grausamkeit der Lager näher zu bringen.
Hierin verwirklicht sich offenbar Kertész Aussage „Das Konzentrationslager ist
ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht.“
(Galeerentagebuch, Seite 253). So
assoziiert der Junge die Schornsteine von Auschwitz mit dem Schornstein
einer Lederfabrik, den er mal gesehen hat, der auch Gestank verbreitet
hatte. Auch die Bemerkung „...und
der Ort, wo sie vergast wurden, sei sehr hübsch gelegen, zwischen
Rasenplätzen, Wäldchen und Blumenbeeten: deshalb hatte ich schließlich
den Eindruck, es sei eine Art Schabernack....“ schockiert, macht das Grauen erahnbar.
Ich gebe gerne zu, mich selten so gegraut zu haben wie bei Kertész.
Dagegen ist H.P. Lovecraft ein Klinkerlitzchen, der mich, weil sich
andauernd Motive wiederholen, irgendwann dann auch gelangweilt hat.
Nicht so bei Kertész. Naive Feststellungen, im KZ erfahren zu haben,
dass Zigeuner Verbrecher seien, brennen sich in Gehirnwindungen. Durch
Weglassungen bestimmte Wirkungen auf den Leser zu projezieren, ist eine
große Kunst, und diese Kunst beherrscht Kertész. Der Leser ist der
Wissende, Gyurka, was übrigens eine Verniedlichung von György ist, ist
der Unwisende. Auch wenn Gyurka beim Anblick rauchender Schornsteine wie
ein Wunder hinterfragt, "ob die
Epidemie wohl solche Ausmaße habe, daß es so viele Tote gab.",
bleibt Gyurka, der kleine Gyurika, der die Läuse beobachtet, die in
seinem Fleisch saßen und sich von seiner Wunde nährten. Erschaudernd, wie er vom Ekel faulendendem
Fleisches, von Krätze, erzählt, von scheußlichen Entdeckungen am eigenen
Körper, sodass sich Gyurka nicht mehr waschen möchte. Und dann... ...Und dann musste ich grübeln, was György
mit dem „Glück der Konzentrationslager“ meint. Glück an diesem Ort des Grauens? Wie
absurd erscheint das, dabei ist das Überleben auch schon Glück, oder
wenn man sich nach schinderischer Arbeit schlafen legen kann oder seine
letzten Lebenskräfte aufspürt. Trotzdem erscheint es unglaublich, was
der kleine Gyuri als Glück empfindet. Fesselnd und eindringlich sind die
Erlebnisse in den Konzentrationslagern beschrieben. >„Mit einer solchen Last kann
man kein neues Leben beginnen“, und da hatte er bis zu einem gewissen
Grad recht, das mußte ich zugeben. Nur verstand ich nicht ganz, wie sie
etwas verlangen konnten, was unmöglich ist,....<