Übersicht - Besprochene Romane und Buchausgaben

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, rororo, Neuausgabe 1999                            Tibor Déry: (1894-1977)  Niki oder die Geschichte eines Hundes, Fischer, 1958  

                                                                                                                                                              ...wird fortgesetzt


Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

Im "Galeerentagebuch" verrät uns Kertész über den „Roman eines Schicksallosen“:


„Das Autobiographischste in meiner Biographie ist, daß es in "Schicksalslosigkeit" nichts Autobiographisches gibt. Autobiographisch ist, wie ich darin um der großen Wahrhaftigkeit willen alles Autobiographische weggelassen habe“ (Galeerentagebuch Seite 185, Rowohlt Berlin 1993), demzufolge ich den Roman als Roman zu lesen habe, auch wenn ich weiß, dass Imre Kertész in den Konzentrationslagern war.


Da sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen werden soll, hat der fünfzehnjährige Gyurka Schulfrei bekommen. Der Roman wird aus der Sicht von Gyurka erzählt, der noch keinen Einblick in die Erwachsenenwelt hat, sich nicht darüber im klaren ist, dass er womöglich den letzten Tag mit seinem Vater verbringt. Von den Gefahren, denen Juden in dieser schrecklichen Zeit ausgesetzt sind, ist der Junge ahnungslos, vielleicht auch noch zu naiv, um zu begereifen , obwohl er den Judenhass eines Bäckers zu spüren bekommen hatte. Allerdings ist der Junge ziemlich aufgeweckt, weil er die Absurdität des Rassenhasses darlegen kann. Wenn wir den Roman allerdings weiterverfolgen, erscheint mir diese Aufgewecktheit allerdings unglaubwürdig. Denn obwohl Gyurkas Vater und Onkel Lajos die Gefahren des Nationalsozialismus erahnen oder wissen, bleibt der Junge ahnungslos und hinterfragt nicht. Natürlich habe ich mich gefragt, ob diese Ahnungslosigkeit nur aus heutiger Sicht naiv ist. Das Horthy-Regime war zwar antisemitisch und erließ diskriminierende Judengesetze, man ließ die Juden aber noch am Leben (siehe hier ). Erst als die Nazis 1944 Ungarn besetzten, in der Zeit, in der unser Roman spielt, wurden Hunderttausende in Konzentrationslager gebracht. Spätestens dann muss sich das in Ungarn herumgesprochen haben. Trotzdem, in seiner Unwissenheit ist Gyurka nicht allein. Gyurka, der „nicht einfach nur so dahinlebe, sondern in der Industrie kriegsgewichtige Arbeit leiste“, wird eines Tages auf dem Weg zur Arbeit aus dem Autobus geholt. Ein Polizist sammelt an diesem Morgen Juden aus den Autobussen heraus und bringt sie vorerst in ein Zollhaus. Für die Jungen, die sich von der Fabrik her kannten, war dieses Zusammentreffen belustigend, für die Erwachsenen, die auch im Zollhaus festgehalten wurden, war es eine Verunsicherung.


„...alles Männer. Aber wie ich sah, haben sie den Polizisten schon mehr Mühe gemacht: sie verstanden die Sache nicht, schüttelten den Kopf, erklärten fortwährend etwas, holten immer wieder ihre Papiere hervor, belästigten ihn mit Fragen.“


Gyurkas Naivität erweist sich als treffendes Mittel, dem Leser die Grausamkeit der Lager näher zu bringen. Hierin verwirklicht sich offenbar Kertész Aussage


„Das Konzentrationslager ist ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht.“ (Galeerentagebuch, Seite 253).


So assoziiert der Junge die Schornsteine von Auschwitz mit dem Schornstein einer Lederfabrik, den er mal gesehen hat, der auch Gestank verbreitet hatte. Auch die Bemerkung


„...und der Ort, wo sie vergast wurden, sei sehr hübsch gelegen, zwischen Rasenplätzen, Wäldchen und Blumenbeeten: deshalb hatte ich schließlich den Eindruck, es sei eine Art Schabernack....“


schockiert, macht das Grauen erahnbar. Ich gebe gerne zu, mich selten so gegraut zu haben wie bei Kertész. Dagegen ist H.P. Lovecraft ein Klinkerlitzchen, der mich, weil sich andauernd Motive wiederholen, irgendwann dann auch gelangweilt hat. Nicht so bei Kertész. Naive Feststellungen, im KZ erfahren zu haben, dass Zigeuner Verbrecher seien, brennen sich in Gehirnwindungen. Durch Weglassungen bestimmte Wirkungen auf den Leser zu projezieren, ist eine große Kunst, und diese Kunst beherrscht Kertész. Der Leser ist der Wissende, Gyurka, was übrigens eine Verniedlichung von György ist, ist der Unwisende. Auch wenn Gyurka beim Anblick rauchender Schornsteine wie ein Wunder hinterfragt, "ob die Epidemie wohl solche Ausmaße habe, daß es so viele Tote gab.", bleibt Gyurka, der kleine Gyurika, der die Läuse beobachtet, die in seinem Fleisch saßen und sich von seiner Wunde nährten. Erschaudernd, wie er vom Ekel faulendendem Fleisches, von Krätze, erzählt, von scheußlichen Entdeckungen am eigenen Körper, sodass sich Gyurka nicht mehr waschen möchte. Und dann...


...Und dann musste ich grübeln, was György mit dem „Glück der Konzentrationslager“ meint. Glück an diesem Ort des Grauens? Wie absurd erscheint das, dabei ist das Überleben auch schon Glück, oder wenn man sich nach schinderischer Arbeit schlafen legen kann oder seine letzten Lebenskräfte aufspürt. Trotzdem erscheint es unglaublich, was der kleine Gyuri als Glück empfindet. Fesselnd und eindringlich sind die Erlebnisse in den Konzentrationslagern beschrieben.


>„Mit einer solchen Last kann man kein neues Leben beginnen“, und da hatte er bis zu einem gewissen Grad recht, das mußte ich zugeben. Nur verstand ich nicht ganz, wie sie etwas verlangen konnten, was unmöglich ist,....<



Tibor Dery: Niki oder die Geschichte eines Hundes



Tibor Déry (1894- 1977) gehört zu den bedeutendsten ungarischen Schriftstellern, sicher auch zu den bedeutenden Schriftstellern, die Europa im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Man mag sich nicht täuschen lassen, da sein Hauptwerk in deutscher Sprache längst vergriffen ist. Weil er André Gides Buch über die Sowjetunion ins Ungarische übersetzte, wurde er während des Horthy-Regimes 1938 inhaftiert.. Déry gehört zu den Wegbereitern des Ungarischen Aufstands 1956. Ich empfehle gleich an dieser Stelle seine wortgewaltige und wunderbare Autobiografie „Kein Urteil“, die u.a. auch ein Spiegel der ungarischen Geschichte bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts darstellt.

Déry's Romane sind vor allem politisch motiviert. Das trifft auch auf seinen kurzen Roman „Niki oder Die Geschichte eines Hundes“ zu, den Dery in die stalinistische Ära verlegt; vgl. bei wikipedia

Erzählt wird von dem Ehepaar Ancsa, die nach hartnäckigem, aber sympathischem Quengeln eines Foxterriers, der auf den Namen Niki hört, diesen Hund in Pflege nehmen. Noch wohnt das Ehepaar auf dem Lande und der Hund genießt seine spielerischen Freiheiten und Jagden in der Natur. Auch Herr Ancsa, ein Bergbauingenieur lebt gut in Lohn und Brot. Dieses Glück währt nicht lange, denn Herr Ancsa, zwar ein Kommunist, wird von der Obrigkeit aus seinem Beruf degradiert, muss mit Frau und Hund nach Budapest ziehen. Nach einigen niederen beruflichen Tätigkeiten verschwindet Herr Ancsa irgendwo für mehrere Jahre in irgendeinem stalinistischen Gefängnis. Seine Frau kämpft seitdem mit Armut. Das sei inhaltlich zur Genüge.

Das besondere an diesem Roman ist, er wird aus der Sicht des Hundes erzählt. Der Autor versucht sehr glücklich, ohne dass es an den Haaren herbeigezogen ist, sich in die Gemütswelt eines Hundes hineinzuversetzen. Das gelingt ihm mit sehr großen Stilsicherheit und so glaubwürdigdig, dass ich sehr darüber staune, wie sich ein Mensch in ein Tier einfühlen kann.

Wir erfahren drei Ebenen: Die Ebene des Erzählers, der auch mal philosophische Überlegungen anstellt, z.B, ob ein Hund ein Gewissen hat, wir erfahren von den Lebensumständen des Ehepaares und in erster Linie vom Hund Niki selbst. Das Leid der Ancsas läuft parallel mit dem Leid des Hundes, der es nicht verschmerzen kann, dass sein Herrchen nicht mehr anwesend ist. Der Stalinismus in Ungarn hinterlässt bei dem Hund seine Spuren.

Natürlich habe ich mich zu Lektürebeginn gefragt, warum ich ein Buch über einen Hund lesen soll? Der Text hat mich aber restlos überzeugt. Hier ist nirgendwo eine Spur von trivialem Hundewinseln. Nein. Keineswegs. Ich kenne von Déry auch seine Autobiografie und den Roman „Die Antwort der Kindheit“. Dort wie auch hier, ein Autor, der sich zu lesen lohnt (den Deutschland und Europa nicht vergessen sollte).