Übersicht - Besprochene Romane und Buchausgaben

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, rororo, Neuausgabe 1999                              wird fortgesetzt.....


Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

Im "Galeerentagebuch" verrät uns Kertész über den „Roman eines Schicksallosen“:


„Das Autobiographischste in meiner Biographie ist, daß es in "Schicksalslosigkeit" nichts Autobiographisches gibt. Autobiographisch ist, wie ich darin um der großen Wahrhaftigkeit willen alles Autobiographische weggelassen habe“ (Galeerentagebuch Seite 185, Rowohlt Berlin 1993), demzufolge ich den Roman als Roman zu lesen habe, auch wenn ich weiß, dass Imre Kertész in den Konzentrationslagern war.


Da sein Vater zum Arbeitsdienst einberufen werden soll, hat der fünfzehnjährige Gyurka Schulfrei bekommen. Der Roman wird aus der Sicht von Gyurka erzählt, der noch keinen Einblick in die Erwachsenenwelt hat, sich nicht darüber im klaren ist, dass er womöglich den letzten Tag mit seinem Vater verbringt. Von den Gefahren, denen Juden in dieser schrecklichen Zeit ausgesetzt sind, ist der Junge ahnungslos, vielleicht auch noch zu naiv, um zu begereifen , obwohl er den Judenhass eines Bäckers zu spüren bekommen hatte. Allerdings ist der Junge ziemlich aufgeweckt, weil er die Absurdität des Rassenhasses darlegen kann. Wenn wir den Roman allerdings weiterverfolgen, erscheint mir diese Aufgewecktheit allerdings unglaubwürdig. Denn obwohl Gyurkas Vater und Onkel Lajos die Gefahren des Nationalsozialismus erahnen oder wissen, bleibt der Junge ahnungslos und hinterfragt nicht. Natürlich habe ich mich gefragt, ob diese Ahnungslosigkeit nur aus heutiger Sicht naiv ist. Das Horthy-Regime war zwar antisemitisch und erließ diskriminierende Judengesetze, man ließ die Juden aber noch am Leben (siehe hier ). Erst als die Nazis 1944 Ungarn besetzten, in der Zeit, in der unser Roman spielt, wurden Hunderttausende in Konzentrationslager gebracht. Spätestens dann muss sich das in Ungarn herumgesprochen haben. Trotzdem, in seiner Unwissenheit ist Gyurka nicht allein. Gyurka, der „nicht einfach nur so dahinlebe, sondern in der Industrie kriegsgewichtige Arbeit leiste“, wird eines Tages auf dem Weg zur Arbeit aus dem Autobus geholt. Ein Polizist sammelt an diesem Morgen Juden aus den Autobussen heraus und bringt sie vorerst in ein Zollhaus. Für die Jungen, die sich von der Fabrik her kannten, war dieses Zusammentreffen belustigend, für die Erwachsenen, die auch im Zollhaus festgehalten wurden, war es eine Verunsicherung.


„...alles Männer. Aber wie ich sah, haben sie den Polizisten schon mehr Mühe gemacht: sie verstanden die Sache nicht, schüttelten den Kopf, erklärten fortwährend etwas, holten immer wieder ihre Papiere hervor, belästigten ihn mit Fragen.“


Gyurkas Naivität erweist sich als treffendes Mittel, dem Leser die Grausamkeit der Lager näher zu bringen. Hierin verwirklicht sich offenbar Kertész Aussage


„Das Konzentrationslager ist ausschließlich als Literatur vorstellbar, als Realität nicht.“ (Galeerentagebuch, Seite 253).


So assoziiert der Junge die Schornsteine von Auschwitz mit dem Schornstein einer Lederfabrik, den er mal gesehen hat, der auch Gestank verbreitet hatte. Auch die Bemerkung


„...und der Ort, wo sie vergast wurden, sei sehr hübsch gelegen, zwischen Rasenplätzen, Wäldchen und Blumenbeeten: deshalb hatte ich schließlich den Eindruck, es sei eine Art Schabernack....“


schockiert, macht das Grauen erahnbar. Ich gebe gerne zu, mich selten so gegraut zu haben wie bei Kertész. Dagegen ist H.P. Lovecraft ein Klinkerlitzchen, der mich, weil sich andauernd Motive wiederholen, irgendwann dann auch gelangweilt hat. Nicht so bei Kertész. Naive Feststellungen, im KZ erfahren zu haben, dass Zigeuner Verbrecher seien, brennen sich in Gehirnwindungen. Durch Weglassungen bestimmte Wirkungen auf den Leser zu projezieren, ist eine große Kunst, und diese Kunst beherrscht Kertész. Der Leser ist der Wissende, Gyurka, was übrigens eine Verniedlichung von György ist, ist der Unwisende. Auch wenn Gyurka beim Anblick rauchender Schornsteine wie ein Wunder hinterfragt, "ob die Epidemie wohl solche Ausmaße habe, daß es so viele Tote gab.", bleibt Gyurka, der kleine Gyurika, der die Läuse beobachtet, die in seinem Fleisch saßen und sich von seiner Wunde nährten. Erschaudernd, wie er vom Ekel faulendendem Fleisches, von Krätze, erzählt, von scheußlichen Entdeckungen am eigenen Körper, sodass sich Gyurka nicht mehr waschen möchte. Und dann...


...Und dann musste ich grübeln, was György mit dem „Glück der Konzentrationslager“ meint. Glück an diesem Ort des Grauens? Wie absurd erscheint das, dabei ist das Überleben auch schon Glück, oder wenn man sich nach schinderischer Arbeit schlafen legen kann oder seine letzten Lebenskräfte aufspürt. Trotzdem erscheint es unglaublich, was der kleine Gyuri als Glück empfindet. Fesselnd und eindringlich sind die Erlebnisse in den Konzentrationslagern beschrieben.


>„Mit einer solchen Last kann man kein neues Leben beginnen“, und da hatte er bis zu einem gewissen Grad recht, das mußte ich zugeben. Nur verstand ich nicht ganz, wie sie etwas verlangen konnten, was unmöglich ist,....<