Hier stelle ich in Auswahl einige Romane des 21. Jahrhunderts vor. Für jedes Jahr mindestens einen Roman, solange meine körperlichen und geistigen Kräfte durchhalten. :)

Übersicht - Besprochene Bücher und Buchausgaben

2001:  W. G. Sebald: "Austerlitz", Fischer-Taschenbuch, Juli 2008                                 wird fortgesetzt

2001

 W. G. Sebald: "Austerlitz"

Der Roman beginnt mit einem Faszinosum, wie ich es in der Literatur bisher noch nicht gelesen habe. Er beginnt mit einer Überblendung, wie es sonst nur im Film üblich ist, um einen „kontinuierlichen Übergang von einer Kamerastellung oder Szene zu einer anderen“, wie es bei wikipedia heißt. Der Erzähler tritt in den Salle de pas perdus, dem Wartesaal des Antwerpener Bahnhofs ein und plötzlich tauchen ihm Bilder eines früheren Besuches des hiesigen Nocturamas in seinem Geist auf, „eine Überblendung, die natürlich auch daher rühren mochte, daß die Sonne sich hinter die Dächer der Stadt senkte, gerade als ich den Wartesaal betrat.“  Das sich zwei Szenen aus unterschiedlicher Zeit überblenden, sei gleich darauf verwiesen, dass W. G. Sebald in diesem Roman eine Zeittheorie entwickelt, die Zeit sei nicht linear, sie bewege sich in Wirbeln, auf Seite 152 wir eine Überblendung der Zeit entdecken. Die Theorie besagt

"...das sämtliche Zeitmomente gleichzeitig nebeneinander existierten, beziehungsweise daß nichts von dem, was die Geschichte erzählt, wahr wäre, das Geschehene noch gar nicht geschehen ist, sondern eben erst geschieht, in dem Augenblick, in dem wir es denken."(Seite 152).


Auf diese Weise Begebenheiten der persönlichen – und  der Weltgeschichte aufeinander verbunden werden und Lokalitäten Ausdruck persönlicher Psyche werden können. Alles ist miteinander verwoben.

Der Ich-Erzähler begegnet auf dem Bahnhof Jacques Austerlitz, der am kulturhistorischen Institut in London eine Dozentur innehat, einen Spezialisten für kapitalistische Architektur des 19. Jahrhunderts. So beginnt er von der Architektur des Bahnhofs zu erzählen, und als ihn der Erzähler in Lüttich wiedertrifft, vom Brüsseler Justizpalast. In der Architektur des Antwerpener Bahnhofs überlappen sich verschiedene Baustile unterschiedlichster Epochen, als ob sich in diesem Bauwerk der Wirbel der Zeit manifestiert hat, beim Eintreten der Halle man das Gefühl habe, als befinde man sich jenseits aller Profanität, „in einer dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale“. Alles scheint im Ausdruck der Halle enthalten zu sein, sei es die Entlehnung architektonischer Bauelemente von Renaissancepalästen, oder gleichwie im römischen Pantheon von oben herabblickende Gottheiten herablicken, hier im Bahnhof Symbole der Gottheiten des 19. Jahrhunderts herabblicken: „der Bergbau, die Industrie, der Verkehr, der Handel und das Kapital.“

Es ist kein Zufall, dass der Roman auf einem Bahnhof beginnt. Jacques Austerlitz ist ein herumreisender jüdischer Exilant, der sich oft auf Bahnhöfen aufhält, als Kind seine Heimat verloren hat, und in Wales in bedrückender Atmosphäre im Hause eines calvinistischen Pfarrers aufgewachsen ist. Jacques Austerlitz begibt sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit, und wenn er von Korridoren und Treppen im Brüsseler Justizpalast erzählt, die nirgendwo hinführen, ist das für mich eine Metapher für Austerlitz' Suche nach sich selbst, nach seiner Vergangenheit.

Die Zeit, das verweben diverser Ereignisse, ist ein großes Thema des Romans.

"Während der beim Reden eintretenden Pausen merkten wir beide, wie unendlich lang es dauerte, bis wieder eine Minute verstrichen war, und wie schrecklich  uns jedesmal, trotzdem wir es doch erwarteten, das Vorrücken dieses, einem Richtschwert gleichenden Zeigers schien, wenn er das nächste Sechzigstel einer Stunde von der Zukunft abtrennte mit einem derart bedrohlichen Nachzittern, daß einem beinahe das Herz aussetzte dabei."(Seite 17).

Dass die Zeit nicht als linear/chronologisch gedacht wird, zeigt auch die Tatsache, dass der Erzähler, als er Austerlitz nach einer zwanzigjährigen Pause zufällig im Dezember 1996  in einem  Londoner Hotel wiedersah,  dieser um zehn Jahre jünger erschien. Damals vor zwanzig Jahren hatte er Austerlitz für etwa 10 Jahre älter gehalten. Austerlitz scheint ein zeitloser Repräsentant für alle vor den Nazis geflüchteten Juden zu sein.

Sebalds Sprache ist, wenn man sich an den sog. „Sebald-Ton“ (offenbar schon ein Begriff in der Germanistik) gewöhnt hat, ein Genuss.  Die ersten 16 Seiten musste ich noch einmal lesen und dann ging es, nein mehr, es war wirklich schön, Sebalds musikalische Prosaschleifen schweifen zu lassen, und es ist nicht diese Literatur, bei der man überlegen muss, was meint der Autor denn damit, sondern mit ein wenig Konzentration ein gut eingehender Text, ich übrigens im zweiten Durschmarsch der Lektüre mich befinde und immer noch mit Hingabe an dem Buch hänge.

Die Geschehnisse auf dem Bahnhof Liverpool-Street-Station noch vor der Hälfte des Romans gilt m.M.n. als Höhepunkt des Romangeschehens, hier in einer zeitlichen Überblendung Austerlitz Zeuge seiner selbst wird, wie er nach dem Kindertransport aus Prag von seinen Zieheltern, dem calvinistischen Pfarrerehepaar abgeholt wird, für Austerlitz der Ausgangspunkt für  Nachforschungen in seine Vergangenheit, dem Schicksal seiner Eltern in dem von den Nazis besetzten Prag auf die Spur zu kommen. Auf diesen Seiten, auch auf den vorbereitenden Seiten, auf denen wir einen tiefen Einblick in das Verlorensein eines Menschen tauchen, dem seine Herkunft unbewusst ist,  mag ich mich Fragen, was für Superlativen in der Literatur noch möglich sind, welche Superlativen ich noch erlesen werde, da „Austerlitz“ Sebalds letztes Werk ist, hier wohl der Höhepunkt seines schrifstellerischen Schaffens gesehen werden muss, gerade auf diesen wenigen Seiten.

Man gehe also in eine Buchhandlung, schnappe sich das Buch und beginne ab Seite 180 (kleiner Tipp).

"Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten, kaum wandte sich jemand zu mir, begann ich, mich abzusetzen." (Seite 185).

Wie auch Gestalten in Paveses Werk pflegt Austerlitz des Nachts ausgedehnte Spaziergänge:

"Dabei ist es mir in den Bahnhöfen wiederholt passiert, daß ich unter denen, die mir entgegenkamen in den gekachelten Gängen, auf den steil in die Tiefe hinabgehenden Rolltreppen oder die ich eblickte hinter den grauen Scheiben eines eben auslaufenden Zuges, ein von mir früher her vertrautes Gesicht zu erkennen vermeinte. Immer hatten diese bekannten Gesichter etwas von allen anderen Verschiedenes, etwas Verwischtes, möchte ich sagen, und sie verfolgten und beunruhigten mich manchmal tagelang." Seite 187.

Sicher keine illusionären Verkennungen wie im Erlkönig, sondern ahnende Schauungen in seine Vergangenheit, eine andere Zeitebene überlappt sich mit der gegenwärtigen... und so schauen wir nach Wertach, 1944, W. G. Sebald dort im Allgäu geboren und  noch weiter zurück:

"Am folgenden Morgen, der Tag war kaum angebrochen, sind dann tatsächlich die Deutschen in Prag eingezogen, mitten in einem dichten Schneegestöber, daß sie gewissermaßen aus dem Nichts hervorzubringen schien, und als sie über die Brücke kamen und die Panzerwagen die Národní hinaufrollten, hat sich ein tiefes Schweigen ausbebreitet über die ganze Stadt. Die Menschen haben sich abgewandt, sind langsamer, wie im Schlaf gegangen von dieser Stunde an, als wüßten sie nicht mehr, wohin." (Seite 250)


W. G. Sebald, der 1966 nach England auswanderte, wurde erst seit Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland wahrgenommen. In Frankreich schlug man ihn sogar als Nobelpreiskandidaten vor. Seine literarischen Werke erscheinen seit Ende der achtziger Jahre.

„Austerlitz“ ist ein gewaltig konstruiertes Kunstwerk. Allein die zufälligen Begegnungen zwischen dem Erzähler und Austerlitz, und warum nur weiß der studierte Architekturexperte nichts vom Holocaust, erfährt erst ziemlich spät davon Anfang der neunziger Jahre (das ist er fast im Rentenalter) – unmöglich, kaum zu glauben. Da fragt man sich, was für eine Absicht dahinter stehe. Vom Autor sicher bewusst so konstruiert, hat er doch jahrelang an seinen Werken gesessen, war sehr gründlich und fügt im Text auch noch Fotos ein, Fotos, die Sebald offenbar gesammelt hat, die dem Leser zusätzlich zum Text noch Stimmungen übermitteln, dem Text dokumentarischen Charakter geben, solch ein sorgfältiger Schriftsteller erlaubt sich keine Nachlässigkeiten und lässt Austerlitz bewusst sehr lange im Dunkeln, sogar das calvanistische Ehepaar war von der Weltgeschichte ausgeschlossen. Das Hauptaugenmerk Sebalds liegt darin, einen melancholisch heimatlosen Menschen zu zeichnen und schafft in seinem Buch  einen solchen Menschen, dabei geht er über an sich logische Verhältnismäßigkeiten hinweg. Mich selber hat das allerdings nicht gestört, denn der Sog der sebald'schen Sprache überdeckt in seinen melodischen Schweifen eine solche Ungereimheit. Konstruktion als Kunstwerk? Das wäre ein interessanter Diskussionsansatz.

Eine schöne Website über W. G. Sebald gibt es hier